Guardiola ist vor allem von Kants Erkenntnistheorie fasziniert. Nach welchen Gesetzen funktioniert die Wahrnehmung und das daraus abgeleitete Denken? Er las Hesses Glasperlenspiel, weil er das Zusammenspiel von sich und der Welt, vom Ich und Du und von sich mit sich selbst verstehen wollte.

Mit Martí i Pol überlegte er, wie er all diese Gedanken in seine Trainerarbeit einbinden könnte. Für Guardiola besteht ein Fußballspiel aus unendlich vielen Wahrnehmungen und Reizen.

Es reicht ihm aber nicht, gebildet zu sein. Ein guter Trainer muss das Interesse seiner Spieler für das Außergewöhnliche wecken. Guardiola gelingt das, weil er es ihnen vorlebt.

Pep hatte in Martí i Pol eine Vaterfigur gefunden; der Dichter war schon schwer von einer multiplen Sklerose gezeichnet. Die beiden schrieben sich lange Briefe. Seinen zweiten Gedichtband, das Buch der Einsamkeiten, widmete Martí i Pol dem jungen Freund und dessen Frau. Es sind schlichte, traurige, menschenfreundliche Verse: »Und wenn ich auf einmal verängstigt erwache, / möchte ich damit nicht sagen, dass die Welt endet. Kann jemand sagen, ob der Wind unpünktlich weht? / Ob ›Liebe machen‹ ein Euphemismus ist oder nicht? / Ob man die Versprechungen und Vereinbarungen hält? / Ob uns lauter Leben nicht das Leben kostet? Was auf der Erde geschieht, ist reine Anekdote, / die jemand als Angelpunkt der Transzendenz deutet.« Martí i Pol starb 2003.

Im vergangenen Sommer rezitierte Guardiola die Verse vor rund tausend Zuschauern in Barcelona.

Einer der ersten Menschen, die er über seinen Wechsel nach Deutschland informierte, war Martí i Pols Witwe, Montserrat Sans. Sie wohnt in dem katalanischen Bergdorf Roda de Ter. Guardiola besuchte sie auch nach dem Tod ihres Mannes regelmäßig, von New York aus ruft er oft an.

»Pep wird eine Bereicherung für die Deutschen sein«, sagt sie. »Wie ich ihn kenne, wird er bis zum Sommer die wesentlichen Begriffe auf Deutsch gelernt haben. Mit seinem Anstand und Respekt vor Neuem wird er sich viele Freunde machen. Wissen Sie, wenn er glücklich ist, dann bin ich es auch.«

Der so besondere Guardiola ist allerdings auch nur ein Teil des professionellen Sportsystems: 2001, er war vom FC Barcelona in die italienische Liga gewechselt, wurde bei ihm in zwei Tests das Dopingmittel Nandrolon, ein anabol-androgenes Steroidhormon, nachgewiesen. In der Pharmazie wird Nandrolon verwendet, um den körperlichen Verfall nach einer HIV-Infektion aufzuhalten. Sportler erhoffen sich mehr Knochenmasse. Ein italienisches Sportgericht verurteilte Guardiola zu einer Sperre und einer Geldstrafe. Das Urteil wurde nach einem Einspruch Guardiolas revidiert, weil die Laboranalysen unglaubwürdig erschienen. Ob er wirklich gedopt hat, wird nie herauskommen. Guardiola sprach von einer Verschwörung. Er sei doch nicht mit 31 Jahren nach Italien gekommen, um zu dopen. Man solle ihm in die Augen schauen.

Ab Juli werden die Deutschen genau beobachten, ob es ihm gelingt, Kant und Hesse, spanische Literatur sowie bayerische Mentalität zu verbinden. Schon lange sehnt sich der FC Bayern München nach einer eigenen Philosophie. Jürgen Klinsmann wollte die Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen. Guardiola will sie auch etwas klüger machen.