Dorf für Demente : Im Dorf des Vergessens

Im niederländischen De Hogeweyk genießen Menschen mit Demenz maximale Freiheit. Nun wird ein solches Projekt auch in Deutschland geplant.

Ruth weiß schon lange nicht mehr, in welcher Welt sie lebt, aber sie weiß genau, was sie will: ihrem Besucher einen Kuss geben – auch wenn es sich bei diesem um einen wildfremden Journalisten handelt. Sie nimmt meine Hand, schaut mir tief in die Augen, zieht mich zu sich herunter und küsst mich fest auf die Wange. Dann schnappt sie sich ihren Gehstock und spaziert los, einem Ziel entgegen, das sie selbst nicht kennt.

Ruth hat schwere Demenz. Aber hier, im niederländischen De Hogeweyk, darf sie sein, wie sie ist. Denn dieses Dorf ist ganz auf Menschen mit Demenz eingestellt. Seine 152 Bewohner leiden allesamt unter der Alterssenilität – und können doch tun, wonach ihnen der Sinn steht. Wer etwa, wie Ruth, nachmittags lieber im Morgenmantel spazieren geht, statt Tee zu trinken, darf dies. Denn verlaufen kann sie sich nicht. De Hogeweyk ist so verschachtelt gebaut, dass sie immer wieder an ihrem Ausgangspunkt landet.

»Menschen mit schwerer Demenz verstehen die Welt da draußen nicht mehr. Wir schaffen ihnen eine Welt, die sie verstehen: einen normalen Alltag in einem normalen Haus«, sagt die Managerin Yvonne van Amerongen, die das weltweit einmalige Projekt vor rund 20 Jahren aus der Taufe hob. Heute ist das Demenzdorf, das 20 Kilometer von Amsterdam entfernt im Städtchen Weesp liegt, zu einer Pilgerstätte für Pflegemanager, Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker aus aller Welt geworden. Nach dem Vorbild De Hogeweyks werden gerade in vielen Ländern ähnliche Einrichtungen geplant – auch in Deutschland.

»Normalität« ist der Schlüsselbegriff dieses Konzepts. Auf den ersten Blick gleicht De Hogeweyk einem ganz normalen niederländischen Dorf. Es gibt einen Friseur, ein Restaurant und ein Café, einen Teich und eine Promenade zum Spazierengehen. Die 23 Wohnungen sind den Milieus nachempfunden, aus denen ihre Bewohner stammen, sie reichen von Oberschicht bis Arbeiterklasse, sieben verschiedene Lebensstile gibt es in De Hogeweyk. Wer in den einzelnen WGs wohnt, verraten die Namen, die in großen und bunten Buchstaben neben den Haustüren stehen.

Die Kranken leben tagsüber mit Pflegern und Helfern zusammen. Diese tragen statt weißer Uniform Alltagskleidung. Unterscheiden kann man sie erst gegen Abend, wenn die Pflegekräfte beim Schichtwechsel nach Hause fahren. Man muss schon genau hinsehen, um die Brüche in der Illusion der Normalität zu bemerken: etwa die Tatsache, dass jede Wohnung zwei Eingangstüren hat – eine normale für den Alltag und eine versteckte, für Notfälle. Oder die Tatsache, dass das ganze Dorf nur einen zentralen Ein- und Ausgang hat, der Tag und Nacht kontrolliert wird.

Kritiker sprechen von einem »Ghetto«, in dem Demente isoliert und weggesperrt werden. Andere dagegen sehen Dörfer wie De Hogeweyk als Lösung eines immer drängender werdenden Problems. Jan Bennewitz plant im rheinland-pfälzischen Städtchen Alzey das erste deutsche Demenzdorf nach dem niederländischen Vorbild. Mitte 2014 sollen die ersten von 120 Bewohnern in die Wohnungen einziehen und »damit eine echte Alternative zum klassischen Pflegeheim haben«, wie Bennewitz sagt. Der für soziale Einrichtungen tätige Unternehmensberater ist mit seiner Partnerin Yvonne Georgi die treibende Kraft hinter dem Projekt Alzey. Das Wort »Demenzdorf« meidet Bennewitz; er redet lieber von einem »Quartier, in dem wirkliches soziales Leben stattfindet«. Ein Café soll die Alzeyer Bevölkerung dorthin locken, Arzt und Friseur sollen nicht nur für die dementen Anwohner da sein.

Vermutlich werden bald noch andere Kommunen hierzulande ähnliche Pläne schmieden. Denn der Betreuungsnotstand in der Versorgung von Demenzpatienten ist unbestritten. Rund 1,3 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an Demenz. Für das Jahr 2050 rechnet das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit 2,6 Millionen Demenzkranken. Viele Familien sind von der kräftezehrenden Aufgabe der Pflege überfordert, Pflegeheime stoßen schon heute an ihre Kapazitätsgrenzen. Oft fehlt ihnen das Know-how im Umgang mit Dementen, obwohl diese einen immer größeren Teil ihrer Patienten ausmachen. Oder sie konkurrieren miteinander um Fachkräfte, die in der Not aus dem Ausland angeworben werden.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Demenzdörfer sind Sackgassen

So schön dieses Demenzdorf klingt, es ist doch nichts anderes als ein Zeichen der im gesellschaftlichem Konsens getroffenen Resignation vor einem Problem.

Ich halte das für Falsch. Sicherlich sollten Demenzkranke mit größtmöglicher Würde und Fürsorge behandelt werden, aber ein "Aus den Augen aus dem Sinn" Prinzip wird diesem Problem sicher nicht gerecht.

Vielmehr sollte Demenz allgegenwärtig bleiben, denn nur so ist es ein Ansporn für die Wissenschaft eine Heilung zu finden. Denn eine Heilung von Demenz ist der einzig wirklich menschenwürdige Weg der beschritten werden kann. Nich die symptomatische Behandlung einer ganzen Gesellschaft.