Unter dem Druck, das Ausbauziel doch noch erreichen zu wollen und damit einer Klagewelle von wütenden Eltern zu entkommen, hat sich die Stadt erfinderisch gezeigt und die besten Seiten von Kita und Tagespflege miteinander verbunden. In einer LENA-Gruppe kümmern sich je zwei Tagesmütter um bis zu neun Kinder. Beide haben eine Pflegeerlaubnis, und mindestens eine hat eine pädagogische Zusatzausbildung, etwa als Erzieherin oder Heilpädagogin. Die Stadt kümmert sich um geeignete Wohnungen, möglichst mit Garten, und setzt die Öffnungszeiten fest. Weil alle LENA-Gruppen in der Nähe eines Kindergartens liegen, können die Kinder den dortigen Spielplatz nutzen. Gleichzeitig sind die Tagesmütter in das pädagogische Konzept des Kindergartens eingebunden. Wenn eine von ihnen krank wird, sorgt der Kindergarten für eine Vertretung. Bis August soll es 30 solcher Gruppen in Mönchengladbach geben. Für die Stadt geht das Konzept vor allem auch deshalb auf, weil sie Kosten spart und 270 zusätzliche Betreuungsplätze schafft, ohne ein einziges Gebäude bauen zu müssen. Der Deutsche Städtetag rechnet für jeden Platz in einem Kindergarten allein mit 30.000 Euro Bau- und 15.000 Euro laufenden Kosten.

Tatsächlich entsprechen Modelle wie LENA dem, was Fachleute schon lange in der Tagespflege fordern: eine bessere Qualifizierung, mehr Professionalisierung, Vernetzung und vor allem eine höhere Qualität. Der Grund, warum es nicht schon längst viel mehr solcher Einrichtungen gibt, ist nicht eindeutig zu benennen. Eltern ziehen oft die institutionalisierte Betreuung ihrer Kinder in Krippen oder Kitas den Tagesmüttern und -vätern vor. Die Tagespflege gilt als weniger verlässlich, aber auch als weniger transparent. Die in den vergangenen Jahren eingeführten Standards für die Bildung und Betreuung von 0- bis 6-Jährigen sind zwar in den Krippen und Kitas angekommen, ob sich aber eine Tagesmutter diesen Standards verpflichtet fühlt, können Eltern dagegen nur hoffen.

Vorbehalte gibt es aber auch auf der Seite der Tagesmütter selbst. »Ich sehe diese Modelle sehr kritisch«, sagt die Vorsitzende des Landesverbandes NRW, Inge Losch-Engler. Ihre Befürchtungen: Wenn nur noch die institutionalisierte Tagespflege gefördert wird, könnte das das Aus für die informelle Tagespflege bedeuten. Konkurrenzkämpfe unter verschiedenen Betreuungsformen aber nützen jetzt weder den Kommunen noch den Eltern. Viel mehr sollte es endlich darum gehen, die Rahmenbedingungen, unter denen Tagesmütter und -väter arbeiten, generell zu verbessern. Denn Eltern werden nicht nur das Recht auf einen Betreuungsplatz einfordern, sondern auch auf Qualität pochen.

Zwar bekommen die meisten Tagesmütter und -väter eine Grundqualifizierung von mindestens 160 Stunden. Sie lernen dabei, wie man mit Eltern kommuniziert, die Ruhe bewahrt und sich richtig versichert. 79 Stunden der Ausbildung drehen sich außerdem um die Fragen, wie man mit Kleinstkindern spricht, ihre motorische Entwicklung fördert oder was es heißt, einen individuellen Bildungsplan für ein Kind aufzustellen. Für die anspruchsvolle Aufgabe der frühkindlichen Förderung sei das aber eigentlich zu wenig, sagt Wolfgang Tietze. Er ist Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin und forscht seit vielen Jahren zur Qualität der frühkindlichen Betreuung. »Das kann nur ein Einstieg sein.« Er hat die »Nationale Untersuchung der Bildung, Betreuung und Erziehung junger Kinder«, kurz Nubbek, koordiniert. Die Tagesmütter schnitten hier bei der Qualität der pädagogischen Prozesse nicht schlechter ab als Krippen und Kitas. Im Gegenteil: Bei den Tagesmüttern war der Anteil der Einrichtungen, deren Qualität unzureichend bewertet wurde, sogar niedriger. Die Autoren der Studie glauben allerdings, dass das ein Ergebnis der Auswahl war – geprüft wurden nur solche Einrichtungen, die freiwillig an der Studie teilnahmen. Eine richtig gute Nachricht sei das also noch nicht, sagt Tietze. »Wir haben in Deutschland in allen Betreuungsformen die ganze Bandbreite von unzureichend bis gut.« Extreme Unterschiede, die es eigentlich nicht geben dürfte. »Es ist ein niederschmetterndes Ergebnis.« Die Jagd nach den Plätzen wird das zunächst nicht besser machen. »Quantität ist der Feind der Qualität – das sehen wir in der Kinderbetreuung in Deutschland leider seit Jahrzehnten.«

Ob sich aufgrund der groß angelegten Werbekampagne des Bundesfamilienministeriums mehr Tagesmütter und -väter melden, die die Bedürfnisse kleiner Kinder kennen und sie »verstehen«, wird sich spätestens im August zeigen, wenn die große Betreuungsquotenabrechnung aufgemacht wird. Renate Thomas jedenfalls hat von der Kampagne noch nichts gehört. Im Spielzimmer der Wiesenzwerge kommt die kleine Frieda auf sie zu. »Nunu?«, fragt sie. Renate Thomas versteht sofort und reicht ihr den Schnuller.

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