FernsehenDie Hölle der anderen

Kolonialismus per Fernbedienung: Deutschland verfällt dem Dschungelcamp, dem Bachelor und den Geissens. von 

Suchtartig, als wäre das gesamte Land eine obsessive Fernbeziehung eingegangen, findet unter der Chiffre »Dschungelcamp« allabendlich eine Art kollektives Skype-Date zwischen dem Fernsehsofa und Australien statt, um einer mittlerweile tief ins Herz geschlossenen Gruppe aussortierter Medienwracks beim Degenerieren unter Palmen zuzusehen. Siebzehn Tage Standleitung in die gesellschaftliche Unterwelt, so das Konzept von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus, das dieses Jahr in die siebte Staffel ging und sich ausgerechnet im ersten Zyklus ohne den im Oktober 2012 verstorbenen Dirk Bach einer nie gekannten, epidemischen Begeisterung erfreut. Quotenrekord und Hyperberichterstattung, vom Bild.de-Liveticker bis hinauf ins Feuilleton – bloß: warum eigentlich?

Schließlich passierte bislang verlässlich nur das, was seit Jahren Programm ist. Käfer, Kotze, Kakerlaken – trash as usual, bis zum bitteren Ende, der Krönung des Dschungelkönigs, am kommenden Samstag.

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Mit dem »Dschungel« wird in diesem Jahr weitaus mehr gefeiert als der übliche Camp-Style, das Ekelerregende, der Voyeurismus, das Erlaben an dem und das Sezieren dessen, was die kranke Zellprobe der eigenen Gesellschaft dort unter dem Mikroskop der Kamera als Nächstes tun wird. Ich bin ein Star – Holt mich hier raus markiert 2013 vielmehr die symptomatische Spitze eines Genres, das sich unmerklich zum absoluten Quotenschlager entwickelt hat: das des neuen deutschen Kolonialismus. Des Außendrehs in Übersee, der Expedition in fremde Welten.

Der Topos des Tropenkollers, exerziert als Hölle der anderen in der Antizivilisation des australischen Buschs, in den man die Kandidaten nach historischem Vorbild mit Häftlingsnummer auf dem Rücken verschifft, ist dabei nur die eine Seite. Nicht minder stereotyp ruft die Reality-Soap Der Bachelor (RTL) das Gegenbild eines fernen Paradieses auf. Die Kuppelshow, in der sich eine Heerschar junger Frauen auf Knopfdruck in einen gelackten Premiumsingle (»Ich mag Begeisterung«) verliebt, belebt den Traum vom wilden Abenteuerland wieder, beachtlich schablonenhaft feiert hier die Kolonialromantik im Traumschiff-Gewand ihre Renaissance: Safaris, Bungeesprünge, Wasserfallschluchten und Sonnenuntergänge vor afrikanischer Steppenkulisse, das Ganze begleitet von elektrisierendem Ethnopop mit Stammeschören, das Land: eine beliebig bespielbare Fläche für die Illusion von Abenteuer und Luxus. Klassische Adrenalinschübe (Bootstrip zum Weißen Hai!) wechseln sich im Fünfminutentakt mit idyllischer Ruhe ab, denn auch im wildesten Hinterland Südafrikas steht immer ein frisch dekorierter Tisch mit gestärkter Decke und Rosenblättern herum, auf dem eisgekühlter Champagner wartet. Auf die Dauer auch öde? Der Helikopter parkt bereits im Garten.

Das Millionärspaar Carmen und Robert Geiss ( Die Geissens , RTL II) führt vor, wie es weitergehen kann. Zwanzig Jahre Ehe später ist ihnen die ganze Welt zur Kolonie geworden. »Jetset«, so das Lebensmotto des dauerzankenden Doppelpacks auf Ewigexpedition, dessen einziges Ziel es ist, der Welt zu zeigen, dass sie die Könige sind, wo auch immer sie den Flieger verlassen. Laut feixend und meckernd staksen und trampeln die Geissens durch alle Länder dieser Erde, himmelschreiend ignorant steuern sie immer gleiche Edelboutiquen an, um auch hier sofort zu beweisen, dass sie die Reichsten der Reichen sind. Der Ort ist dabei austauschbar, Hauptsache, es scheint die Sonne.

Archaischer Überlebenskampf im Urwald, Traumpartnercasting, privates Glück zu zweit – was die Formate eint, ist ihre inhaltliche Geschlossenheit. Die Szenerie bleibt konsequent selbstreferenziell, ein Exotismus ohne Menschen: Im Dschungelcamp gibt es nur deutsche Ausgesetzte, auch der Bachelor zeigt eine weitestgehend menschenleere Kulisse. »Welcome to South Africa!«, ruft ein schwarzer Hotelboy am Anfang bestens gelaunt – das einzige Gesicht aus dem Land mit 44 Millionen Einwohnern, das in der Sendung auftauchen darf. Auch Carmen Geiss dienen Einheimische höchstens zur Bespaßung. Auf der niederländischen Antilleninsel Curaçao (»Holland«, so Gatte Robert) dürfen sie nebenher rennen, wenn die blonde Botoxwalküre auf die Idee kommt, den Vogel Strauß einmal quer durchs eingezäunte Gehege zu reiten. Höflich lächelnd begleiten die Tierpfleger ihr euphorisch-abgekämpftes Schwärmen vom Tier »in freier Wildnis« nach dem Abenteuer.

Die Verfügbarkeit von Flora und Fauna, sie bleibt die Illusion der alten wie neuen Kolonialromantik. Ein nachvollziehbarer Sehnsuchtsort in Zeiten notorischen Vielfliegertums, das Fernreisen zur Normalität macht? Die logische Folge einer allzu erschlossenen Welt, die mit Google Earth jeden Meter Erde abspazierbar macht? Gar ein nationaler Reflex, während Europa wankt? Oder der westliche Selbstversicherungswunsch in Zeiten, in denen sich die Komplexität globaler Ungleichheit nicht länger ignorieren lässt? Nicht nur wird aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China (bei Robert Geiss nur »die Ping-Pongs«) mit Überheblichkeit begegnet, überhaupt weicht alles Politische einem imaginierten Außerhalb, das keine Klimakatastrophe, sondern nur unberührte Natur, mal diesseits (gedeckter Tisch), mal jenseits (Maden und Würmer) der Beherrschbarkeit kennt.

»Dschungel« lautet die Chiffre. Ihr Mittel und Zweck ist das Prinzip Fernbedienung. Die koloniale Welt, die wir so kontrollieren, ist, wie schon immer: eine Fantasie.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Gerade junge Menschen sind es vorwiegend, die solche Formate schauen.

    Wohin wird uns das alles noch führen?

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  • Schlagworte Fernsehen | Privatfernsehen | Fernsehproduktion | Dschungelcamp
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