Film "Quartett"Die Kunst trägt Klunker

Oper ist, wenn alternde Primadonnen munter weitersingen: Mit "Quartett" gibt Dustin Hoffman sein Filmregie-Debüt. von Christine Lemke-Matwey

Dustin Hoffmann bei der Premiere seine Films "Quartett" in London

Dustin Hoffmann bei der Premiere seine Films "Quartett" in London  |  © Andrew Cowie/AFP/GettyImages

Es mag uncharmant sein, den Freudentränenregen, den die Deutschlandpremiere von Dustin Hoffmans Quartett in der Deutschen Oper Berlin auslöste, mit dem Attentat auf den ehemaligen Moskauer Startänzer Sergej Filin zu kontern. Und doch geht es nicht anders: weil die Gleichzeitigkeit der Ereignisse dazu aufruft – und weil das (kriminelle) Leben und die (in sanfte Herbstmilch getauchte, Klunker tragende) Kunst selten weiter voneinander entfernt waren. Der Fall Filin offenbart, dass die Bühne seit jeher ihre eigenen Dämonen kennt: Ein Unbekannter hatte dem Direktor des Bolschoi-Balletts in der vergangenen Woche aufgelauert und Säure ins Gesicht geschüttet, fast wäre der 42-Jährige erblindet, als Motiv für die Tat gelten Rivalitäten innerhalb der Compagnie. Glasscherben in Spitzenschuhen, zerstochene Autoreifen, anonyme Drohungen, gehackte E-Mail-Accounts: Methoden wie diese erinnern an Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni, die beiden primadonne assolute des 18. Jahrhunderts, die einander noch auf offener Bühne die Haare ausrissen, sich gegenseitig würgten und blutig kratzten.

Von solchem Furor, solch niederen Instinkten ist bei Dustin Hoffman wenig zu spüren, und das hat viel mit Ehrfurcht zu tun: Ehrfurcht vor dem eigenen Wechsel hinter die Kamera, erstmals als Regisseur – und Ehrfurcht vor der fremden Welt der Musik. Inspiriert von Daniel Schmids legendärem Dokumentarfilm Il bacio di Tosca von 1984, erzählt Quartett die Geschichte einer Seniorenresidenz für Musiker respektive Opernsänger, und was passiert, wenn die Ex-Primadonna Jean nach Jahrzehnten den Ex-Startenor Reginald wiedersieht, mit dem sie einst eine heftige, aber unglückliche Liebe verband. Der Sog der Erinnerungen, das Zucken der Eitelkeiten, die schwindenden Kräfte und die Wut darüber – das bietet reichlich Stoff für ein Sittenbild des Alterns und der alternden Hochkultur. Wie versucht »Reggie« (Tom Courtenay) es der jungen Generation zu erklären? »Oper ist, wenn ein Mann ein Messer in den Rücken gestoßen bekommt und nicht stirbt, sondern singt.« Das findet die rappende Jugend cool. Weniger cool allerdings ist, dass der Vorzeige-Rapper der Gruppe ein Farbiger sein muss, wie überflüssigerweise auch die Mehrzahl des Personals in Beecham House. 

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Anders als Il bacio di Tosca spielt Quartett nicht in der kargen, von Giuseppe Verdi noch persönlich ins Leben gerufenen und bis heute dem Mailänder Verkehrschaos trotzenden Casa di Riposo, sondern in einem feudalen Manor House irgendwo in den lyrischen Weiten Mittelenglands, zwischen Krocket-Rasen, gestutzten Hecken und Bilderbuchbäumen. Wer hier seinen Lebensabend verbringt wie der altlüsterne Wilfred (Billy Connolly) oder die entzückend schusselige Cecily (Pauline Collins), muss gewiss nicht darben. Und während die musicisti rund um die nicht minder entzückende Sara Scuderi bei Daniel Schmid den Gefangenenchor aus Verdis Nabucco proben, sind es bei Dustin Hoffman und seinem Drehbuchautor Ronald Harwood das Trinklied aus La Traviata und vor allem Bella figlia dell’amore, das Rigoletto- Quartett. Musik aus der Mitte des Lebens, ewig junge, voll im hormonellen und emotionalen Saft stehende Musik. Als wäre alles – der Verlust der Stimme, die Runzeln, die schmerzende Hüfte, die Angst vor dem Tod – nur halb so wild. Entsprechend pointenselig und very very british, bis hart an die Klischeegrenze, gestalten sich die Dialoge, entsprechend flott ist das Ganze geschnitten, entsprechend warm leuchten Landschafts- und andere Farben. Unterhaltsame, kluge, auch freche 100 Minuten, zweifellos. Trotzdem schade, dass Hoffmann die Bittersüße des Sujets gegen Ende zusehends mehr ins Sülzige, Schmalzige, vermeintlich Opernhafte wegrutscht. Angst vor der eigenen Courage, ja vor sich selbst?

Was hätte sein können, steht in den Gesichtern der eigens gecasteten echten Musiker und Sänger (bis hin zu Gwyneth Jones als Primadonna!) geschrieben – und, immer wieder, in Jeans Augen: Ein einziger herb-umflorter Riesentragödinnenblick von der wirklich anbetungswürdigen Maggie Smith, ein leises, brüchiges »It’s fragile, be careful« aus ihrem Mund zu Beginn, und man begreift. Dass alles nur ein Spiel ist, das wahrhaftigste Gefühl wie der höchste Ton, der größte Erfolg wie die größte Einsamkeit. Und dass es letztlich nur um Kunst oder Leben gehen kann, niemals um beides zugleich.

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    • Schlagworte Film | Filmrezension | Kino | Regisseur | Dustin Hoffman
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