BundestagswahlWir haben verstanden

Aber was? Nach der Wahl in Niedersachsen ist die schwarz-gelbe Koalition zu Ende. Und die Bundestagswahl wieder offen. von , und

Im Wahlkampf können Zahlen Waffen sein, Nebelkerzen, die beste Droge der Welt. Am Tag nach der Landtagswahl in Niedersachsen sitzt in Berlin ein Stratege aus der Planungszentrale der SPD auf einem abgewetzten Sofa und inhaliert Zahlen: 59 Prozent der Deutschen, sagt er, wollten laut Umfrage einen Regierungswechsel im Bund. 60 Prozent sagen, das Wirtschaftswachstum komme bei ihnen nicht an. 50 Prozent sehen in Deutschland ein Problem mit der Gerechtigkeit.

Seit Sonntagabend hat der SPD-Mann wieder Hoffnung, dass er mit seinen Zahlen durchdringen könnte gegen die eine Zahl, an der die SPD, an der fast jede politische Debatte in Deutschland bislang abgeperlt ist wie an einer unsichtbaren Mauer: 65 Prozent, die Beliebtheit der Bundeskanzlerin.

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»Jetzt haben die ein Problem, und wir haben den zweiten Atem!«, triumphiert der SPD-Mann, der lieber ungenannt bleiben will. Das Rennen, das nach dem Stolperstart von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück schon gelaufen schien, ist wieder offen. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.

Denn es gibt noch andere Zahlen: 68 Prozent der Wähler finden nicht, dass der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für soziale Kompetenz steht. Und 59 bis 64 Prozent waren der Meinung, er habe im niedersächsischen Wahlkampf eher geschadet als genützt. Und das, obwohl er gar nicht zur Wahl stand. Wie wird der Steinbrück-Faktor erst ausfallen, wenn er selbst der Kandidat ist?

Die Zahlen, die die CDU-Strategen bewegen, sind diese: 80 Prozent der FDP-Wähler in Niedersachsen fanden die CDU am besten. Die FDP wäre also eigentlich nur auf rund zwei Prozent gekommen, der Rest waren Leihstimmen, Klaustimmen, so sieht es die CDU inzwischen. Alle diese Zahlen führen zu den drei Fragen, um die es jetzt geht: Ist Peer Steinbrück reformierbar? Macht die FDP Schwarz-Gelb kaputt? Und endet nun die scheinbar unendliche Geschichte von der unschlagbaren Kanzlerin?

Reset oder: Ist der Kandidat reformierbar?

»Ich bin und bleibe Spitzenkandidat der SPD. Erkennbar«, erklärte ein spürbar erleichterter Peer Steinbrück am Abend der Niedersachsen-Wahl. Da stand noch nicht fest, dass Rot-Grün tatsächlich die Regierung übernehmen würde, aber das war nach Steinbrücks verpatztem Kampagnenauftakt ohnehin eine Nebensache, es ging darum, den Kandidaten zu retten. Einen Neustart müsse es geben, aus dem Steinbrück erkennbar verändert herausgehen solle, darauf hatten sich der Kandidat und Parteichef Gabriel in einem langen Gespräch am Freitag vor der Wahl in Braunschweig geeinigt. Außer sich soll der SPD-Vorsitzende über die Pannenserie gewesen sein. Zwei von Steinbrücks Beratern, Michael Donnermeyer und Heiko Geue, waren schon so gut wie gefeuert. In zahlreichen Krisengesprächen wurde Gabriel umgestimmt: Kandidat kastriert, Parteichef übernimmt, wäre die Botschaft gewesen. Nun soll das Team um Steinbrück aufgestockt werden, »selbstverständlich« würden auch Frauen eingestellt, heißt es.

Nach außen soll außerdem ein »Kompetenzteam« von sechs bis zehn Leuten wettmachen, was dem Kandidaten an sozialer Emphase fehlt.

Trittsicherheit statt Beinfreiheit, lautet nun die Devise. Er sei sich »sehr bewusst, dass er eine gewisse Mitverantwortung« dafür trage, dass das SPD-Ergebnis nicht besser ausgefallen sei, erklärte Steinbrück nach der Wahl, das war am untersten Rand der Demutsskala. Doch was der Kandidat verstanden hat, ist nicht so sicher. Er habe verstanden, dass er kein »Vortragsreisender in eigener Sache« mehr sei, sagt einer aus der Wahlkampfzentrale. Er habe verstanden, dass er nicht »so top-down« agieren könne, sondern »mehr dialogisch« vorgehen müsse. Was er nicht verstehen kann: dass vergleichsweise kleine Fehler solche Wellen schlagen.

Neulich hat Steinbrück Gerhard Schröder getroffen. »Haha, das mit dem Pinot Grigio hätte mir auch passieren können«, grölte der Altkanzler und schlug Steinbrück auf den Rücken, der bekundet hatte, einen Wein für unter fünf Euro würde er nicht trinken. Bloß kam Schröder von unten, deshalb hatten seine Protzereien etwas Sympathisches. Steinbrück muss sich gegen den Verdacht wehren, er könne nur oben. Steinbrück habe damit gerechnet, dass man ihn hart rannehme wegen seiner Ansichten zur Agenda, zur Rente. Jetzt recherchieren Journalisten, ob es wahr ist, dass er eine Farm in Namibia hat, und auf Facebook werden ehemalige Schüler seiner Frau ausgefragt. Das, sagt ein Vertrauter, habe ihn schwer verunsichert.

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