ZoologieDie Spinne im Pool

Mitten in Metropolen entdecken Biologen zuvor unbekannte Viecher. von Julia von Sengbusch

Leoparden-Frosch New Yoek Art Frosch Amphibien

In New York entdeckten Zoologen diesen neuen Leoparden-Frosch.  |  © Brian Curry/Rutgers University

Erstaunlich lang ist es einer neuen Froschart gelungen, unerkannt zu bleiben – und das, obwohl sie mitten in einer Weltmetropole lebt. Dann aber verriet sie ihr sonderbares Gequake. »Es ist sehr ungewöhnlich, in einer urbanen Gegend eine neue Art zu finden«, sagt Cathy Newman von der University of California. Mit ihrem Kollegen Jeremy Feinberg wollte sie im vergangenen Sommer untersuchen, ob zwei bekannte Leopardfroscharten auf Staten Island, in New Yorks grünstem Stadtbezirk, seltener werden. Feinberg bemerkte, dass einige Frösche ungewöhnlich quakten. War das nur ein neuer New Yorker Dialekt? Die Forscher untersuchten die DNA der Tiere. Das Frosch-Erbgut unterscheidet sich so deutlich von dem ihrer Verwandten, dass es sich um eine neue Art handeln muss. Jetzt wird nach einem Namen gesucht.

Auch in deutschen Großstädten fristen zahlreiche Tierarten ein namenloses Leben. Eine davon entdeckte der Biologe Christian Schmid-Egger von der Zoologischen Staatssammlung München, eine Trugameise. Ihr genetischer Fingerabdruck ist deutlich anders als der bereits bekannter Arten. Rein äußerlich sind die Tiere kaum von ihren nächsten Verwandten unterscheidbar. Die neue, noch namenlose Art lebt bevorzugt auf großen Sandflächen, wie sie als Stadtbrachen auch in Stuttgart, Karlsruhe oder München vorkommen.

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»So eine Neuentdeckung ist bemerkenswert, weil Deutschland schon gut erforscht ist«, sagt Uwe Fritz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden. Vor mehr als 250 Jahren begann Carl von Linné in Europa damit, Lebewesen zu benennen und zu katalogisieren. Weitere Naturforscher folgten seinem Beispiel. »Damit haben wir gegenüber den USA einen Vorsprung von rund 100 Jahren«, sagt Fritz. Trotzdem ist unsere Tierwelt noch lange nicht abgegrast. Durchschnittlich 650 neue Spezies entdecken Forscher jährlich in Europa, weltweit sind es 17.000. Etwa 1,9 Millionen Arten sind bislang auf der Erde identifiziert. Trotzdem seien noch 50 bis 90 Prozent aller Tierspezies unentdeckt, schätzt Fritz.

Manche von ihnen hausen im Swimmingpool. Dort wurde Spinnenforscher Charles Ray von der Auburn University in Alabama fündig. Er hatte beobachtet, dass Falltürspinnen an warmen Wintertagen scharenweise das Schwimmbecken seines Nachbarn bevölkerten. Im November und Dezember verlassen die männlichen Spinnen ihre unterirdischen Wohnröhren und gehen auf Partnersuche. Ray und sein Kollege Jason Bond inspizierten die liebeshungrigen Falltürspinnen und stutzten wegen der ungewöhnlichen Form ihrer Genitalien. Eine Genanalyse bestätigte: Im Pool planschte eine neue Spinnenart. Sie heißt nun Auburn-Tiger-Falltürspinne, nach dem Maskottchen der Universität namens Tiger Aubie.

Ob Spinne oder Frosch, meist handelt es sich bei den Neuentdeckungen um sogenannte kryptische Spezies, also Arten, die sich aufgrund ihrer Ähnlichkeit von bereits bekannten kaum unterscheiden lassen. Rob Dunn, Biologe von der North Carolina State University, hat sich auf Ameisen spezialisiert und dazu die School of Ants gegründet: »In den Städten beachtet niemand mehr die Kleintiere. Obwohl jeden Tag Millionen Menschen herumlaufen, viele davon Wissenschaftler, guckt keiner nach, was zwischen seinen Füßen kreucht und fleucht.« Für Dunns Ameisenschulprojekt fangen Kinder in ganz Amerika Ameisen auf Pausenhöfen oder in ihren Vorgärten ein und schicken sie per Post an Dunn. Sein Team bestimmt die Tiere und erstellt eine Landkarte der Ameisen.

Die nächsten Entdeckungen könnten kurz bevorstehen: In Durham, einer Stadt mit 260.000 Einwohnern in North Carolina, fand seine Mitarbeiterin Lauren Nichols ungewöhnliche Ameisen. Derzeit prüfen Experten der Harvard University, ob es sich um eine neue Spezies handelt. Auch in Manhattan tauchte eine bislang unidentifizierbare Ameisenart auf, die weiterer Prüfung harrt.

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