Genossenschaftsbanken : Raiffeisen-Wunder

Bei den Genossenschaftsbanken wächst die Kundschaft – mit jedem Skandal bei anderen Geldinstituten.

Was für ein schöner Freitagabend für Rudolf Schmitz: Genossen aus der ganzen Republik sind in die abgelegene Kleinstadt Mayen gekommen, um ihn, den langjährigen Vize der Volksbank RheinAhrEifel, in den Ruhestand zu verabschieden. Nach dem Essen verstummen die Loblieder auf den 62-Jährigen allmählich, dann darf Rudolf Schmitz endlich auch einmal etwas sagen. Es sei vielleicht nicht das Schlechteste, ruft er vom Podium in die Lokhalle, die Bank in einer Zeit zu verlassen, in der Banker als gierige Monster beschimpft würden, die ihre Kunden über den Tisch zögen und, wenn es schiefgehe, nach dem Staat riefen. »Aber das sind wir nicht. Wir sind anders als die anderen«, sagt Schmitz. »Wir hatten das beste Jahr unserer Geschichte.« Den letzten Satz verschluckt der Applaus.

Die Volksbank RheinAhrEifel ist eine von 1.121 Genossenschaftsbanken in Deutschland. Mit 135.000 Kunden und mehr als 80.000 Mitgliedern steht sie, gemessen an der Bilanzsumme, bundesweit auf Platz 67. Eine typische Volksbank und deshalb nicht die einzige, die ein gutes Jahr hinter sich hat. Der genossenschaftlichen Finanzgruppe geht es seit Ausbruch der Finanzkrise ziemlich gut. 2011 haben die Genossen nach Steuern insgesamt 4,5 Milliarden Euro verdient, das sind 130 Millionen Euro mehr als die Deutsche Bank und fast drei Milliarden Euro mehr als die Sparkassen-Gruppe. Eine Million Menschen eröffneten seit 2008 ein Konto, fast 800.000 Neukunden haben eine Mitgliedschaft beantragt, 17 Millionen der insgesamt 30 Millionen Kunden sind damit zugleich Eigentümer ihrer Bank.

Die Genossen verfügen über ein selten gewordenes Kapital: Vertrauen. Sie haben im Gegensatz zu Landesbanken und privaten Banken keine Staatshilfe beantragen müssen. Als Gruppe mussten sie mit der DZ Bank nur ein einziges Institut durch die Krise schleppen. Ihr Einlagensicherungsfonds ist seit 2008 jährlich um 300 bis 400 Millionen Euro angewachsen. Wie viel Geld dort insgesamt angesammelt wurde, bleibt allerdings ein Geheimnis. Davon abgesehen, verfügt die Gruppe über ein Eigenkapital von über 65 Milliarden Euro: Das ist im Verhältnis zur Bilanzsumme deutlich mehr als bei Sparkassen oder bei der Deutschen Bank. Für die Rating-Agentur Standard & Poor’s sind die Genossen kreditwürdiger als jede andere deutsche Bankengruppe. Bundesbank-Chef Jens Weidmann hat ihnen kürzlich bescheinigt, »von allen drei Säulen des deutschen Bankensystems am besten durch die Krise gekommen zu sein«. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte die Genossenschaftsidee zu einem »Modell der Zukunft«. Jeder neue Skandal bei anderen Banken lässt die Anhängerzahl wachsen.

Die Volksbanker haben ein neues Selbstwertgefühl

Wer in Mayen mit den Vorständen und Verbandsvertretern spricht, der trifft auf ein neues Selbstwertgefühl. Da sprechen einige schon von »Member-Value« statt von Shareholder-Value. Allerdings ist auch der alte Minderwertigkeitskomplex der einst als Kartoffelbanken verspotteten Institute zu spüren. Die Genossenschaftsbanker wirken wie Menschen, die ihr Glück nicht recht fassen können. Vielleicht auch weil sie ahnen, dass es schwer wird, die Popularität auf Dauer zu nutzen.

Da ist das alte Problem einer notorischen Vertriebsschwäche. Da ist das neue Problem, dass das Wachstum schnell seine eigenen Grundlagen bedroht: die Nähe zu den Kunden, die persönliche Ansprache. Und das ist das künftige Problem: dass der potenzielle Kunde im Vergleich zum heute typischen Kunden in der Stadt lebt und seine Bankgeschäfte bevorzugt im Internet erledigt. Wie sich Nähe aber virtuell schaffen lässt, da fehlt den Genossen noch die Idee. Kurzum: Das Individuelle ihres Geschäfts verschafft ihnen Zulauf, droht aber verloren zu gehen, je größer und urbaner die Kundschaft wird. Das ist der innere Widerspruch der Genossenschaftsbanken.

Bis heute kultiviert die Gruppe die alte Idee von Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte der konservative Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit »Brodvereinen« und Darlehenskassen, die Not leidenden Bauern des Westerwaldes aus dem Würgegriff von Wucherern zu befreien. Fast zeitgleich kam der liberale Politiker Hermann Schulze-Delitzsch in Preußen auf die Idee, verarmten Handwerkern mit »Rohstoff-Associationen« zu helfen.

Heute folgt die so entstandene Finanzgruppe mit Volks- und Raiffeisenbanken, mit Sparda- und PSD-Banken einer klaren Arbeitsteilung: Die 1121 Institute bieten mit ihren 13.350 Filialen und fast 20.000 Geldautomaten das klassische Bankgeschäft an. Das Zentralinstitut DZ Bank und die Tochterfabriken Schwäbisch Hall, R+V-Versicherung und Union Investment beliefern sie mit Bausparverträgen, Versicherungspolicen und Investmentfonds, die bei Branchentests regelmäßig gut abschneiden.

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Auch unterworfen

Auch wenn sie Basel III unterworfen sind wie alle anderen.

Mit dem Geld kleiner Leute hochgekommen terten sie dieselben jetzt in den Hintern. Da nützt auch die Werbefigur des Nachrichtenapostels der 1990iger Jahre nichts. Nicht mal 5 Euro überweisen die, wenn es nicht gedeckt ist, trotz jahrzehntelangem Kunde sein.

Aber natürlich vermögende Mittelständler und Menschen mit festem Einkommen am besten ö/D, da sind sie dabei. Die deutsche Bank aber auch, soiel teurer auch nicht und nicht mit soviel Heuchelei.