Hochschulen"Das System bricht auseinander"

Das Zwei-Klassen-System aus Fachhochschulen und Universitäten sollte durch ein Modell ersetzt werden, in dem es vier Typen von Hochschulen gibt – so der Vorschlag des Potsdamer Uni-Präsidenten Oliver Günther. Ein Gespräch von 

DIE ZEIT: Herr Günther, Sie sagen, die Hochschullandschaft, wie sie heute ist, werde es in 20 Jahren nicht mehr geben. Warum?

Oliver Günther: Zurzeit haben wir zwei Arten von Hochschulen: Universitäten und Fachhochschulen. Das System beruht auf der überholten Annahme, dass in Deutschland alle Universitäten ungefähr gleich gut sind und ähnlich viele Mittel bekommen sollen. Dann kommt ein tiefer Graben, und dann kommen die Fachhochschulen, die alle auch ungefähr gleich gut sind. Diese Annahme trifft so nicht mehr zu, es gibt längst artenübergreifende Ausdifferenzierungen. Und die lassen das Zwei-Arten-System, so wie wir es kennen, langsam auseinanderbrechen.

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ZEIT: Bund und Länder fördern heute schon einzelne Universitäten mehr als andere, mit der Exzellenzinitiative zum Beispiel...

Günther: ...damit werden Realitäten, die es schon lange gibt, ins System gegossen. Was wir beobachten, ist ein Weg in eine neue, offenere Hochschullandschaft. Ich gehe davon aus, dass sich auf diesem Weg in den nächsten 20 Jahren vier Gruppen – ich nenne sie Cluster – von Hochschulen herauskristallisieren werden.

ZEIT: Welche Typen sind das?

Oliver Günther

Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.

Günther: Erstens wird es einige wenige Spitzenuniversitäten geben, die in allen Fachbereichen international mitspielen. Bei ihnen steht die Forschung klar im Vordergrund, die Wissenschaftler lehren natürlich auch, aber eher noch weniger als heute. Die Exzellenzinitiative deutet an, welche Universitäten dies sein könnten. Ein zweiter, deutlich größerer Cluster von forschungsorientierten Hochschulen wird in einigen Fachbereichen international sichtbar sein, die Forschung steht gegenüber der Lehre noch ein Stück weit im Vordergrund. Der dritte, vielleicht größte Cluster an Hochschulen wird sich auf die Lehre konzentrieren – Forschung gibt es hier weniger. Die vierte Gruppe schließlich besteht aus Hochschulen, die sich ausschließlich der praxisorientierten und berufsnahen Lehre widmen.

ZEIT: Gibt es eine solche Ausdifferenzierung nicht schon im Ansatz?

Günther: Ja, aber sie kann sich nur unter den richtigen Rahmenbedingungen entfalten. Und weil die nicht stimmen, stockt der Prozess. So wird heftig diskutiert, dass Fachhochschulen kein Promotionsrecht haben, das heißt, sie dürfen keine Promotionen betreuen. Die fühlen sich dadurch als zweite Liga – und sind es de facto auch, weil ihnen das Promotionsrecht per Gesetz verwehrt bleibt, selbst wenn einige Fachhochschulprofessoren in der Forschung mehr leisten als manche Universitätsprofessoren. Als ersten Schritt könnte man das Promotionsrecht nicht nach Hochschultypen, sondern nach Fachbereichen vergeben: So würde das System für forschungsambitionierte Fachbereiche an Fachhochschulen nach oben und für forschungsschwache universitäre Fakultäten auch nach unten durchlässiger.

ZEIT: Ist das nicht auch wieder ein Mehrklassensystem mit allen damit verbundenen Problemen? Oben stehen die Elite-Universitäten, unten die Fachhochschulen?

Günther: Man sollte nicht von Klassen oder gar Ligen sprechen, das führt nur in die Irre. Zum einen sollten die Grenzen zwischen den beschriebenen Clustern flexibel und durchlässig sein. Da muss auch darüber nachgedacht werden, ob die Unterschiede im Gesetz verankert sein müssen oder ob man das Gesamtsystem nicht eher als ein Spektrum mit fließenden Grenzen zwischen den Clustern anlegt und ansonsten verstärkt auf die Autonomie der Hochschulen setzt, die sich in einem solchen Spektrum positionieren müssen. Zum anderen hat jeder Cluster seine eigene gesellschaftliche Rolle. Der vierte Cluster zum Beispiel, die Hochschulen mit dem Fokus auf einer berufs- und praxisorientierten Ausbildung, hat auch eine sozial wichtige Funktion: Hier machen viele Bildungsaufsteiger ihren ersten Schritt an eine Hochschule. Dass eine solche flexiblere Ausdifferenzierung in vielerlei Hinsicht funktioniert, allerdings auch Gefahren in sich birgt, kann man im Ausland sehen.

ZEIT: Wo zum Beispiel?

Günther: Die sogenannten Community Colleges in den USA etwa sind sehr regional und praktisch ausgerichtet, sie lassen sich am ehesten mit dem vierten Cluster vergleichen. Sie erheben vergleichsweise geringe Studiengebühren, weil sie kein Geld in die Forschung stecken, und bieten eine niedrige Einstiegshürde für Bildungsaufsteiger. Die meisten solcher Hochschulen bezeichnen sich selbst als Community Colleges und werben damit – weil sie sich mit diesem Modell identifizieren.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Ich weiß nicht, wovon dieser Herr hier redet. Wieso 4 Formen? Diese Andeutungen mit Fördergeld an die Unis sind viel zu vage, als das man da von einem Modell reden sollte. Und wo bitteschön versagt das bisherige Modell? Hierzu werden keine hinreichenden Angaben gemacht. Ich sehe hier eher mal wieder den Versuch sich die angelsächsichen Modelle zu Eigen zu machen. Warum und wozu bitteschön, Herr Günther? Wo liegt der Vorteil? Hätte mir hier mal prinzipiell Argumente erbeten und keine vagen Andeutungen. Und bitteschön, diese Excellenz-Geschichte, ich kann darauf verzichten. Weil die meisten nicht unterscheiden können zwischen Geld und Qualität. Siehe Harvard: Besser? Bin gespannt wann man den Umstand, das Forschung und Geld nicht nowendiger Weise derart implizieren, dass diejenige mit mehr Kohle, sei es privat, oder durch Fördermittel, die zwingend qualitativ bessere Uni ist. Allein die Umstände, die oft von der Politik gefordert werden, dass mehr Umsatz in die Wirtschaft her muss. Theorie raus - Praxis rein. zum Glück hat meine Uni den Scheiß und hinter sich. Geplant waren von einigen Mathematik, Naturwissenschaften zu "Service-Dienstleistern" zu degradieren. Zum Glück haben sie sich gewehrt und stehen heute besser da als vorher. Ich möchte auch Raum für Gedanken und nicht die automatische Kopplung an irgendwelche gewinnorientierten Allmachtsphantasien.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

    11 Leserempfehlungen
    • mcking
    • 03. Februar 2013 19:47 Uhr

    die Hochschullandschaft wird sich in diese Richtung o.ä. entwickeln.
    Dies hätte auch Vorteile für Unternehmen. Diese können dann besser nach den geeigneten Kandidaten vorselektieren. Je nach Anspruch des Arbeitsplatzes. Personaler können heute nicht mehr einfach schauen, ok der ist Bachelor und der Master. Die Unterschiede der Studiengänge sind zu unterschiedlich. Ein Bachelor an einer FH entspricht zu 90% einem Diplom(FH), ein Master(FH) ist höher als der ex Dipl (FJ) einzuordnen. Ein Bachelor an einer Uni an mit dem früheren Diplom nichts gemeinsam usw. Auch die Reputation und die Ausrichtung einer Hochschule sind schon heute Unterschiedlich. Bei genauerer Aufteilung kann je Hochschulart für sich das beste herausholen. Die Frage ist nicht bin ich Eliteuni, sondern welchen Bereich möchte ich zu den Besten Konditionen Anbieten.

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  2. Das System klingt zwar gut, aber aus dem Munde von Prof. G.
    liest sich das alles eher nach der Methode, wie kriegen definierte Unis bzw. Profs mehr Geld.
    Sprich W5 und Zulagen.

    Außerdem sollte man sich klar darüber sein, das die "Community Collegues" zumn Teil ein schlechteres Niveau haben als eine deutschen Sek II..

    Das gilt auch für eine Unis in den USA.

    4 Leserempfehlungen
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    So siehts aus. Der gute Herr Günther sitzt dann mit ein paar handgewählten Studenten der allseits angesehenen "Wirtschaftswissenschaften" und hat neben seiner Beamtenbesoldung auch noch gute Nebeneinkünfte aus der Wirtschaft, da er seine Zeit nicht mehr mit Lehre verbringen muss, sondern seine "Forschung" am Markt ausrichtet.
    Schöne neue Welt, der sich dieser Mann da zusammen braut.

  3. Die Idee einer "Eliteuniversität" ist an sich völlig abweegig - es ist unmöglich in allen Fachbereichen gut zu sein und wenn man es dennoch schafft die Forscher mit Geld zu ködern, dann fehlt es an interessierten Pädagogen welche Lehren wollen.

    Gerade die Verteilung von Komptezen macht die deutsche Hochschullandschaft aus. Ferner führt dies auch dazu dass die Lebenerhaltungskosten in kleinen Städten nicht aufgrund der Studenten ins unermässliche steigen. (Versuchen sie mal in Oxfrod oder Cambridge zu leben...)
    Eine gleichmäßige Verteilung von Qualifikationen führt auch dazu dass sich Leute aus mit unterschiedlichsten Hintergründen begegenen - anstatt dass sich überwiegend zwei Klassen bilden - die Reichen und "der Rest".

    Zu guter letzt sollte man auch anmerken dass es sinnlos ist deutsche Universitäten mit englischen Universitäten zu vergleichen - denn entweder man schaut auf die Lehre und die ist in England nich toll (aber der Schwerpunkt in Deutschland), oder man schaut auf die Forschung und dann müsste man die Universitäten mit dem Fraunhofer oder Max-Planck Institut vergleichen wo es dann nur um Forschung geht.

    Das sich ein System entwickelt heißt noch lange nicht dass es sich gut entwickelt. Und wenn man England oder die USA als Ziel wählt... na dann gute Nacht...
    Und zu guter letzt, Bildung sollte frei von kommerziellen Interessen seinm, inklusive Forschung an der Universität.

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  4. Community Colleges sind nichts anderes als die Klassen 11/12 in Deutschland.
    Das ist als wenn man in Deutschland auf der Abendschule das Abi macht.

    11 Leserempfehlungen
  5. Die "Eliteunis" sind in der Forschung an der Spitze, über die Lehre sagt dies Nichts aus.
    Für Spitzenforschung gibt es aber schon Max-Planck-Institute, Leibnitz-Gesellschaft, Fraunhofer-Institute etc.
    Es wäre vielleicht sinnvoll darüber nachzudenken, ob die Max-Planck- und die Fraunhofer-Gesellschaft nicht eine eigene Graduiertenschule mit Promotionsrecht aufbauen dürfen,

    Die Universitäten und Fachhochschulen benötigen Unterstützung auf breiter Front - in der Lehre!
    Die ganzen befristeten Stellen, Drittmittelstellen und prekär bezahlten Leute, die die ehemaligen Akademischen Oberratsstellen ausfüllen (die schon viel zu wenige waren), das kann es einfach auf Dauer nicht sein.
    Den Kampf um diese Ressource durch Aufbau einer 4-Klassen-Hierachie zu führen finde ich zynisch.

    9 Leserempfehlungen
  6. Ich schätze mich glücklich noch an einer deutschen Alma Mater alten Stils das Vergnügen gehabt zu haben ein Studium absolvieren zu dürfen!

    Erst recht, wenn ich das (darf man das sagen?) immerhin zweifelhafte Vergnügen hatte, die Meinung eines dieser ungezählten Experten in Sachen Bildung gelesen zu haben.

    Ich gebe zu: die neue Modul und Cluster-Uni von heute ist mir ein Graus! (Credit Points im Germanistikstudium - da stellen sich mir die Nackenhaare!)

    Doch was mache ich mit meinen Kindern vielköpfiger Schar?

    Obwohl - wenn es hierzulande keine Uni mehr gibt, an der es sich zu studieren lohnte, dann brauchen sie da auch nicht hin - und ich erspare mir eine Menge Kohle!

    Danke, Frau Schavan und all ihr einfallsreichen Reformer. Denkt euch nur, ihr hättet meinem Geldbeutel keinen besseren Gefallen tun können!

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    Endlich! Die ganzen Halbgebildeteten gehen auf eine wirtschaftsnahe Fachhochschule und werden dort zu brauchbaren Industriesklaven weiter"gebildet" (wenn's geht mit Fördermitteln der Konzerne, die davon profitieren) - und an der Uni ist endlich wieder Zeit und Platz für die, die Bildung statt Ausbildung erlangen wollen. Schluß mit Bologna, "Softskill-Seminaren" und Tutorien für die sog. Bildungsaufsteiger, die mangels Lateinkenntnissen bei jedem zweiten Fremdwort scheitern, sich permanent überfordert fühlen und sich auf internationalem Parkett sowieso nicht bewegen können. Dafür wieder Studierende, die denken können und wollen und freiwillig bis zum nächsten Seminar auch einen anspruchsvollen Text lesen und durchdenken wollen. Ich bin dabei - wann fangen wir an ?

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