FDPDie drei von der Leihstelle

Die neue FDP-Spitze ist vor allem eines: Labil. Philipp Rösler fehlt es an Autorität und Rainer Brüderle an Ernst. von 

Rainer Brüderle sagt über Rainer Brüderle, er sei »nicht so der smarte Kennedy-Typ«. Er komme »eher rustikal als elegant« rüber. Und mit Leuten wie Olaf Scholz und Stephan Weil, dem Ersten Bürgermeister von Hamburg und dem nächsten Ministerpräsidenten von Niedersachsen, gehöre er dem Politikertyp des gestandenen Mannes an, der »von der Erotik her nicht gleich alles reißt«. So weit, so nachvollziehbar. Schwieriger mit dem Nachvollziehen wird es, wenn Brüderle erklärt, warum er im Alter von 67 Jahren seinen dritten politischen Frühling erlebt: »Die Seriösen sind angesagt.« Brüderle ist in den 40 Jahren seiner politischen Laufbahn manches nachgesagt worden. Seriosität eher selten. Hinter einer raumgreifenden Jovialität kommt aber mehr zum Vorschein als der Gute-Laune-Onkel der Republik: der böse Drang ins Populistische.

Seit Montag dieser Woche ist der Pfälzer nun »Spitzenmann«, »Gesicht und Kopf des Wahlkampfes«, »Sturmspitze« der Liberalen und noch so manches mehr, wofür die FDP-Satzung keinen Namen hat. Zusammen mit Parteichef Philipp Rösler – womöglich aber auch ein Stück voraus, so genau weiß man das noch nicht – soll Brüderle die FDP im Herbst wieder in den Bundestag führen und, so das Maximalziel, in der Regierung halten. Von März an darf sich auch noch Christian Lindner, der FDP-Landesvorsitzende aus NRW, daran beteiligen. Dann soll Lindner, die vermeintliche Zukunft der Liberalen, den vorgezogenen Parteitag als Vize-Chef verlassen.

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Die Kombination Rösler/Brüderle ist gleich in doppelter Hinsicht labil. Rösler hat sich nach dem Sturz von Guido Westerwelle nicht getraut, Brüderle davonzujagen, Brüderle hat sich am vergangenen Montag nicht getraut, Rösler aus dem Amt zu jagen. Wie soll einem Bündnis innere Stärke zuwachsen, wenn Philipp, der Schwache, und Rainer, der Feige, es eingehen? Und wie Stabilität, wenn Rösler in einem Machtanfall sein Amt sichert, indem er es zu opfern bereit ist, und seinen Widersacher zuerst vorführt, bevor er ihn erhebt? Aufstieg durch Demütigung – ein Modell mit Sprengkraft.

Labil ist die Konstellation aber noch aus einem anderen Grund: Der Segen, den viele Liberale in Brüderles Spitzenmann-Sein sehen, könnte sich noch als Fluch erweisen. Kein anderer Liberaler verkörpert so passgenau, was von der FDP übrig geblieben ist: ihr Kern aus kleingewerblichen Mittelständlern und Handwerkern. Brüderles Vater besaß einen Textilladen im rheinland-pfälzischen Landau. Brüderles nicht so smarte Rustikalität spricht ein Milieu an, in dem der Staat stets von Übel und der Markt immer noch gerecht ist, in dem man sich nach dem Herrenwitz noch ganz un-Kennedy-like auf die Schenkel klopft. Brüderle ist der Mann dieses Kerns. Seit er sich, da war er noch Wirtschaftsminister, mit seinem Nein zu Staatshilfen für Opel gegen die Kanzlerin stellte, genießt er in der FDP-Klientel Heldenstatus. Und kann Brüderle, dieser gestandene Mann, die Interessen des deutschen Mittelstandes, der heimlichen Weltmarktführer, nicht ganz anders durchsetzen als dieses Bübchen, das im Fernsehen immer neben der Kanzlerin sitzt? So sehen sie das im FDP-Kern. Und weil sie das dort so sehen, setzen viele Liberale darauf, dass der Spitzenmann diese Leute viel besser mobilisieren kann, als es der Parteivorsitzende vermag.

Doch Brüderle spricht noch eine ganz andere Gruppe an, den kulturellen Gegenentwurf zur Kernklientel gewissermaßen. Durch seine Dauerpräsenz in der Satiresendung heute-show – sei es als Spottobjekt, sei es als Studiogast – hat es der notorische Nuschler bei vielen Jüngeren zu einer Art Kultstatus gebracht. Bei gemeinsamen Wahlkampfauftritten musste Lindner, der angebliche Jungwähler-Magnet, erstaunt feststellen, dass ein Großteil der anwesenden unter 30-Jährigen nicht ihn um ein Autogramm bat – und auch nicht Rainer Brüderle. Sondern den »Das ist doch der von der heute-show«.

Brüderle begibt sich eh leichten Herzens auf einen Balanceakt zwischen E und U, zwischen dem Ernst der Politik und seinem eigenen Unterhaltungsdrang, den er nicht immer im Griff hat. Allzu sehr gefällt er sich in der Rolle des politisierten Stand-up-Comedians, der vom Verschmitzten über das Joviale bis zum Peinlichen alles draufhat, was selbst am Ballermann die Stimmung hebt. »Sie können aus Griechen über Nacht keine Hanseaten machen, das sind Griechen«, »Bunga Bunga ist zwar schön, aber damit kann man kein Land regieren«, »Trittin und Steinbrück erinnern mich an Siegfried und Roy – und den einen hat am Ende der Tiger gefressen«: So lauten einige Bonmot-Klassiker, die in keiner Brüderle-Sammlung fehlen dürfen.

Brüderles Dreiklang aus Klamauk, Zuspitzung und munterem Drauflosplaudern verbindet die FDP auf fatale Weise mit exakt dem, was sie eigentlich überwinden will: dem Mangel an Seriosität. Brüderle betreibt nach Westerwelles permanenter Politikinszenierung und Röslers Autoritätsloch eine Fortsetzung des Unernsten mit anderen Mitteln. Der Segen von Brüderles Spitzenamt liegt in der Mobilisierung der Kernklientel. Sein lautstarker Populismus könnte ihn in einen Fluch umschlagen lassen.

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