Andere sehen solche Einrichtungen kritischer. »Dort wird eine Art Disneyland aufgebaut, das mit der Realität nichts mehr zu tun hat«, schimpft Peter Michell-Auli, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe. Ihm schwebt anderes vor. »Fast immer wollen die Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben, das sollten wir ihnen ermöglichen«, sagt er. Er plädiert für eine enge Einbindung der Demenzkranken innerhalb ihres gewohnten Wohnquartiers mit nachbarschaftlicher Hilfe, einem barrierefreien öffentlichen Raum, einem Netz aus Beratung und Dienstleistungen. »Darauf müssen wir viel mehr achtgeben als auf solche Sonderformen wie das geplante Demenzdorf in Alzey«, sagt er.

Noch radikaler ist Reimer Gronemeyer. Der emeritierte Professor von der Universität Gießen empfindet es als Kränkung, eine Illusion wie in De Hogeweyk mit allen Mittel aufrechtzuerhalten. Überhaupt sollten wir aufhören, Demenz als Krankheit zu sehen, fordert er. Vielmehr sei sie ein Teil des Lebens, das »vierte Lebensalter«: »Wir müssen uns fragen, wie wir diese große humane Aufgabe lösen, ohne uns wegzudrehen und zu sagen: Gebt sie doch den Ärzten.«

Auch Klaus Pawletko war skeptisch, als er zum ersten Mal von der Idee der Demenzdörfer hörte. Der Vorsitzende des Vereins »Freunde alter Menschen« in Berlin gründete schon Mitte der neunziger Jahre die erste »Demenz-WG«, in der Kranke und Gesunde zusammenleben. Mittlerweile hat das Konzept Nachahmer in ganz Deutschland. In der Gesellschaft habe sich seitdem eine ganze Menge verändert, glaubt Pawletko: »Wir sind unglaublich viel weiter, einfach deshalb, weil über die Krankheit geredet wird.« Künstliche Welten wie in De Hogeweyk habe er anfangs abgelehnt, erzählt er. Nach und nach aber habe er seine Meinung geändert, auch weil Kollegen ihm berichteten, noch nie so entspannte Demenzkranke wie in De Hogeweyk gesehen zu haben. »Mittlerweile kann ich mir ein Demenzdorf grundsätzlich hier vorstellen«, sagt er. »Ich weiß nur nicht, ob das mit der Mentalität der Deutschen zusammenpasst.«

Fragt man ihn nach seiner Idealvorstellung, skizziert Pawletko eine ähnliche Utopie wie Michell-Auli. »Keine Spezialeinrichtungen mehr. Menschen mit Demenz können frei auf der Straße herumlaufen, Nachbarn und die Menschen auf der Straße sind hoch sensibilisiert. Aber um das zu erreichen, müsste man in so viele Bereiche eingreifen«, sagt er und klingt dabei eher skeptisch.

Dass das im Prinzip funktionieren kann, hat der Erlanger Professor Elmar Gräßel selbst einmal erlebt, als er in Irland auf dem Weg zu einer Tagung war: In seinem Bus saß eine offensichtlich verwirrte Dame, die an jeder Haltestelle aussteigen wollte. Doch der Busfahrer hielt sie zurück. Erst an der richtigen Adresse rief der Fahrer der Frau zu, nun könne sie aussteigen, dort drüben sei ihr Haus. Dann nahm die Frau ihre Einkaufstüten und machte sich auf den Heimweg.

Leider klappt so eine aufmerksame nachbarschaftliche Hilfe eher in überschaubaren Räumen als in Großstädten. Doch die Diskussion, wie wir in Zukunft mit unseren vergesslichen Alten umgehen wollen, hat in Deutschland gerade erst begonnen. Klar ist nur, dass sie unsere Vorstellung einer optimierten Leistungsgesellschaft massiv infrage stellt. Denn uns allen droht am Ende der Sturz ins Vergessen, unabhängig von Schicht und Bildung.

»Wir müssen akzeptieren, dass Leben Wandel ist«, sagt Elmar Gräßel. »Deshalb sollten wir tolerant sein und bedenken, dass nichts so bleibt, wie es ist.«

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