ZEITmagazin: Sie sind im April 2012 auf Facebook von einem Mann sexuell belästigt worden und haben sich gewehrt. Sie haben den vollen Namen des Mannes und den Wohnort publik gemacht, ihn im Internet an den Pranger gestellt. Als Polizeikommissarin mussten Sie wissen, dass auch für vermeintliche Straftäter das Persönlichkeitsrecht gilt...

Ariane Friedrich: ... Moment mal. Ich bin zuallererst als Sportlerin und als Frau angemacht worden und nicht als Polizistin. Das muss man wirklich mal trennen. Ich persönlich habe diese Trennung in diesem Moment vollzogen – und als Frau reagiert.

ZEITmagazin: Rechtliche Bedenken hatten Sie nicht?

Ariane Friedrich: Ich habe mich vorher strafrechtlich informiert, ob ich das darf oder nicht. Es ist nicht klar im Strafgesetz geregelt. Allerdings entsprach mein Verhalten nicht gerade dem vorbildlichen Verhalten einer Polizistin. Strafrechtlich habe ich mich aber nicht in die Nesseln gesetzt.

ZEITmagazin: Es war also keine spontane Unbedachtheit, sondern kalkulierte Rache, um solche Belästiger zu warnen und loszuwerden?

Ariane Friedrich: Es war keine kalkulierte Rache. Kalkuliert bedeutet, dass ich ihn vorsätzlich an den Pranger stellen wollte, das war nicht beabsichtigt. Ich bekomme ständig Mails mit Beleidigungen oder Fotos mit sexuellem Hintergrund. Immer unter dem Deckmantel der Anonymität. Es sind auch schon gefälschte Pornobilder mit mir im Internet gewesen. Je bekannter man wird, desto mehr muss man sich anscheinend gefallen lassen. Ich bin nicht mehr bereit, das einfach hinzunehmen.

ZEITmagazin: Und dann kam diese Facebook-Nachricht von Torsten D., bei der Sie gesagt haben: Jetzt reicht’s. Er schrieb Ihnen: "Willst Du mal einen schönen Schwanz sehen? Gerade geduscht und frisch rasiert." Und sein Geschlechtsteil war im Anhang als Foto zu sehen. Haben Sie das angeklickt?

Ariane Friedrich: Um Gottes willen, nein. Ich habe mir aber sofort sein Facebook-Profil angeguckt. Es waren sehr private Informationen auf seinem Profil, auch Bilder von seinem Kind, mit dem er im Zoo war.

ZEITmagazin: Heißt das, Sie waren auf Facebook miteinander befreundet?

Ariane Friedrich: Nein. Wir waren nicht befreundet. Ich hatte auf Facebook eine Fan-Gruppe, die ich gemeinsam mit einem Mitarbeiter eines Sportartikelherstellers verwaltet habe. Herr D. war Mitglied und hatte sein Profil für die Öffentlichkeit nicht gesperrt, jeder konnte es aufrufen. Ich hatte zu der Zeit zudem auch ein privates Facebook-Profil, aber nicht unter meinem echten Namen.

ZEITmagazin: Was war Ihr erster Gedanke, als diese anzügliche Offerte kam?

Ariane Friedrich: Ich saß in der Lobby des Hotels, wir waren im Trainingslager in Südafrika ...

ZEITmagazin: ... und Sie haben es auf Ihrem Handy gelesen?

Ariane Friedrich: Auf dem iPad. Ich war schlichtweg geschockt. Ich war in dem Moment sehr emotional, und ich schaffte es nicht, eine solche diffamierende Nachricht spurlos an mir vorbeigehen zu lassen. Da fehlt mir die Kaltschnäuzigkeit. In dem Moment fand ich die Nachricht unglaublich unverschämt und herabwürdigend, vor allem wie er sich mit seinem Geschlechtsteil angeboten hat. Ich habe mich in meiner Würde als Frau verletzt gefühlt. Für ihn sollte ich als Lustobjekt herhalten. Vielleicht hat er gehofft, dass ich seine sexuellen Gelüste teile und diese erwidere.