50 Jahre Élysée-Vertrag"Wie die Schweine!"

Stunde der Harmonie? Von wegen! Nach dem Abschluss des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags im Januar 1963 gab es erst einmal Streit zwischen den Nachbarn. von 

Konrad Adenauer Charles de Gaulle

Vorarbeit für den Élysée-Vertrag: Kanzler Konrad Adenauer (l.) trifft im September 1962 zum Staatsbesuch auf dem Militärflugplatz Villacoublay vor Paris Frankreichs Präsident Charles de Gaulle.  |  © AFP/Getty Images

Der General war außer sich. »Die deutschen Politiker haben Angst, dass sie nicht tief genug vor den Angelsachsen kriechen! Sie benehmen sich wie die Schweine!«, rief Charles de Gaulle im Beisein seines Beraters Alain Peyrefitte aus. »Sie hätten es verdient, dass wir den Vertrag zurücknehmen und uns stattdessen mit den Russen verständigen.«

Das war am 24. April 1963, also gerade mal zwei Monate nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages, dessen 50. Jahrestag just mit großem Pomp gefeiert wird. Aber was hatte den Präsidenten dermaßen auf die Palme gebracht? Es war Kanzler Konrad Adenauers Absicht, dem Bundestag, der den Élysée-Vertrag ratifizieren sollte, eine Präambel vorzulegen, in der die »enge Partnerschaft« Europas mit den USA sowie die Einigung Europas »unter Einbeziehung Großbritanniens« betont wurden. Also genau das Gegenteil dessen, was de Gaulle wollte.

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Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass in Paris – respektive in Berlin – an der Verlässlichkeit des Partners gezweifelt wurde. Auch dieser Tage ist die Frage aufgetaucht. Diesmal rätseln die Franzosen, wieso die erste Reaktion der deutschen Regierung auf die französische Intervention in Mali darin bestand, alles das aufzuzählen, wofür die Bundeswehr nicht zur Verfügung stehe.

Bereits 1943 hatte General de Gaulle seine zukünftige Deutschlandpolitik entworfen. Das war in Algier, mit seinen Mitstreitern im »Französischen Komitee für die Nationale Befreiung«, darunter ein gewisser Jean Monnet, Sprössling einer ehrwürdigen Cognac-Familie, der später als »Vater Europas« verehrt wurde. Monnet sprach sich damals für ein vereintes Europa mit übernationalen Strukturen aus. Doch de Gaulle kommentierte nur: »Die Monnets machen guten Cognac.« Er favorisierte stattdessen ein Bündnis der Nationen, Deutschland eingeschlossen. Ja, besonders Deutschland, das für ihn nie der »Erbfeind« war. So bezeichnete er vielmehr England.

Dass Deutschland, selbstredend unter der Führung Frankreichs, zum Kern dieses neuen Nationenbündnisses gehören müsse, war für ihn ausgemachte Sache. Die Rhein-Ruhr-Region sollte allerdings abgespalten und international kontrolliert werden.

Doch statt de Gaulle kamen 1946 in Paris Politiker an die Macht, die Deutschlands Zukunft wie Monnet sahen: eingebunden in eine europäische Gemeinschaft von übernationalem Charakter, ihrerseits verlässlicher Partner Amerikas in der Ost-West-Konfrontation. Als ersten Schritt schlug Frankreichs Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 vor, die deutsche und die französische Montanindustrie unter gemeinsame Kontrolle zu stellen.

Adenauer war das nur recht. Zwei Monate zuvor hatte er sogar »eine vollständige Union zwischen Deutschland und Frankreich mit einem einzigen Parlament« ins Spiel gebracht – »Grundstein für die Vereinigten Staaten von Europa«. Die Montanunion war eine Nummer kleiner, aber immerhin.

Im Oktober 1950 sprach Frankreichs Verteidigungsminister René Pleven öffentlich von einer supranational geführten europäischen Armee, zu der auch deutsche Truppen gehören sollten. Aus dieser Idee entstand der Vertrag für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), dessen Ratifizierung Adenauer im Mai 1953 gegen den Widerstand der SPD durchsetzte. In Frankreich mobilisierte die Kommunistische Partei gegen die mit der EVG verbundene Wiederbewaffnung Deutschlands und klebte Plakate, auf denen ein Totenkopf mit SS-Helm zu sehen war. Die innerfranzösische Opposition gegen die EVG erwies sich als unüberwindlich; am 30. August 1954 scheiterte der Vertrag in der Assemblée nationale. Amerikanern und Briten gelang daraufhin das Kunststück, der deutschen Wiederbewaffnung einen anderen Rahmen zu verpassen, der sie einhegte: die Nato.

Dann der Schreck im Mai 1958: de Gaulle kommt zurück! Er, der sich stets gegen Montanunion, EVG und die inzwischen gegründete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ausgesprochen hatte! Doch de Gaulle wusste, dass er das Rad nicht zurückdrehen konnte. Stattdessen wollte er dessen Laufrichtung verändern. Ihn trieb ein Grundmotiv französischer Deutschlandpolitik, das sich schon für das Mittelalter nachweisen lässt: auf keinen Fall zulassen, dass sich die angelsächsische Welt mit Deutschland zulasten Frankreichs verbündet. »Seit Jahrhunderten«, sagte de Gaulle zu Alain Peyrefitte, »haben die Engländer versucht, die Annäherung der Gallier und Germanen zu verhindern. Heute sind es die Amerikaner.«

Leserkommentare
  1. In jedem Zeitonline Artikel dieser Tage muss man die Andeutungen der Autoren ertragen, dass Deutschland die Franzosen in ihrem Krieg in Mali im Stich lasse und dass das unsolidarisch sei.

    Dabei kann ich beim besten Willen nicht erkennen, warum sich Deutschland in diesen Krieg einbringen sollte. Solidarität zu einem Land zu seinem Nachbarn zeigen heist es doch nicht seine postkolonialen Kriege mit auszubaden oder für die Interessen der französischen Atomwirtschaft in die Schlacht zu ziehen.

    Wird Frankreich jemals wieder in seiner territorialen Integrität bedroht ist das eine Möglichkeit unsere Solidarität zu beweisen. Bis dahin haben wir nicht die Pflicht jedes Wüstenscharmützel mitzumachen.

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    Warum Deutschland sich in den Malikrieg einbringen sollte, lässt sich recht einfach beantworten: um den Menschen dort zu helfen. Diese Menschen sind zu schwach um sich gegen die Terroristen selbst schützen zu können.
    Warum hätte England sich für Polen in den WK II einmischen sollen? Warum hätte man die Menschen aus den KZ's befreien sollen? Warum sollte man internationale Hilfsorganisationen unterstützen? In all diesen Dingen geht es darum dem Schwachen zur Seite zu stehen, auch wenn er kein Deutscher ist.

    • vonDü
    • 25. Januar 2013 7:21 Uhr

    Adenauer hatte keine andere Möglichkeit, wenn er Deutschlands außenpolitischen Spielraum erhalten wollte. Wenn de Gaulle wirklich Vorstellungen, von der bedingungslosen Solidarität hatte, dann muss er sehr schlecht beraten gewesen sein. Dass Deutschlands Lage im Jahre 1963, zwei Jahre nach Mauerbau, nicht so war, dass Adenauer es sich hätte leisten können, die USA und GB ernsthaft zu verärgern, war sicher auch in Frankreich bekannt.

    In der Bilanz war es sicher hilfreich, dass Adenauers Lösung die Begegnung von Frankreich und Deutschland auf Augenhöhe möglich gemacht hat, während De Gaulles Wünsche in der Realität wohl keinen dauerhaften Bestand gehabt hätten.

    Der Vorgang als solcher ist eigentlich nicht überraschend. Vom deutsch-französischen Vertrag, über die Ostpolitik bis zur deutschen Wiedervereinigung, haben die ehemaligen Siegermächte immer versucht im Interesse ihrer Nationen Einfluss zu nehmen - und zum Glück hat Adenauer es von Anfang an genauso gehalten.

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  2. Warum Deutschland sich in den Malikrieg einbringen sollte, lässt sich recht einfach beantworten: um den Menschen dort zu helfen. Diese Menschen sind zu schwach um sich gegen die Terroristen selbst schützen zu können.
    Warum hätte England sich für Polen in den WK II einmischen sollen? Warum hätte man die Menschen aus den KZ's befreien sollen? Warum sollte man internationale Hilfsorganisationen unterstützen? In all diesen Dingen geht es darum dem Schwachen zur Seite zu stehen, auch wenn er kein Deutscher ist.

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    Frankreich braucht Kriegseinsätze wie in Lybien, Mali und am liebsten auch in Syrien aus innenpolitischen Gründen. Das
    angekratze Selbswertgefühl der "grande nation" durch wirtschaftliche Schwäche und politischem Extremismus im eigenen Land, soll durch den heldenhaften Einsatz der französischen Streitkräfte für die Menschheit und hilfsbedürftigen Menschen in der Wüste wieder aufgerichtet werden.

  3. Frankreich braucht Kriegseinsätze wie in Lybien, Mali und am liebsten auch in Syrien aus innenpolitischen Gründen. Das
    angekratze Selbswertgefühl der "grande nation" durch wirtschaftliche Schwäche und politischem Extremismus im eigenen Land, soll durch den heldenhaften Einsatz der französischen Streitkräfte für die Menschheit und hilfsbedürftigen Menschen in der Wüste wieder aufgerichtet werden.

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