Allerdings können die Klimaforscher nicht genau sagen, wo die Wärme tatsächlich bleibt. »Das Messsystem ist dazu letztlich nicht gut genug«, sagt Marotzke. Denn erst seit wenigen Jahren sind im Rahmen des globalen Ozeanbeobachtungssystems (GOOS) rund 3.000 Messbojen im Einsatz, die in tiefere Ozeanschichten ab- und eigenständig wieder auftauchen können – allerdings nur bis zu einer Tiefe von rund 2.000 Metern. Damit lässt sich nicht beweisen, ob und wo sich der tiefe Ozean derzeit stark erwärmt. Als plausible Kandidaten gelten der Pazifik und der Südliche Ozean, weil diese besonders effiziente Mechanismen haben, Wärme in große Tiefen zu verfrachten.

Einige Wissenschaftler haben noch andere Vermutungen für die Entstehung des Plateaus: So könnte dafür etwa ein kühlender Effekt durch die Luftverschmutzung in asiatischen Industrieländern verantwortlich sein. Auch über eine verminderte Wasserdampfkonzentration in der Stratosphäre wird spekuliert, womit ebenfalls weniger Wärme auf die Erdoberfläche reflektiert würde.

Wieso aber wird das Temperaturplateau nicht von den Modellen im fünften IPCC-Bericht erfasst? »Man kann von diesen langfristigen Klimamodellen nicht erwarten, solche kurzfristigen Plateaus zum richtigen Zeitpunkt vorherzusagen«, sagt Marotzke. Man verwerfe ja auch keine Wettermodelle, nur weil sie das Wetter in einem Jahr nicht genau vorhersagen.

Während der Treibhauseffekt schon seit Jahrzehnten erforscht wird, bestehen bei den natürlichen Klimaschwankungen eben noch viele Ungewissheiten. Den Vorwurf allerdings, man habe diese Schwankungen vernachlässigt, will der Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel nicht auf seiner Zunft sitzen lassen. Er selbst verwende seit drei Jahrzehnten 90 Prozent seiner Zeit auf die Berechnung der natürlichen Schwankungen. Allerdings habe man unterschätzt, räumt Latif ein, »wie wichtig es ist, die Bedeutung der natürlichen Klimaschwankungen richtig zu kommunizieren«. Oft habe die Wissenschaft zu sehr vereinfacht und Grafiken zu stark auf den Mittelwert reduziert. Deshalb hätten viele den Eindruck bekommen, das Klima verlaufe immerzu linear – und staunten nun, dass die Wirklichkeit dem nicht entspreche.

Um solche Missverständnisse zu vermeiden, fordert der Klimaforscher Hans von Storch schon lange, dass man »Offenheit herstellen und die Fragen der Skeptiker anhören« müsse. Die Klimawissenschaft dürfe weder der Öffentlichkeit eine bestimmte Politik vorschreiben – noch dürfe die Öffentlichkeit von der Klimaforschung endgültige Wahrheiten verlangen, aus denen »unmittelbar und eindeutig« eine Politik folge.

Wie schnell es zu Missverständnissen kommen kann, hat Mojib Latif 2008 selbst erlebt. Damals veröffentlichte er mit anderen Forschern eine Studie, in der erstmals die mögliche Temperaturentwicklung bis 2025 untersucht wurde – ein neues Forschungsfeld mit experimentellem Charakter. Dabei prognostizierten die Modelle eine Stagnation der durchschnittlichen Temperatur von 2005 bis etwa 2015. »Die Skeptiker haben gejubelt: Endlich haben wir einen bekehrt«, sagt Latif. Dabei unterschieden sich solche kurzfristigen Vorhersagen fundamental von den längerfristigen Szenarien: Kurzfristig spiele der menschliche Einfluss kaum eine Rolle, für den längerfristigen Trend hingegen seien die natürlichen Schwankungen praktisch bedeutungslos. »Das aber werfen Skeptiker alles in einen Topf.«

Die Debatte über das derzeitige Temperaturplateau hält Latif für überbewertet und verfehlt. »Wir haben bereits heute eine CO₂-Konzentration in der Atmosphäre, die es seit fast einer Million Jahren nicht mehr gab.« Allein deswegen müssten die Alarmglocken schrillen. Gern zitiert Latif dazu den Klimatologen Roger Revelle, der schon 1957 erkannte: »Die Menschen führen momentan ein großangelegtes geophysikalisches Experiment aus, das so weder in der Vergangenheit hätte passieren können, noch in der Zukunft wiederholt werden kann.« Dieses Experiment werde noch viele Jahrzehnte dauern, sagt Latif. Wer heute auf endgültige Ergebnisse poche, der habe weder verstanden, wie komplex das Klimageschehen sei, noch, wie die Wissenschaft arbeite.