Pep Guardiola : Der Glasperlenspieler
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Guardiola trainiert ein extrem kompliziertes, taktisches Spiel

Die Beziehung zwischen Guardiola und seinen Spielern erinnert an den deutschen Basketballstar Dirk Nowitzki und seinen Trainer Holger Geschwindner: Der lässt seinen Schützling Hegel lesen – nach dem Motto: Denken und Sein sind dasselbe, und das eine profitiert vom anderen.

Guardiola trainiert ein extrem kompliziertes, taktisches Spiel. Es ist ein Schachspiel auf grünem Rasen. Manchmal zum Beispiel geben seine Spieler den Ball freiwillig an den Gegner ab – was bei anderen Trainern undenkbar wäre. Das System, glaubt er, ist alles, seine Spieler sollen immer drei Züge vorausdenken.

Den Spanier beschäftigt schon lange die Frage: Wie nah muss man am Fußballgeschäft dran sein, um den Überblick zu bewahren, wie weit weg ist nahe genug dran?

Solche Gedanken diskutiert er gern im Gespräch: Er ist immer auf der Suche, sagt er, das Leben sei ein ewiger Fortschritt. Die jetzige Auszeit nutzt er, um sich weiterzubilden, seine Kinder sollen Englisch lernen und neue Erfahrungen sammeln.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs, das an einem Herbsttag in Barcelona stattfand, hatte Guardiola mit seiner Mannschaft gerade die Meisterschaft, den Pokal, die Champions League und beide Supercups gewonnen – und dachte über den besten Zeitpunkt nach, um aufzuhören. Ein Trainer, sagte er, müsse sich zu 30 Prozent mit Fußball beschäftigen und zu 70 Prozent mit den Umständen, die die Mannschaft beeinflussen. »Es ist schlimmer, über Monate nicht richtig mit einem Spieler kommunizieren zu können, als einen Titel zu verpassen.« Außerdem sei es wichtig, sich selbst einschätzen zu können. Dazu gehöre auch, im richtigen Moment zu gehen.

Guardiolas Arbeit basiert auf »el cruyffismo« – das ist jener Stil des modernen Fußballs, den der Holländer Johan Cruyff vor zwanzig Jahren als Trainer des FC Barcelona kreiert hat. Statt Stürmer der alten Schule im Akkord Flanken aufs Tor schlagen zu lassen, ließ Cruyff technisch hochbegabte Flügelspieler mit dem Ball am Fuß Richtung Tor dribbeln. So entstand ein schnelles Kurzpassspiel, das Gegner noch heute verwirrt. Es erfordert Spielintelligenz, denn es kann nur funktionieren, wenn alle Spieler für die anderen mitdenken und der Abwehrchef mit Übersicht das Spiel von hinten heraus eröffnet.

Mit 13 wurde Pep Guardiola von Talentspähern des FC Barcelona entdeckt. Sie holten ihn ins Fußballinternat La Masia. Es gibt ein Foto von 1986, auf dem er als Balljunge mit den Barça-Spielern den Einzug ins Europapokal-Finale im Camp-Nou-Stadion feiert. Vier Jahre später holte ihn Johan Cruyff in die Profimannschaft. 1992 wurde er als »hoffnungsvollster Nachwuchsspieler« der Europapokal-Saison ausgezeichnet. Er konnte das Spiel »lesen«, während der Partie taktisch umschalten – und auch in Bedrängnis die Übersicht behalten. Wie geboren für den »cruyffismo«. Mit 26 Jahren übernahm er die Kapitänsbinde. Eine Traumkarriere, aber sein 1,80 Meter kleiner und 76 Kilogramm leichter Körper spielte nicht mit. Immer wieder zwangen ihn Verletzungen auszusetzen.

In der Kabine las er seinen Spielern die Gedichte Martí i Pols vor

In dieser Zeit suchte er den Kontakt zu dem katalanischen Dichter Miquel Martí i Pol, der für den Nobelpreis vorgeschlagen war. Guardiola, den Mitspieler und Medien als »Intellektuellen« hänselten, sehnte sich nach einem richtigen Gesprächspartner. Das Leben, fand er, könne nicht nur aus Fußball bestehen, und der Druck im Fußballgeschäft sei nur auszuhalten, wenn man das Leben besser verstehe.

Zur Abiturprüfung hatte Pep, der Sohn eines Maurers, sich auf Fragen zu Immanuel Kant vorbereitet. Er erläuterte, warum ihn die Rolle der Vaterfigur, die von der reinen Vernunft infrage gestellt wird, so sehr interessiere. »Sehr gut«, befanden seine Prüfer.

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