Kapitalmarkt : Licht auf dem Graumarkt

Am 1. Januar sind strenge Vorschriften für Finanzvermittler in Kraft getreten. Sie sollen es Maklern erschweren, hochriskante Anlagemodelle zu verkaufen.

Der Allgemeine Wirtschaftsdienst (AWD), einer der umstrittensten Finanzvertriebe Deutschlands, ist Geschichte – oder jedenfalls: sein Name. Die beinahe 5.000 Vermittler treten seit Anfang des Jahres unter der Marke Swiss Life Select an. Der Versicherer Swiss Life hatte Carsten Maschmeyers AWD 2007 übernommen, jetzt streicht man den Namen.

Doch nicht nur deshalb ist 2013 der Beginn einer neuen Ära: Für die ehemaligen AWD-Mitarbeiter und all ihre Kollegen – in Deutschland gibt es Zehntausende Finanzvermittler – haben sich die Spielregeln grundlegend geändert.

Denn zu Jahresbeginn sind neue Vorgaben in Kraft getreten, mit denen der Gesetzgeber verhindern will, dass sie weiter massenhaft Produkte vom »grauen Kapitalmarkt« an Privatanleger verkaufen. Produkte also, die mangels strenger staatlicher Kontrollen oft gewaltige Risiken bergen – aber bei Vermittlern besonders beliebt sind, weil hier die höchsten Provisionen winken.

Indem der Staat den Verkäufern genauer auf die Finger schaut, will er dafür sorgen, dass Anbieter besonders fragwürdiger Graumarktprodukte es schwerer haben, diese an den Anleger zu bringen. Und das könnte sogar gelingen. Denn auch wenn das neue Finanzanlagenvermittlerrecht etliche Schwächen hat, ist es ein wichtiger Schritt hin zu einem umfassenden Anlegerschutz.

Der Grund: Finanzvermittler müssen nun professioneller vorgehen, nachdem sie jahrelang nahezu frei von gesetzlichen Vorgaben Anlageprodukte auswählen und empfehlen konnten. So sind sie neuerdings verpflichtet, ihre Beratungsgespräche zu protokollieren, über Provisionen aufzuklären und der Gewerbeaufsicht ihre Sachkunde nachzuweisen. »Die Regeln, die für Banken bereits gelten, werden nahezu eins zu eins auf freie Vermittler und Mitarbeiter von Finanzvertrieben übertragen«, sagt Udo Brinkmöller, Partner der Kanzlei BMS Rechtsanwälte in Düsseldorf. »Ein erheblicher Einschnitt.«

Vor allem die neue Aufklärungspflicht über Provisionen dürfte nicht folgenlos bleiben. »Viele Vermittler, die ihre Empfehlungen bislang vor allem nach der Höhe der Provision ausgewählt haben, werden nun vorsichtiger agieren«, sagt Brinkmöller. Schließlich sei es jetzt verboten, deren Höhe zu verschleiern. »Wer das trotzdem macht, geht erhebliche Haftungsrisiken ein.« Mit anderen Worten: Vermittler, die Provisionen verschweigen, sind schadensersatzpflichtig, wenn sich ihr Anlagetipp als Rohrkrepierer entpuppt.

Bislang konnten Vermittler meist gefahrlos verschweigen, dass sie beim Verkauf von Graumarktprodukten – vor allem geschlossene Fonds, die in Immobilien, Schiffe oder Windparks investieren – 10, 12 oder gar 15 Prozent des von Anlegern eingezahlten Geldes als Provision abgriffen. Bei Aktienfonds sind es meist nur fünf Prozent.

Dabei gilt die Faustregel: Je höher die Provision, desto riskanter das Produkt. Schließlich wissen Fondsanbieter, dass sie ihren Vermittlern etwas bieten müssen, weil diese sonst lieber sichere Produkte verkaufen, bei denen die Gefahr geringer ist, dass sie ihren Kunden hinterher Verluste erklären müssen.

Ohne die Verschleierungstaktik bei Provisionen wäre in den vergangenen Jahren sicher mancher Anleger misstrauisch geworden, warum es ausgerechnet ein Graumarktfonds sein soll – und hätte nicht in Schrottimmobilien-, Film- oder Schiffsfonds investiert. Mit solchen Produkten haben in den letzten Jahren Hunderttausende Anleger horrende Verluste erlitten; besonders dramatisch ist die Situation bei Schiffsfonds, die derzeit reihenweise in die Pleite schlittern.

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