Zudem belastet die Betreuung die Sozialkassen und den Staatshaushalt, ein Pflegeheimplatz kostet mehrere Tausend Euro pro Monat. Für manche ist das ein einträgliches Geschäft. Denn in Deutschland sind Kranken- und Pflegekasse getrennt. Wird bei einem Patienten Pflegebedürftigkeit festgestellt, wechselt er von der Kranken- in die Pflegekasse. Für den Altersforscher Wolf Dieter Oswald ist das eine »unselige Trennung«. Sie führe dazu, dass nicht die Aktivierung von Menschen mit Demenz belohnt werde, sondern das Gegenteil: Je pflegebedürftiger ein Mensch sei, desto mehr Geld bringe er für die Heime. Und »dort herrscht oft Grabesruhe«, sagt Oswald, Professor am Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg: »Die Leute werden mit Medikamenten sediert, möglichst im Bett gehalten. Denn dann gibt es die höchste Pflegestufe.« Studien zeigen, dass zwischen 26 und 42 Prozent der Kranken in irgendeiner Weise fixiert werden, fünf bis zehn Prozent werden sogar mit Gurten festgeschnallt.

Der ökonomische Druck auf die Pflegeheime, der Fachkräftemangel und das Aufbrechen traditioneller Familienstrukturen werden sich in Zukunft noch verschärfen. Ohne ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft wird der demografische Wandel ziemlich hässliche Seiten bekommen.

»Jeder bekommt Alzheimer, wenn er nur alt genug wird«, sagt Wolf Dieter Oswald provokativ. Deshalb fordert er mehr Rehabilitation, Prävention und Aktivierung: Auch im Pflegeheim sollten die Menschen gefördert und je nach Niveau gefordert werden. Dafür hat er ein Programm entworfen, das viele Punkte enthält, die auch im niederländischen De Hogeweyk umgesetzt werden.

Dort herrscht an einem Nachmittag im Dezember rege Geschäftigkeit. Aus dem dorfeigenen Café dringt der Gesang von Kindern, dazwischen hört man die Stimmen einiger Bewohner. Gerade ist eine Kindergartengruppe zu Gast, die mit den Dementen die Ankunft von Sinterklaas, dem niederländischen Nikolaus, feiert. Nebenan in der lichtdurchfluteten Einkaufspassage wird mit Unterstützung von zwei Pflegehelfern an Adventsgestecken gewerkelt – eine von vielen Aktivitäten, die Bewohner wählen können, neben Singen oder Basteln und dem unvermeidlichen Bingo. Wichtig ist, dass die Dementen aktiv sind, auch im Alltag. Deshalb werden sie bei vielen Tätigkeiten einbezogen: Sie helfen beim Kartoffelschälen, Blumenbeetharken oder Tischdecken.

Auch einkaufen gehen können die Bewohner. Im Dorfladen »Hogeweyk Super« gibt es Äpfel, Fertiglasagne und Duschlotion. »Alles ganz normal«, sagt die Managerin Yvonne van Amerongen. Ungewöhnlich ist höchstens, dass es niemand stört, wenn mit Knöpfen oder Taschentüchern bezahlt wird – alles ist erlaubt, solange es die Illusion von Normalität aufrechterhält. Und was ist mit dem Eierlikör-Regal, das schon fast leer geräumt ist? Trinkt sich hier jemand heimlich einen Rausch an? Kein Problem, die Mitarbeiter kennen schließlich jeden der 152 Bewohner. Und bevor einer von ihnen mit zwei Flaschen Eierlikör zu Hause ankommt, hat die Verkäuferin schon längst in seiner Wohngruppe angerufen und die Pfleger informiert.

Dieser Umgang mit den Demenzkranken hat auch Markus Vögtlin beeindruckt. Er ist Direktor der Dahlia Oberaargau AG, die insgesamt vier Pflegeheime in der Schweiz führt. Nach einem Besuch in De Hogeweyk will er nun am Standort Wiedlisbach, rund 30 Kilometer von Bern entfernt, das erste Schweizer Demenzdorf bauen. 100 Plätze sind geplant; wenn alles gut läuft, können die ersten Bewohner 2019 einziehen. »Uns hat überzeugt, wie dort Normalität gelebt wurde«, sagt Vögtlin. »Wir waren beeindruckt, wie ruhig die Bewohner waren, wie glücklich. So etwas habe ich noch nie erlebt.«

Die Simulation des Alltags hat mehrere positive Effekte: Sie schafft soziale Kontakte und fördert die geistige Aktivität. Und wie wichtig diese sind, weiß auch die Wissenschaft. »Wir haben uns gefragt: Was hält das Gehirn fit?«, beschreibt Elmar Gräßel, Professor am Uni-Klinikum Erlangen, die Herausforderung. »Auf einmal ist es uns wie Schuppen von den Augen gefallen.«

Gräßel fasst die Antwort in dem Kürzel MAKS zusammen – motorische, alltagspraktische, kognitive und spirituelle Aktivität. Sein Konzept ist vom Bundesgesundheitsministerium als eines von 29 »Leuchtturmprojekten Demenz« ausgezeichnet worden. Mit geistiger Anregung, psychomotorischen Übungen, alltagspraktischen Tätigkeiten und Kommunikation in der Gruppe will Gräßel jenen Prozess verlangsamen, der das Gehirn in sich zusammenfallen lässt. Langfristig aufhalten lässt dieser sich allerdings nicht. Denn bislang gibt es keine wirksamen Medikamente, häufig zeigen Antidementiva nur einen geringen Effekt.

Umso wichtiger ist es, den Alltag möglichst lange aufrechtzuerhalten. Denn bei vielen Betroffenen setzt die beginnende Demenz einen Teufelskreis in Gang. Wer unter Vergesslichkeit leidet und sich den Anforderungen des Alltags nicht mehr ganz gewachsen fühlt, zieht sich langsam zurück. Betroffene gehen nicht mehr einkaufen und wissen irgendwann nicht mehr, wie man den Bus benutzt. Sie bleiben zu Hause, um Fehler zu vermeiden, und weichen Gesprächen aus, die sie überführen könnten – was die Isolation noch steigert und den geistigen Verfall befördert. Irgendwann greift die Krankheit auf das Langzeitgedächtnis über. Die Betroffenen wissen nicht mehr, wie man sich die Schuhe bindet und wozu eine Gabel gut ist. Sie vergessen das Gesicht des Nachbarn, haben Angst vor der Schwiegertochter, die zum Putzen vorbeikommt, haben keinen Hunger mehr und wollen um Mitternacht einen Spaziergang mit dem Hund machen, der seit 30 Jahren tot ist.

Der Weg in das Vergessen ist schmerzhaft. Die Betroffenen merken, wie nach und nach das eigene Ich zerfließt. Wehren können sie sich nicht. Noch wissen Forscher viel zu wenig über die Entstehung. Bis heute steht fest: Rund zwei Drittel der Fälle gehen auf die Alzheimer-Erkrankung zurück, rund ein Drittel sind vaskuläre Demenzen, ausgelöst durch eine Reihe kleiner Hirninfarkte. Die dritte und kleinste Gruppe sind die familiären Demenzerkrankungen, die häufig schon vor dem 60. Lebensjahr auftreten.

Wäre also ein Demenzdorf die geeignete Lösung für jene Menschen, die früher oder später stationäre Hilfe in Anspruch nehmen müssen? »Ich kann mir ein solches Modell gut in Deutschland vorstellen«, sagt Elmar Gräßel vom Uni-Klinikum Erlangen. Allerdings müsse hinter dem Projekt das entsprechende therapeutische Konzept stecken. So komme es etwa darauf an, wie gut das Dorf in das Gemeindeleben eingebunden ist. Nicht zu nah am Verkehr, aber auch nicht auf der grünen Wiese müsse es angesiedelt sein. »Ghettobildung hat sich nie bewährt«, warnt Gräßel.