Alles fing mit einem nichtssagenden Gastbeitrag im Juni 2012 an. David Cameron, gerade erst von einem EU-Gipfel zurückgekehrt, bei dem er ein Zugeständnis zu viel gemacht haben soll, versuchte, die Euroskeptiker zu beschwichtigen: Er deutete ein Referendum über die dauerhafte EU-Mitgliedschaft Großbritanniens an. Heute, sechs Monate später, wird der Premierminister von den Euroskeptikern seiner Partei dazu gezwungen, seinen Standpunkt klarer auszudrücken: Gebt uns eine Mitgliedschaft zu neuen Konditionen – oder wir Briten werden über einen EU-Austritt abstimmen.

Viele Partner überrascht dieses so unbritische Verhalten, beispielsweise den polnischen Außenminister Radek Sikorski. In Oxford hielt er eine leidenschaftliche Rede – es war das Plädoyer eines Mannes, der in Großbritannien zu einer Zeit ausgebildet worden war, als sein eigenes Land 1981 unter Kriegsrecht gestellt wurde, und der die britische Mentalität verinnerlicht hat.

Die Rede wurde schlecht aufgenommen. Natürlich wird niemand gern von einem Außenstehenden kritisiert, vor allem nicht die Briten. Doch Sikorski nannte fünf Punkte, die die Ausstiegsdebatte für jeden Briten, der etwas auf sich hält, ein für alle Mal beenden sollten.

Erstens: Von einem Austritt zu sprechen ist zutiefst unpatriotisch. Europäische Staaten auf dem Festland hätten dann die Freiheit, über Machtverhältnisse in Europa in einer Weise zu entscheiden, die britische Interessen entscheidend beeinflussen. Die Deutschen werden mächtiger. Die Franzosen verschaffen sich zusammen mit den Osteuropäern immer mehr Geltung. Und die Briten? Sie wollen sich zu Norwegen und der Schweiz in der Peripherie gesellen. Glauben sie wirklich, dass sie der Umbruch auf dem Kontinent nicht betreffen würde?

Zweitens: Ein »Brixit«, ein britischer Exit, wäre gegen unsere britischen Prinzipien. Die Euroskeptiker betonen gern, dass die britische Verfassung auf der Souveränität des Parlaments und damit auf der Idee beruht, dass keine Generation in der Lage sein soll, die nächste zu binden – ein Grundsatz, den das Vereinigte Königreich angeblich gebrochen haben soll, als es sich der europäischen Integration verschrieb. Großbritannien hat sich allerdings so entschieden, weil es einem tieferen Verfassungsprinzip folgt: dem Pragmatismus und damit der Ablehnung von Ideologie. In Brüssel wurden wichtige Entscheidungen getroffen, und es war notwendig, dass wir dabei waren. Wenn Großbritannien jetzt die EU verlässt, um die Souveränität des Parlaments wiederzuentdecken, dann wäre ein Brixit ein Abschied vom Pragmatismus zugunsten einer Ideologie.

Drittens: Die Ausstiegsdebatte wird engstirnig geführt. Britische EU-Skeptiker argumentieren gerne, dass Großbritannien durch einen Ausstieg frei sein würde, um zu seiner natürlichen Bestimmung als Welthandelsmacht zurückzukehren. Und gewiss, die Welt von heute erinnert an die des Empires in seinen besten Zeiten, mit reichen, exotischen, aufstrebenden Ländern. In Wirklichkeit aber hat das Gewicht Großbritanniens abgenommen, und es braucht eine liberale Weltordnung, um sich international behaupten zu können. Um zu seiner ursprünglichen Weltoffenheit zurückkehren, muss das Land seinen Narzissmus überwinden und mit den Europäern zusammenarbeiten. Wenn Großbritannien noch nicht einmal seine engsten Verbündeten beeinflussen kann, wie sollte ihm das in der übrigen Welt gelingen?

Viertens: Brixit beruht auf der Idee, dass die Briten eine Ausnahme in der EU sind, was einfach kein Fair Play ist. Gewiss beruhte die EU-Mitgliedschaft der Briten immer auf einer Art Ausnahme, aber auf einer, die Respekt für die nationalen Unterschiede einforderte und die anderen Mitgliedstaaten samt ihren Besonderheiten akzeptierte. Jetzt glauben die Briten, dass nur sie allein in den Genuss einer Sonderbehandlung kommen sollten. Einige britische Abgeordnete tun so, als wäre es möglich, 40 Jahre europäischer Bindung auszulöschen; die britischen Medien bezeichnen die EU hochnäsig »als wirtschaftlich schrumpfend« oder »undemokratisch«, so als sprächen sie über etwas Fremdes. Selbst die unterkühlten Briten wissen, dass eine Beziehung so nicht funktioniert.