Lüneburger HeideNeuschwanstein, nur verrückter

Ein bisschen Barockschloss, ein bisschen Geisterbahn: In der Lüneburger Heide hat sich ein pensionierter Malermeister eine eigene Welt geschaffen. von Sandra Danicke

War es der Moment, als wir, umzingelt von kichernden Hexenpuppen, Kunstnebel aus einem Brunnen wabern sahen? Als wir unter einem spinnennetzförmigen Dach, aus dem Dutzende Gießkannen und Teppichklopfer herabhingen, auf Gemälde mit Szenen des antiken Pompei blickten? Oder als vor unseren Augen wie in einem Bühnenbild der Augsburger Puppenkiste ein Vulkan per Fernbedienung Feuer spuckte? Irgendwann jedenfalls war der Verdacht, dass es sich bei Iserhatsche um das Reich eines Wahnsinnigen handeln müsse, nicht mehr zu unterdrücken. Von einem Landschaftspark in der Lüneburger Heide hatten wir gehört, der eine sehenswerte Ansammlung skurriler Bauten biete. Mit dem, was uns tatsächlich erwartete, hatten wir nicht gerechnet.

»Neuschwanstein des Nordens« nennt der Hausherr seinen Besitz, aber der Vergleich trifft es nicht: Neben der bizarren Welt von Iserhatsche wirkt das Schloss Ludwigs II. wie die brave Idee eines Puristen. Uwe Schulz-Ebschbach empfängt seine Besucher an der »Jagd-Villa«, einem imposanten Holzhaus an der Einfahrt. Der selbst ernannte Freiherr von Iserhatsche ist ein kompakter Mann mit weißem Haar. Er trägt eine Lodentracht mit roten Säumen, die Knöpfe zieren Ebereschenblätter, auf dem Schal ist ein selbst erfundenes Wappen abgebildet. Auf seiner Visitenkarte steht als Berufsbezeichnung »Visionär«. In seinem früheren Leben war Schulz-Ebschbach Malermeister in Berlin.

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Es ist nicht leicht, dem Redefluss des Visionärs zu folgen, ohne dabei verloren zu gehen. Während er von seinem Landschaftspark erzählt, streift er auch die Finanzkrise, die Misere in Griechenland, das Versagen des ehemaligen Bundespräsidenten, um schließlich wieder zu Iserhatsche zurückzukehren. Gut 25 Jahre ist es her, dass Schulz-Ebschbach das 23 Hektar große Anwesen nahe Bispingen der Familie Reemtsma abkaufte. Seitdem ist kein Strauch und kein Stein vor ihm sicher. Rastlos unterwarf er das Gelände seiner Vorstellungskraft, baute einen künstlichen Berg, eine Grotte, eine Arche – bis das Ergebnis einer Mischung aus Barockschloss, Märchenpark und Geisterbahn glich. Nur die Jagd-Villa mit ihren 30 Zimmern war schon vorher hier. Ein roter Teppich führt ins Entrée, wo an der Seite dreier vergoldeter Erdmännchen seine Angestellte Frau Olpe für eine Führung bereitsteht. Schulz-Ebschbach möchte die Gemächer nicht selbst zeigen. »Verehrteste, dann stünden wir heute Nacht noch hier«, sagt er. Wenn der Freiherr über sich und sein Werk spricht, findet er nur schwer ein Ende.

Wir schließen uns einer Gruppe von Besuchern an, Lehrerinnen einer Schwimmschule aus Seevetal. 5000 Interessierte kämen jeden Monat, hatte der Hausherr zuvor gesagt. Im Wohnzimmer hört man als Erstes wieder die Stimme Schulz-Ebschbachs – vom Band. Er schildert die Geschichte des Hauses: erbaut 1913 im schwedischen Holzbaustil für den Königlich-Preußischen Kommerzienrat Ernst Nölle, dessen Kosename als Kind »Iserhatsche« war, Eisenherz auf Schwedisch. Im Zweiten Weltkrieg diente das Haus als Lazarett, dann als Krankenhaus, bis 1989 als Schullandheim für Berliner Kinder. Dieser Teil der Führung lässt sich noch harmlos an. Wir streifen durch historisch eingerichtete Räume, in denen nur Kleinigkeiten wie ein Körbchen mit Fernbedienungen verraten, dass es sich nicht um ein Museum, sondern die privaten Wohnräume Schulz-Ebschbachs handelt. Wir passieren den Kaminraum mit Landschaftsporträts, ein »Biedermeier-Jagdzimmer« und die prachtvolle Nachbildung eines Esszimmers auf Schloss Sanssouci mit vergoldetem Gipsstuck und Muranoglas-Leuchtern. Die Exzentrik des Besitzers zeigt sich in den Details. Eine unter der Tischplatte des Esszimmers ausfahrbare Keyboard-Tastatur. Schulz-Ebschbach als lebensgroße Puppe im Gardekostüm. Sein Wappen und stilisierte Ebereschenblätter, die auf seinen Namen verweisen, als Verzierung auf fast jeder freien Fläche im Haus. In der Bibliothek wird einem klar, dass hier nicht einfach ein Schöngeist mit Horror Vacui zu Hause ist, sondern ein Mann, der seine Welt unter Kontrolle haben will – über den Tod hinaus. Dort steht ein Sitzsarg mit Glasfenster, auch ein Totenhemd samt Handytasche liegt bereit. In diesem Sarg will Schulz-Ebschbach bestattet werden, mit Handy, falls der Tod ein Irrtum war.

Als wir ins Freie treten, sehen wir in der Ferne das beruhigende Grün dichter Wälder mit künstlich angelegten Seen davor – alles Teil der Anlage. Aber die Tour geht in eine andere Richtung. Frau Olpe lotst die Gruppe durch einen labyrinthischen Sprüche-Parcours, den »größten und sehenswertesten philosophischen barocken Eisenpark Europas«, wie sie sagt. Mehr als 500 in Balken gravierte Kalenderweisheiten von Konrad Adenauer, Immanuel Kant oder auch dem Schlagersänger Bruce Low sollen den Spaziergänger zu Tugend und Fleiß anhalten – hinterher fühlt man sich wie nach einer Gehirnwäsche. Zwischen Buchsbaumzinnen und Gipsputten steuern wir auf einen eisernen Glockenbaum zu. Für jedes Lebensjahr Schulz-Ebschbachs ist eine Glocke angebracht. Zur vollen Stunde lässt eine Mechanik den Baum Volkslieder spielen, mal Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus, mal Es klappert die Mühle am rauschenden Bach.

In einem Moment der Schwäche wünschen wir uns in eine Wüstenlandschaft, um den Augen Erholung zu gönnen. Dann fällt der Blick auf ein Zitat von Kirk Douglas: »Gib niemals auf«. In Ordnung. Denn jetzt stehen wir vor der Hauptattraktion, dem Heide-Kastell Montagnetto. »Oh«, entfährt es einer Besucherin, und es ist nicht sicher, ob das Bewunderung oder Erschrecken ausdrückt.

Der künstliche Felshügel vor uns sieht aus, als habe ihn sich Antonio Gaudí gemeinsam mit Ludwig II. und einem Faschingswagenkonstrukteur beim gemeinsamen Kiffen ausgedacht: ein Ensemble aus Zinnen, Erkern und einem Wasserfall aus vergoldeten Wackersteinen. Frau Olpe zückt die Fernbedienung, und ein großer, lavarot bemalter Vulkan spuckt Feuer.

Im Inneren des Berges gehen wir vorbei an gläsernen Riesenameisen und einem Kronleuchter voll Figuren nackter Turnerinnen in die »Brotbackofengrotte«, wo Hexenpuppen auf das Klatschen von Frau Olpe mit Kichern antworten. Wir stoßen tiefer in den verwinkelten Baukomplex vor, durchqueren einen Trausaal, dessen Deckenmalereien die acht Weltwunder zeigen (Nummer acht: Iserhatsche), weiter in eine große Festhalle mit blau marmorierten Säulen und mittelalterlichen Schnitzstühlen. Es ist, als sei in diesem Heidekastell die gesamte Kulturgeschichte der westlichen Welt als Zerrbild dargestellt. Im »Berg der Sammelleidenschaften« starren wir fassungslos auf ein Ensemble aus 17000 vollen Bierflaschen, daneben Osterkerzen, Toiletten-Pümpel, Eierbecher – eine unüberschaubare Auswahl von Kuriositäten, die Schulz-Ebschbach von Sammlern überlassen wurden. Man hat das Gefühl, Zeuge einer Leistungsschau zu sein, die den Betrachter bewusst überfordern will. Wo soll man anfangen? Vielleicht mit der Armee aus Froschfiguren, die sich gleich nebenan im Mausoleum breitgemacht hat? Dort übrigens will Schulz-Ebschbach dereinst im Sitzsarg thronen.

Information

Iserhatsche; Nöllestraße 40, 29646 Bispingen,  Tel. 05194/1206

Eintritt: Erwachsene 12 Euro,  Kinder 8 Euro

An diesem Nachmittag sitzt er noch sehr lebendig in der Cafeteria und serviert Butterkuchen. Wie kann ein pensionierter Malermeister sich eigentlich einen solchen Besitz leisten? Alles selbst erwirtschaftet, sagt Schulz-Ebschbach. »Seit meinem 16. Lebensjahr arbeite ich täglich 20 Stunden. Da kommt was zusammen.« Ursprünglich habe er das Schullandheim in der Jagd-Villa weiterführen wollen, als er das Anwesen kaufte. »Der Laden lief nicht, und ich begann mich zu langweilen.« Seitdem baut und werkelt Schulz-Ebschbach vor sich hin. Demnächst plant er, Schloss Lichtenstein aus einer Million Weinflaschen nachzubauen.

Leistung ist das Lebensthema des Freiherrn. »Jeder kann alles schaffen, wenn er nur will und richtig anpackt«, sagt er. Als Besucher fragt man sich, wie dieser strenge Leistungsgedanke mit den zweckfreien Luftschlössern von Iserhatsche zusammen passt, den Bierflaschen, Vulkanen und kichernden Hexen. Schulz-Ebschbach erzählt weiter von seinem Leben und Werk. Als er erwähnt, dass man sogar eine Straße nach ihm benannt habe, werden wir stutzig. Darauf scheint er nur gewartet zu haben. Er führt uns nach draußen und zeigt auf ein Schild an der Straße. »Schulz-Ebschbach-Allee« ist da zu lesen. In seinem Antrag an den Gemeinderat hatte er damals angegeben, ein gewisses »Potenzial an Geltungsbedürfnis« zu besitzen. »Wo ich bin, ist immer vorn«, sagt der Herrscher von Iserhatsche. In der Ferne spielt der Glockenbaum Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus.

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Leserkommentare
  1. Ist sicher alles Geschmackssache, aber in England wäre man mit Sicherheit stolz auf solche Exzentriker. Aber Deutschland hat da ja leider Probleme bzw. sogar eine eher unheilvolle Tradition von "Normierung" und damit verbundener "Ausgrenzung" von "Anderssein" und all jener, die nicht dem Mainstream folgen, sondern in ihrer Geltungssucht ganz persönliche Wege suchen.

    Mich hat das jedenfalls neugierig gemacht.

    8 Leserempfehlungen
    • cmim
    • 04. Februar 2013 19:26 Uhr

    pardon, aber gerade großbritannien ist dafür bekannt, dass, sei man noch so exentrisch doch sehr viel wert auf stil und originalität legt (auch im sinne von origin). man denke nur an
    die society of dilettanti, deren exentrische auffassung europa ein menge wissenschaftlich fundiertes wissen verdankt. in england käme man mit der, verzeihung, deutschen auffassung von dilettantismus nicht sehr weit.
    zudem ist immer noch zu fragen, ob der gute mensch von eisenherz nicht eher die persiflage einer gesellschafttsschicht provoziert, die m.e. bereits die grenze zur verunglimpfung überschreitet.

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    • Rexdorf
    • 05. Februar 2013 3:44 Uhr
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