Stalking auf FacebookNach dem Sturm

Die Spitzensportlerin Ariane Friedrich wollte sexuelle Belästigung auf Facebook nicht hinnehmen und machte den Namen des Cyber-Stalkers publik. Eine Hasskampagne ohne Beispiel war die Folge. von  und

Hochspringerin Ariane Friedrich

Hochspringerin Ariane Friedrich  |  © Andrea Diefenbach

ZEITmagazin: Sie sind im April 2012 auf Facebook von einem Mann sexuell belästigt worden und haben sich gewehrt. Sie haben den vollen Namen des Mannes und den Wohnort publik gemacht, ihn im Internet an den Pranger gestellt. Als Polizeikommissarin mussten Sie wissen, dass auch für vermeintliche Straftäter das Persönlichkeitsrecht gilt...

Ariane Friedrich: ... Moment mal. Ich bin zuallererst als Sportlerin und als Frau angemacht worden und nicht als Polizistin. Das muss man wirklich mal trennen. Ich persönlich habe diese Trennung in diesem Moment vollzogen – und als Frau reagiert.

Anzeige

ZEITmagazin: Rechtliche Bedenken hatten Sie nicht?

Ariane Friedrich: Ich habe mich vorher strafrechtlich informiert, ob ich das darf oder nicht. Es ist nicht klar im Strafgesetz geregelt. Allerdings entsprach mein Verhalten nicht gerade dem vorbildlichen Verhalten einer Polizistin. Strafrechtlich habe ich mich aber nicht in die Nesseln gesetzt.

ZEITmagazin: Es war also keine spontane Unbedachtheit, sondern kalkulierte Rache, um solche Belästiger zu warnen und loszuwerden?

ARIANE FRIEDRICH

29, ist ein Ausnahmetalent. Mit 2,06 Metern hält sie den deutschen Hochsprungrekord. Dazu kommen zwölf deutsche Meistertitel und ein Halleneuropameistertitel. Die gebürtige Thüringerin begann als Vierzehnjährige an Wettkämpfen teilzunehmen. Seit 2003 springt sie für Eintracht Frankfurt, wo sie von Günter Eisinger trainiert wird. 2010 riss sie sich die Achillessehne; seither kämpft sie sich zurück. Friedrich ist Polizeikommissarin von Beruf. Im April 2012 veröffentlichte sie den Namen eines Mannes, der sie auf Facebook sexuell belästigt hatte – und wurde dafür heftig kritisiert

Ariane Friedrich: Es war keine kalkulierte Rache. Kalkuliert bedeutet, dass ich ihn vorsätzlich an den Pranger stellen wollte, das war nicht beabsichtigt. Ich bekomme ständig Mails mit Beleidigungen oder Fotos mit sexuellem Hintergrund. Immer unter dem Deckmantel der Anonymität. Es sind auch schon gefälschte Pornobilder mit mir im Internet gewesen. Je bekannter man wird, desto mehr muss man sich anscheinend gefallen lassen. Ich bin nicht mehr bereit, das einfach hinzunehmen.

ZEITmagazin: Und dann kam diese Facebook-Nachricht von Torsten D., bei der Sie gesagt haben: Jetzt reicht’s. Er schrieb Ihnen: "Willst Du mal einen schönen Schwanz sehen? Gerade geduscht und frisch rasiert." Und sein Geschlechtsteil war im Anhang als Foto zu sehen. Haben Sie das angeklickt?

Ariane Friedrich: Um Gottes willen, nein. Ich habe mir aber sofort sein Facebook-Profil angeguckt. Es waren sehr private Informationen auf seinem Profil, auch Bilder von seinem Kind, mit dem er im Zoo war.

ZEITmagazin: Heißt das, Sie waren auf Facebook miteinander befreundet?

Ariane Friedrich: Nein. Wir waren nicht befreundet. Ich hatte auf Facebook eine Fan-Gruppe, die ich gemeinsam mit einem Mitarbeiter eines Sportartikelherstellers verwaltet habe. Herr D. war Mitglied und hatte sein Profil für die Öffentlichkeit nicht gesperrt, jeder konnte es aufrufen. Ich hatte zu der Zeit zudem auch ein privates Facebook-Profil, aber nicht unter meinem echten Namen.

ZEITmagazin: Was war Ihr erster Gedanke, als diese anzügliche Offerte kam?

Ariane Friedrich: Ich saß in der Lobby des Hotels, wir waren im Trainingslager in Südafrika ...

ZEITmagazin: ... und Sie haben es auf Ihrem Handy gelesen?

Ariane Friedrich: Auf dem iPad. Ich war schlichtweg geschockt. Ich war in dem Moment sehr emotional, und ich schaffte es nicht, eine solche diffamierende Nachricht spurlos an mir vorbeigehen zu lassen. Da fehlt mir die Kaltschnäuzigkeit. In dem Moment fand ich die Nachricht unglaublich unverschämt und herabwürdigend, vor allem wie er sich mit seinem Geschlechtsteil angeboten hat. Ich habe mich in meiner Würde als Frau verletzt gefühlt. Für ihn sollte ich als Lustobjekt herhalten. Vielleicht hat er gehofft, dass ich seine sexuellen Gelüste teile und diese erwidere.

Leserkommentare
  1. "Sie scheinen überhaupt nicht befähigt dieses Gespräch zu führen."
    Und Sie als Frau entscheiden, wer wozu befähigt ist und wer sich wann äußern darf. Das wäre eine bemerkenswerte Auffassung von Gleichberechtigung. Oder haben wir Männer da etwas falsch verstanden? Bedeutet Gleichberechtigung für Sie so etwas wie eine Rachediktatur einiger Frauen? Wie gedenken Sie dabei eigentlich mit den Frauen umzugehen, die nicht Ihrer Meinung sind? Verbieten Sie diesen auch den Mund?
    Im Übrigen bin ich mir ziemlich sicher, dass Frau Friedrich nicht zu diesem Interview gezwungen wurde.
    In finde es stets bedenklich, wenn versucht wird, unter dem Deckmantel des Strebens nach gleichen Rechten und gegenseitigem Anerkennung einseitige Forderungen, Einschränkungen, Verbote und Zensur durchzusetzen.

    2 Leserempfehlungen
  2. nirgendwo jemand behauptet. Oder wo steht das?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Finde ich völlig ok!"
    • 2b
    • 27. Januar 2013 12:52 Uhr

    da wäre Ihr Erfahrungswert doch gerade interessant,
    auch hierzu finde ich ...

    bitte, ich meine wenn Sie möchten und das für Ihren Freund so vorwegnehmen dürfen, geben Sie uns Allen etwas Vorbildliches dazu

    Antwort auf "Sehr wichtig"
  3. wie man mit einem solchen Verständnis von Recht und Unrecht den Beruf einer Kriminalkommissarin ausüben kann.

    Als Polizistin sollte Ihnen, Frau Friedrich, bekannt sein, dass Lehrkräfte in nicht geringer Anzahl übelste Beleidigungen im Netz täglich ertragen müssen. Es ist auch nicht sehr angenehm, von Schülern einen Facebook-Account eröffnet zu bekommen und zu erfahren, welche bizarren Hobbys man angeblich pflegt.

    Mein Tipp: Ignorieren (Herr D. hat ein Problem, nicht Sie!) und sich mehr den wesentlichen Dingen des Lebens widmen, z.B. ein Buch lesen. Empfehlung: Ronald Reng - Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben. Vielleicht können Sie nach der Lektüre verstehen, warum sich mir der Zusammenhang zwischen Ihrem Fall und dem Suizid des Torwarts nicht so recht erschließen will.

    2 Leserempfehlungen
  4. »… Friedrich wollte sexuelle Belästigung auf Facebook nicht hinnehmen und machte den Namen des Cyber-Stalkers publik. …«

    Stalking? Das war eine sexuelle Belästigung aber kein Stalking.
    Es mag ja sein, dass Frau F., weil sie nach eigener Auskunft schon einmal »gestalkt« wurde, das so empfand – war es aber nicht.
    Auszug aus ihrer FB-Erklärung, April 2012: »Ich wurde in der Vergangenheit beleidigt, sexuell belästigt und einen Stalker hatte ich auch schon.«

    Die Auffassung von Frau F., dass sie den Mann an den Pranger stellen durfte, teile ich nicht. Dass »sexuelle Belästigung« verfolgt wird ist völlig in Ordnung, aber als Polizistin sollte A.F. wissen, wie – jedenfalls nicht via FB-Pranger.

    Wenn F. am 23. April gegen 1.00 Uhr als Erwiderung an Mike E(…) schreibt »… und bedanke mich bei allen, die mich bei der Jagd unterstützen.«, dann zeigt es, worum es wirklich ging. Und diese Jagd wurde auf Facebook ordentlich angeheizt, auch von »Followers«, die auf FB zu Gewalt aufriefen; u. a. ein Sven D(…) am 25. 4.: »dem gehört der Schw.... abgeschnitten«. Oder Jennifer C(…) »Hackt ihm den schniedel ab! xD«

    Die ganze Aktion war mehr als fragwürdig, zumal es Namensgleichheiten gab. Irgendwann hat jemand mit (Rechts)-Verstand dafür gesorgt, dass das Facebook-Profil samt Gewaltaufrufen gesperrt wurde.

    7 Leserempfehlungen
  5. Was wäre wohl passiert, wenn dieser Herr unter einem falschem realem Namen (und Adresse) unterwegs wäre?

    3 Leserempfehlungen
    • 2b
    • 27. Januar 2013 13:13 Uhr

    ... wer hat Euch erzogen???
    IntegrationsKultur _ "Sag´s auf Deutsch"

    mfg

  6. ... er legitimiert die unrechtmäßige Handlung der Polizistin im Nachhinein. Daran ändert auch die "rechtliche Beratung", die sie, angeblich, eingeholt hat, nicht das Geringste.

    "Ariane Friedrich: ... Moment mal. Ich bin zuallererst als Sportlerin und als Frau angemacht worden und nicht als Polizistin. Das muss man wirklich mal trennen."

    Aha, die Guttenbergsche Persönlichkeitsspaltung. Wie sie das macht, das bleibt ihr Geheimnis. Und der Interviewer fragt nicht nach, wie auch im Rest des Interviews.

    Wenn es in diesem Zusammenhang eine "Hasskampagne" gegeben hat, dann die des Internetmobs gegen den Mann, der das anzügliche Bild verschickt hat. In Richtung Frau Friedrich habe ich eher fundierte Kritik wahrgenommen.

    6 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service