KapitalmarktLicht auf dem Graumarkt

Am 1. Januar sind strenge Vorschriften für Finanzvermittler in Kraft getreten. Sie sollen es Maklern erschweren, hochriskante Anlagemodelle zu verkaufen. von Daniel Schönwitz

Der Allgemeine Wirtschaftsdienst (AWD), einer der umstrittensten Finanzvertriebe Deutschlands, ist Geschichte – oder jedenfalls: sein Name. Die beinahe 5.000 Vermittler treten seit Anfang des Jahres unter der Marke Swiss Life Select an. Der Versicherer Swiss Life hatte Carsten Maschmeyers AWD 2007 übernommen, jetzt streicht man den Namen.

Doch nicht nur deshalb ist 2013 der Beginn einer neuen Ära: Für die ehemaligen AWD-Mitarbeiter und all ihre Kollegen – in Deutschland gibt es Zehntausende Finanzvermittler – haben sich die Spielregeln grundlegend geändert.

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Denn zu Jahresbeginn sind neue Vorgaben in Kraft getreten, mit denen der Gesetzgeber verhindern will, dass sie weiter massenhaft Produkte vom »grauen Kapitalmarkt« an Privatanleger verkaufen. Produkte also, die mangels strenger staatlicher Kontrollen oft gewaltige Risiken bergen – aber bei Vermittlern besonders beliebt sind, weil hier die höchsten Provisionen winken.

Indem der Staat den Verkäufern genauer auf die Finger schaut, will er dafür sorgen, dass Anbieter besonders fragwürdiger Graumarktprodukte es schwerer haben, diese an den Anleger zu bringen. Und das könnte sogar gelingen. Denn auch wenn das neue Finanzanlagenvermittlerrecht etliche Schwächen hat, ist es ein wichtiger Schritt hin zu einem umfassenden Anlegerschutz.

Grauer Kapitalmarkt

Das ist der unregulierte Teil, also sozusagen die Grauzone des Finanzmarktes. Er besteht aus Produkten, für die kaum staatliche Vorschriften existieren – also etwa aus außerbörslichen Beteiligungen an Unternehmen und geschlossenen Fonds, über die Anleger in Immobilien, Schiffe oder Windparks investieren. Nach etlichen Skandalen wird der graue Markt nun strenger kontrolliert.

Der Grund: Finanzvermittler müssen nun professioneller vorgehen, nachdem sie jahrelang nahezu frei von gesetzlichen Vorgaben Anlageprodukte auswählen und empfehlen konnten. So sind sie neuerdings verpflichtet, ihre Beratungsgespräche zu protokollieren, über Provisionen aufzuklären und der Gewerbeaufsicht ihre Sachkunde nachzuweisen. »Die Regeln, die für Banken bereits gelten, werden nahezu eins zu eins auf freie Vermittler und Mitarbeiter von Finanzvertrieben übertragen«, sagt Udo Brinkmöller, Partner der Kanzlei BMS Rechtsanwälte in Düsseldorf. »Ein erheblicher Einschnitt.«

Vor allem die neue Aufklärungspflicht über Provisionen dürfte nicht folgenlos bleiben. »Viele Vermittler, die ihre Empfehlungen bislang vor allem nach der Höhe der Provision ausgewählt haben, werden nun vorsichtiger agieren«, sagt Brinkmöller. Schließlich sei es jetzt verboten, deren Höhe zu verschleiern. »Wer das trotzdem macht, geht erhebliche Haftungsrisiken ein.« Mit anderen Worten: Vermittler, die Provisionen verschweigen, sind schadensersatzpflichtig, wenn sich ihr Anlagetipp als Rohrkrepierer entpuppt.

Bislang konnten Vermittler meist gefahrlos verschweigen, dass sie beim Verkauf von Graumarktprodukten – vor allem geschlossene Fonds, die in Immobilien, Schiffe oder Windparks investieren – 10, 12 oder gar 15 Prozent des von Anlegern eingezahlten Geldes als Provision abgriffen. Bei Aktienfonds sind es meist nur fünf Prozent.

Dabei gilt die Faustregel: Je höher die Provision, desto riskanter das Produkt. Schließlich wissen Fondsanbieter, dass sie ihren Vermittlern etwas bieten müssen, weil diese sonst lieber sichere Produkte verkaufen, bei denen die Gefahr geringer ist, dass sie ihren Kunden hinterher Verluste erklären müssen.

Ohne die Verschleierungstaktik bei Provisionen wäre in den vergangenen Jahren sicher mancher Anleger misstrauisch geworden, warum es ausgerechnet ein Graumarktfonds sein soll – und hätte nicht in Schrottimmobilien-, Film- oder Schiffsfonds investiert. Mit solchen Produkten haben in den letzten Jahren Hunderttausende Anleger horrende Verluste erlitten; besonders dramatisch ist die Situation bei Schiffsfonds, die derzeit reihenweise in die Pleite schlittern.

Leserkommentare
  1. Auch 5 Prozent für einen gewöhnlichen Atienfonds sind schon sehr viel.
    Zumal da noch fast 2 % jährlich anfallen.

    Zertifikate in der harmlossesten Form dienen nur dazu die Vorschriften für Fonds zu umgehen und ordentlich abzukassieren.

  2. Es gibt Produkte, die ziemlich sicher weit weniger wert sind, als die Finanzberater sagen. Die zu vekaufen ist schwierig, und deshalb bekommt der Finanzberater ein hohe Provision.

    Es gab früher einmal Tatbestände, den nannte man "Betrug" oder auch "arglistige Täuschung".

    Verkaufte ich jemandem ein Bild von Picasso, das mein Chef selbst gemalt und signiert hatte, dann konnte ich früher dafür ins Gefängnis kommen. Ist das heute nicht mehr so?

    Ich habe das Gefühl, es ist nicht mehr weit bis zur Gesetzlosigkeit - zumindest im Bereich der Finanzen.

    Nur noch mal zur Warnung vor Neppern, Schleppern, Bauernfängern.

    Fragen Sie ihren Versicherugnsvertreter oder Finanzberater, wie die Versicherung die durchschnittliche Lebenserwrtung ihrer Kunden einschätzt. Und nicht nur das, lassen Sie es sich zeigen. Wenn da 95 oder 92 Jahre steht dann zieht man sie gerade über den Tisch. Die heute geborenen werden durchschnittlich 78 Jahre (Männer) und 82 Jahre (Frauen) alt.
    Lassen Sie sich beraten (Verbraucherzentrale) lassen Sie den Vertrag ruhen oder kündigen Sie ihn und fahren Sie lieber in Urlaub - sonst tut das der Vertreter der vor Ihnen sitzt und dessen Chef und der Aktionär der Versicherung.

    Mein Sparvertrag war so gestrickt, daß 70 Prozent der eingezahtlen Beträge und Zulagen ausbezahlt werden bis zum 85 Lebensjahr. Die restlichen 30 Prozent bekommt eine Versicherung...
    D.h. 30 Prozent Gewinnabführung an eine Versicherung, die Sie nicht mal kennen.
    Alles legal! Gell Hr. Riester

    5 Leserempfehlungen
    • bkkopp
    • 03. Februar 2013 19:52 Uhr

    Alles was an Verbraucher (Nicht-Kaufleute, finanzielle Laien)verkauft werden darf, müsste viel restriktiver gehandhabt werden. Kein Initiator oder Vermittler dürfte über die Laufzeit eines Produktes mehr als 10% des Anlegergewinnes mitverdienen. Die meisten Produkte sind überflüssig, wie auch zehntausende 'Finanzberater'.

    Eine Leserempfehlung
  3. Was man selber nicht versteht, davon sollte man die Finger lassen. Kein Berater will Sie reich machen.

  4. ...die hier beschriebenen Änderungen sind doch seit Jahren bereits am Markt etabliert. Finanzberater werden von der IHK geprüft und Beratungsprotokolle gibt es ebenfalls seit Jahren.

    Die Änderungen betreffen eigentlich nur geschlossene Anlagen. Die waren bei Kunden besonders beliebt, weil da scheinbar die höchsten Renditen winken, oft kombiniert mit erwarteten steuerlichen Vorteilen.

    Man sollte nicht so tun, als wären Finanzberater Hellseher. Die konnten vor 2007 darauf hinweisen, dass Lehmann Zertifikate theoretisch ausfallen können. Geglaubt hat das vor der Pleite praktisch niemand - sogar die KfW hat noch bis zuletzt Geld überwiesen.

    • HoJoH
    • 04. Februar 2013 22:36 Uhr

    Das verkraftbare Risiko für einen Anleger bezieht sich ja wohl auf sein frei verfügbares Vermögen und die Wahrscheinlichkeit dieses zu verlieren.

    Warum soll jemand mindestens 20.000 EUR oder 50.000 EUR investieren können müssen - aber andererseits sehr wohl Lotterielose und Sportwetten kaufen können. Dort ist das Verlustrisiko VIEL höher - aber eben auch die Verlustsumme.

    Eine sinnvolle Anlegerschutzstrategie müsste also in der Frage beim Vermögen ansetzen und daraus einen ansteigenden %-Satz für riskante Anlagen frei geben. Warum sollen nicht ärmere Leute statt Lotto zu spielen in riskante Papiere investieren? Die im Vergleich hohen Gewinnchancen nur den ohnehin bereist sehr Wohlhabenden vorzubehalten ist zynisch.

    Der eigentliche Kern des Anlegerschutz muß in dem Fall immer die Informationspflicht sein und weitestgehende Transparenz. Erst als Ergänzung kann man dem mündigen Bürger dann zwangsweise Grenzen auferlegen bis zu denen er Risiken eingehen kann - analog zur Pflicht von Casinos Spielsüchtige abzuweisen.

  5. Die Offenlegung der schon fast an Sittenwidrigkeit grenzenden Provisionen ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

    Damit müsste dem Anleger, der sich wenigsgtens ein bisschen schlau gemacht hat, klar werden, wieviel Rendite seine Anlage eigntlich abwerfen muss, damit auch für ihn noch ein paar Krümel vom großen Kuchen abfallen.

    Aber eine weitere gesetzliche Regelung steht noch aus: Der Begriff "Berater" sowohl bei Finanzdienstleistern als auch bei Banken und Versicherungen dürfte nur noch verwendet werden, wenn keine Provisionen fließen und ausschließlich die Beratungsleistung zu honorieren wäre wie bei z.B. bei einem Steuerberater. Ein Verkäufer, der Provisionen bezieht und sich trotzdem Berater nennt, begeht meines Erachtens mit der Wortwahl schon Betrug.

    Denn eine Beratung setzt ein Handeln im Interesse des Kunden voraus. Provisionen und diese dann noch je nach Produkt in unterschiedlichen Höhen, ergeben zwangsläufig einen Interessenkonflikt zuungusten des Beratenen.

    Warum scheut sich der Gesetzgeber, hier eine klare Regelung einzuführen?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Klüger
    • 06. Februar 2013 15:19 Uhr

    Sie haben m. E. als erster das Kernproblem benannt!

    • Klüger
    • 06. Februar 2013 15:19 Uhr
    8. Bravo!

    Sie haben m. E. als erster das Kernproblem benannt!

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