NS-Schülerzeitschrift "Hilf mit!"Subtil, gehässig und wirksam

Ein Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer über die NS-Schülerzeitschrift "Hilf mit!". von Thomas Dierkes

DIE ZEIT: Herr Ortmeyer, vor knapp einem Jahr haben Sie die Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main gegründet. Sie wollen erforschen, wie der NS-Staat die Pädagogik und die Wissenschaft beeinflusst hat. Die Ergebnisse sollen in die Ausbildung von angehenden Lehrern einfließen. Im Moment werten Sie die NS-Schülerzeitschrift Hilf mit! aus. Was ist daran so interessant?

Benjamin Ortmeyer: Im Rahmen eines DFG-Projektes haben wir zunächst zehn pädagogische Zeitschriften aus der NS-Zeit komplett zusammengesucht, digitalisiert und der Forschung zugänglich gemacht, das heißt, den Bibliotheken zur Verfügung gestellt. Auf diesen circa 50.000 Seiten wird die unterschiedliche Systematik bei der Verbreitung von Antisemitismus, Rassismus und Nazipropaganda an verschiedenen Zielgruppen, also bei Schülern, Lehrern oder Wissenschaftlern, sichtbar. Zu der wohl wirkungsstärksten Zeitschrift Hilf mit! legen wir jetzt eine Monografie vor.

Anzeige

ZEIT: War die Hilf mit! eine klassische Schülerzeitung, die von Schülern für Schüler gemacht wurde – oder wer wirkte im Hintergrund?

Ortmeyer: Diese Zeitschrift richtete sich an die Schülerschaft, wurde aber nicht wie Schülerzeitungen heute von Schülern geschrieben. Herausgeber war der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB). Einer der führenden Publizisten des NSLB, der auch maßgeblich an Hilf mit! gearbeitet hat, war Johann von Leers. Er war bei der SS und Professor in Jena. Nach 1945 floh er über ein paar Zwischenstationen nach Ägypten, übersetzte Mein Kampf ins Arabische und galt als Berater des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser.

ZEIT: Wie schätzen Sie den Wirkungsgrad der Hilf mit! ein?

Ortmeyer: Es ist schwierig, das genau zu messen. Sie hatte eine Auflage von fünf Millionen Exemplaren pro Ausgabe, also konnte sie praktisch die gesamte Schülerschaft vom elften Lebensjahr an erreichen. Hilf mit! war eines der Mittel, mit denen eine ganze Generation sozialisiert und indoktriniert wurde – die in der Hitlerjugend groß gewordene Generation von Martin Walser über Helmut Schmidt und Joseph Ratzinger. Günter Grass berichtet in seiner Autobiografie, dass er von der Hilf mit! und deren Aufsatzwettbewerben animiert wurde, seine ersten schriftstellerischen Versuche zu unternehmen. Derartige Erinnerungen, die über einen Zeitraum von 60 Jahren bewahrt werden, sind ein Indiz, dass diese Zeitschrift Spuren hinterlassen hat.

© Beltz Verlag

ZEIT: Und die Wirkungsweise?

Ortmeyer:Hilf mit! war keineswegs nur plumpe Nazipropaganda. Diese wurde inhaltlich gut und wirkungsvoll dosiert. Zwei Drittel des Materials, das zeigen schon die Titelbilder, beschwören eine Idylle. Da geht es um gesunde deutsche Mädchen und deutsche Jungen, um Mutter und Kind, um den Weihnachtsbaum, um niedliche kleine Igel und Hunde. Doch zielgenau eingestreut wurden, neben ein wenig Propaganda für Hitler und die Hitlerjugend, ausgesprochen subtile Artikel. Mit pervertiertem reformpädagogischen Geschick werden die Jugendlichen zum »forschenden Lernen« aufgefordert.

ZEIT: Wie sah das konkret aus?

Ortmeyer: In einem Artikel über einen »Fähnleinführer Dieter« werden die Leser zum Beispiel suggestiv aufgefordert, mithilfe von Kirchenbüchern noch versteckte Juden aufzuspüren und zu enttarnen; oder in einem anderen, die Bücherschränke der eigenen Eltern nach »jüdischem Gift« zu durchforsten. Dazu immer wieder der Appell »Hilf mit!«. Zudem wird in scheinbar lustige Geschichten eingestreut, dass »die Juden wie Wanzen« seien, dass der jüdische Glaube eh einerlei sei, wenn ein alter Bauer verkündet: »In der Rasse liegt die Schweinerei.« Die nazistische Rassenlehre wird an Hunden, Pferden und Hühnern demonstriert. Von der Aufmachung ist die Zeitschrift dabei durchaus professionell. Es finden sich Geschichten, belehrende Artikel, Fotos, Tierbilder, Illustrationen und Rätselecken.

ZEIT: Wieso ist es für angehende Pädagoginnen und Pädagogen heute wichtig, zu wissen, wie eine Schülerzeitschrift der Nazis ausgesehen hat?

Ortmeyer: Die subtilen, gehässigen, aber sehr wirkungsvollen Methoden der NS-Pädagogik am Originalmaterial durchschauen zu lernen, für die Indoktrination und Überwältigung von Schülerinnen und Schülern zu sensibilisieren und auf den inneren Zusammenhang von demokratischen Inhalten und demokratischen Methoden besonderen Wert zu legen, das ist – zudem angesichts der heutigen Entwicklung in Deutschland mit einer Zunahme von Rassismus und Antisemitismus – im Grunde das vorrangige Motiv der Forschungsstelle NS-Pädagogik. Denn die Geschichte der Nazipropaganda ist eine Geschichte ihrer Unterschätzung.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Zeitschrift | Nationalsozialismus | Schule
    Service