Flughafen"Den Ärger hätte es bei uns nicht gegeben"

Der Airport Finow sollte mal Drehkreuz werden – verlor aber gegen BER. Ein Interview mit dem Chef von Julius Lukas

DIE ZEIT: Herr Knoll, sind Sie eigentlich froh, dass bei Ihnen in Finow, 60 Kilometer vor Berlin, kein Flughafen gebaut wurde?

Martin Knoll: Nein, wieso soll ich darüber froh sein?

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ZEIT: Weil sie sich dadurch all den Ärger erspart haben, den die Flughafenbetreiber in Schönefeld jetzt haben.

Knoll: Den Ärger hätte es bei uns nicht gegeben. Wir wären längst fertig mit dem neuen Flughafen und hätten vielleicht sogar schon weiter ausgebaut.

ZEIT: Ein Großflughafen Finow wäre kein Debakel geworden?

Knoll: Ich denke nicht. Obwohl, das muss man fairerweise sagen, das Konzept für unseren Flughafen nicht mit dem zu vergleichen war, was da jetzt in Schönefeld entstehen soll. Als wir noch im Rennen waren, plante das Land Brandenburg, Finow als Entlastung für die Berliner Flughäfen auszubauen; also nicht alles über nur einen Airport abzuwickeln. Unser Flughafen sollte einen großen Teil der nationalen und kontinentalen Flüge abwickeln, dadurch hätte es auch den Ärger mit den Flugrouten nicht gegeben, den die Berliner jetzt haben. Und die Nachtflüge hätten wir komplett übernommen. Die sind in Schönefeld ja verboten.

ZEIT: Und warum wurde aus diesem Konzept nichts?

Martin Knoll

Martin Knoll, 32, leitet den Flughafen in Finow, nordöstlich von Berlin.

Knoll: Weil das Land Brandenburg 2009 plötzlich lediglich einen einzigen Großflughafen haben wollte – BER. Linienverkehr mit Maschinen über 14 Tonnen war fortan nur noch dort erlaubt. Dahinter steckt auch das Wunschdenken, BER als internationales Luftfahrtdrehkreuz zu etablieren. Mit Nachtflugverbot ist das natürlich schwer. Außerdem gibt es fast nirgendwo auf der Welt Großstädte mit nur einem Flughafen. London hat sogar fünf. Das war also keine gute Idee.

ZEIT: Wenn Sie sagen, dass es mit Finow kein solches Debakel gegeben hätte – was wäre bei Ihnen denn anders gelaufen?

Knoll: In unserer damaligen Mannschaft waren Leute, die wirklich Ahnung vom Flughafenbau haben, die auch schon lange in dem Bereich tätig waren. Solcher Sachverstand ist wichtig.

ZEIT: Und den gab es in Schönefeld nicht?

Knoll: Sieht ganz danach aus.

ZEIT: Wie viel hätte denn der Ausbau von Finow zu einem Drehkreuz gekostet? Bei dem neuen Flughafen in Schönefeld ist mittlerweile die Rede von 4,5 Milliarden Euro.

Knoll: Wir hätten 0,5 Prozent davon gebraucht – und zwar von einem Investor bezahlt, ohne öffentliches Geld. Für den Ausbau von Finow wurden 25 Millionen Euro kalkuliert. Zugegeben, so ein repräsentativer Bau wie in Schönefeld wäre es bei uns dann natürlich nicht geworden. Aber 4,5 Milliarden Euro – niemals.

Leserkommentare
  1. ob man das nun liest oder nicht ... ?!

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    • a.bit
    • 29. Januar 2013 8:47 Uhr

    Was spricht eigentlich dagegen, den drohenden Kapazitätsengpässe der existierenden Berliner Flughäfen jetzt noch mit einer Verlagerung der Billigflieger nach Finow zu begegnen?

    Klar, die Landebahn ist teilweise mit Solarzellen überbaut (oder ist der Teil darunter sogar zerstört?), aber der Betreiber dieser ist doch insolvent, oder? Da sollte sich doch was bzgl. Verlagerung und Reaktivierung der Landebahn machen lassen.

    2 Leserempfehlungen
  2. gekommen wäre.
    die Ursache liegt im politischen System und da mit bei den Fähigkeiten der Politiker. Auch in Finow hätten sie sich Lehrer, Theologen, Juristen, Sozialarbeiter und sonstige Laien als "Volksvertreter" massiv eingemischt um ihrer Karriere Vorschub zu leisten. Zweifellos eine Unterstellung, aber das ist nun mal die weit verbreitete Erwartungshaltung in der Bevölkerung.

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    • Afa81
    • 29. Januar 2013 10:01 Uhr

    Ein paar Sachen wären anders gekommen. Z.B. würden wir
    heute in der Zeit ein Interview mit dem Flughafenchef
    von Schönefeld lesen. Und seit Jahren würden sich alle
    Bürger aufregen, wieso die Politik so blöd war und nicht
    in Schönefeld gebaut hat :-)

  3. Wer sich die Landkarte oder Google Earth zur Lage des ehemaligen deutschen Fliegerhorstes und späteren sowjetischen Militärflugplatzes ansieht, der kommt schnell darauf, dass diese Lage für einen zivilen Großflughafen völlig ungeeignet ist. Herr Knoll verschweigt nur, dass sich etwa 25 km weiter nördlich mitten im Wald ein noch 1987/88 großflächig als Ausweichplatz für das russische Shuttle Buran ausgebauter ehemaliger sowjetisch/russischer Militärflugplatz befindet. Der Flugplatz Templin/Groß-Dölln wurde aber leider durch die Herren Manfred Stolpe und Matthias Platzeck, seinerzeit Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung, als Flugplatz unbenutzbar gemacht durch die Festlegung der Schorfheide als Naturschutzgebiet. Man schaue sich dort nur einmal die umgebende Landschaft an, wo ist dort die nächste größere Ansiedlung?

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    ist so nicht richtig.

    Das BR S.-C. ist kein bloßes Naturschutzgebiet, sondern hat den UNESCO-Schutzstatus als Biosphärenreservat (mit dem Weltkulturerbe Grumsiner Forst).
    Es wurde im September 1990 von der letzten DDR-Regierung im Rahmen des Nationalparkprogramms eingerichtet. Weder Manfred Stolpe noch Matthias Platzeck waren da im Amt.

    • Afa81
    • 29. Januar 2013 9:43 Uhr

    Also, dann zoomen Sie mal bitte raus bei Google Maps.
    Dann werden Sie sehen, dass die Deutsch-Polnische Grenze
    näher an Berlin ist als Templin.
    Wenn man weiter rauszoomt kommt es einem schon so vor,
    als läge das genau zwischen Berlin und der Ostsee.
    Also, klar. Wir können ja auch von Leipzig oder von Poznan
    fliegen...

    Nein, also wenn alle Flughäfen sonst dicht gemacht werden,
    dann kann man doch nicht den Berliner Flughafen so weit
    entfernt bauen. Berlin-Alexanderplatz nach Templin ist
    doppelt so weit wie Berlin-Alexanderplatz nach Eberswalde.
    Da kann man auch nicht mehr mit einer "schnellen Bahnstrecke" argumentieren - vor allem, wenn ich mir den Berliner Nahverkehr von heute morgen vor Augen halte...

    • Afa81
    • 29. Januar 2013 9:29 Uhr

    Also, sicher habe ich nicht die Kompetenzen wie Herr Knoll,
    aber ich stelle es mir einfach mal vor. Nationale Flüge landen in Finow. Geschäftsleute landen in Finow und müssen dann noch 60 km ins Stadtzentrum fahren. Oder Nationale Flüge, deren Passagiere dann weiter ins Ausland fliegen wollen (was ja das "Drehkreuz" so ausmacht).
    Die müssen dann vom einen Gate zum nächsten 100 km fahren...
    Wie soll das funktionieren?
    Ich habe selbst eine Privatpilotenlizenz und bin schon das ein oder andere mal in Finow gelandet. Von Strausberg aus brauche ich gute 10 min. Luftlinie dort hin. Von Schönefeld aus wären es dann wohl eher 20 min. Und mit dem Zug... ich kann nur schätzen, aber das würde lange dauern.
    Und noch was - wieso sollte man in Finow einen Zweitflughafen bauen, wenn man noch zwei in Berlin selbst hat (Tegel/Tempelhof). Also, soooo dicke ham was ja hier in Berlin dann auch nicht.
    Und, ob die Eberswalder Bewohner bei Nachtflügen so still gehalten hätten, wage ich zu bezweifeln. Ich habe kein Problem mit Nachflugverboten - ich kann es mir dann doch noch leisten, nach Frankfurt zu fliegen um von dort
    aus dann in alle Welt zu gelangen. Dann bleibt Berlin halt ein Dorf...

    5 Leserempfehlungen
  4. ist so nicht richtig.

    Das BR S.-C. ist kein bloßes Naturschutzgebiet, sondern hat den UNESCO-Schutzstatus als Biosphärenreservat (mit dem Weltkulturerbe Grumsiner Forst).
    Es wurde im September 1990 von der letzten DDR-Regierung im Rahmen des Nationalparkprogramms eingerichtet. Weder Manfred Stolpe noch Matthias Platzeck waren da im Amt.

    2 Leserempfehlungen
    • Afa81
    • 29. Januar 2013 9:43 Uhr

    Also, dann zoomen Sie mal bitte raus bei Google Maps.
    Dann werden Sie sehen, dass die Deutsch-Polnische Grenze
    näher an Berlin ist als Templin.
    Wenn man weiter rauszoomt kommt es einem schon so vor,
    als läge das genau zwischen Berlin und der Ostsee.
    Also, klar. Wir können ja auch von Leipzig oder von Poznan
    fliegen...

    Nein, also wenn alle Flughäfen sonst dicht gemacht werden,
    dann kann man doch nicht den Berliner Flughafen so weit
    entfernt bauen. Berlin-Alexanderplatz nach Templin ist
    doppelt so weit wie Berlin-Alexanderplatz nach Eberswalde.
    Da kann man auch nicht mehr mit einer "schnellen Bahnstrecke" argumentieren - vor allem, wenn ich mir den Berliner Nahverkehr von heute morgen vor Augen halte...

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    unter 1 Stunde Fahrt mit dem ICE Sprinter von Berlin Hauptbahnhof, so sehr viel schneller geht es von/nach BER auch nicht, der Airport-Express braucht ne halbe Stunde.
    Den Berliner Nahverkehr kann man mit Fernverkehr nun wirklich nicht vergleichen.

  5. Der gute Herr Flughafendirektor hat keine scheinbar keine Ahnung von den Anforderungen an ein Drehkreuz. Gut, dass niemand 25 Millionen in dieses Provinzstartfeld investiert hat.

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