TagesmütterDie stille Reserve

Für die Arbeit von Tagesmüttern hat sich bisher kaum jemand interessiert. Jetzt merken die Kommunen, dass es ohne sie nicht geht. von Julia Rudorf

Das kleine Mädchen hat dunkle Kulleraugen, braunes Haar und Spaghettireste im Mundwinkel. »Nane da?« steht neben dem Kind auf einem riesigen Plakat. Und etwas kleiner darunter: »Sie verstehen Kinder? Werden Sie Tagesmutter«. In ganz Deutschland ist die Kampagne des Bundesfamilienministeriums zurzeit zu sehen. Was so niedlich daherkommt, ist ein verzweifelter Hilferuf, der letzte Versuch, bisher ungenutzte Kräfte zu mobilisieren. Kräfte, die sich zutrauen, Verantwortung für die Betreuung von Kindern anderer Menschen zu übernehmen.

Überall in Deutschland suchen Eltern nach verlässlichen Betreuungsplätzen. Großspurig hatte ihnen die Bundesregierung im Jahr 2007 angekündigt, dass Bund, Länder und Kommunen in einer gemeinsamen Kraftanstrengung 750.000 zusätzliche Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren schaffen würden. Bis zum 1. August 2013 soll das Ausbauziel erreicht sein. Von diesem Tag an gilt auch der Rechtsanspruch: Eltern von Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr können dann die Betreuung ihrer Kinder einklagen.

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Noch sieben Monate bleiben, um die fehlenden Plätze zu schaffen. Längst weiß man, dass vor allem in den Städten der Bedarf weit über den von der Bundesregierung angepeilten 35 Prozent liegt. Inzwischen geht man deshalb von 780.000 Plätzen aus, aber auch die werden nicht ausreichen. Im November 2012 fehlten nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes noch immer 220.000 Plätze – mehr als in den letzten vier Jahren insgesamt geschaffen wurden. Die Lücke zu schließen ist eine schier aussichtslose Mission. Für den Bau neuer Kinderkrippen wird langsam die Zeit knapp, vor allem in den Städten gibt es kaum noch freie Grundstücke – und Geld fehlt ohnehin.

Im Kampf um jeden einzelnen Platz entdecken Kommunalpolitiker nun ihre stille Reserve – Tagesmütter. Frauen wie Renate Thomas, die gerade keine Zeit für Politik und Statistik hat, weil Tobias, eineinhalb, immer wieder vergeblich versucht, sich einen roten Plastikbratenwender hinter das Ohr zu klemmen, sein Zwillingsbruder kopfüber die kleine Rutsche runter will, weil Frieda quengelt, Hannah die Nase läuft und Luca sich aus einer Schüssel einen Helm gemacht hat. Und irgendeins der Kinder in die Hose. Renate Thomas kümmert sich, um alles und alle. Sie holt Taschentücher, hilft auf die Rutsche, nimmt in die Arme, lobt, ermuntert, liest vor, wendet Bobby-Cars. »Das wollte ich immer machen«, sagt sie. Und man glaubt es ihr sofort. Seit letztem Jahr arbeitet die 57-Jährige als Tagesmutter bei den »Wiesenzwergen«, einer von 17 neuen städtischen Großtagespflegestellen in Mönchengladbach. Gemeinsam mit einer Kollegin betreut sie sieben Kinder in einer großzügigen Altbauwohnung, die die Stadt bezahlt. Ebenso wie das tarifliche Gehalt von Renate Thomas – rund 2.400 Euro brutto. »Das sind keine exorbitanten Beträge«, sagt Mönchengladbachs Sozialdezernt Michael Schmitz. »Aber immerhin.«

Lediglich 18 Prozent aller unter Dreijährigen haben in Nordrhein-Westfalen einen Betreuungsplatz. Das Land ist Schlusslicht im bundesweiten Quotenranking. Ein Drittel aller Kinder bringt Nordrhein-Westfalen jetzt bei Tagesmüttern wie Renate Thomas unter. Und versucht verzweifelt, den Beruf attraktiver zu machen. Denn wer zwischen 2,11 und 4,07 Euro pro Kind und Stunde verdient und für die Betreuung der Kinder nicht selten die eigene Wohnung zur Verfügung stellt, findet sich schnell in einem prekären Arbeitsverhältnis wieder.

Ausgerechnet das hoch verschuldete Mönchengladbach geht jetzt einen Weg, der anderen Kommunen Vorbild sein könnte. Mit LENA, was für »Lernen und Erziehen nutzt allen« steht, hat die Stadt eine neue Form der Großtagespflege entwickelt, die sowohl Tagesmüttern als auch Eltern ein gutes Angebot macht.

Leserkommentare
  1. Ich wusste jetzt nicht, ob sie das ernst meinten oder nicht. Ganz ehrlich, mir blieb kurz die Spucke weg. oO

    Da bekomm ich also ein Kind. Und dafür, dass ich versuche dem Kind eine sichere Basis zu schaffen, darf ich mir solche blöden Sprüche anhören? oO
    Meine Freundin studiert, ist damit beschäftigt. Ich mach eine neue Ausbildung im öffentlichen Dienst um mir und meiner Familie eine solide Basis bieten zu können. Wir MÜSSEN das Kind zur Tagesmutti wegbringen. Da ist nix mit "Wir bleiben arbeits- und mittellos zu Hause und füttern das Kind selbst."

    Also ich kann mir nur denken, dass sie selbst kein Kind haben.
    Vielleicht wüssten sie dann, dass ich nicht nur arbeiten gehe, um die Tagesmutter zu bezahlen. Die kostet nämlich nicht unbedingt mein gesamtes Gehalt. Ein wenig "Wohlstand" wird man sich ja wohl noch erarbeiten dürfen, oder etwa nicht? Denn bei ihnen liest sich das so, dass Eltern doch lieber zu Hause bleiben sollten um ihre Kinder selbst zu pflegen und ihre Bedürfnisse zurückschrauben sollen.

    Und zwischen sich um die Kinder selbst kümmern WOLLEN und KÖNNEN steckt auch noch mal eine große Spanne.

    Und nein, in Deutschland kann man fast nicht mehr von nur einem Einkommen die Familie durchbringen. Jedenfalls nicht, wenn man nicht gerade Führungspositionen besetzt. Und auch nicht, wenn man nicht auf Sozialleistungen angewiesen sein will.

    Aber das werden sie erst verstehen, wenn sie eigene Kinder haben.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ausbildung"
  2. Und derjenige, der zuhause bleibt hat damit im Prinzip seine berufliche Karriere an den Nagel gehängt und ist für immer und ewig vom weiter arbeitenden Partner finanziell abhängig. Das nenne ich ja mal Gleichberechtigung und gesunde Basis für eine harmonische Beziehung. Sie sind wohl ein Zeitreisender, und schreiben uns aus dem Mittelalter?!

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ausbildung"
  3. man in Deutschland zwei Gehälter um ein Kleinfamilie mit bescheidenen Ansprüchen durchzubringen. Es mag Gegenden geben, in denen das Nicht der Fall ist. Aber von der Arbeit einer Person können in dieser Gegend fast nur noch Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes (auch nicht alle) eine Familie durchbringen.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ausbildung"
  4. Mütter, die ohne pädagogische Ausbildung ihre eigenen Kinder zuhause aufziehen sind damit grundsätzlich überfordert.

    Frauen, die fremde Kinder ohne pädagogische Ausbildung zuhause betreuen, sind eine "stille Reserve".

    Merke:

    Es geht nicht um die Mütter und es geht vor allem nicht um die Kinder. Es geht nur darum, möglichst viele Steuereinnahmen zu generieren, indem die Mütter arbeiten und Steuern zahlen und die Tagesmütter arbeiten und Steuern zahlen.

    Das kommt davon, wenn man alle Lebensbereiche der Verwertungslogik des eindimensionalen BWL-Denkens unterordnet.

    Um uns Bürger geht es schon lange nicht mehr in diesem Land.

    4 Leserempfehlungen
    • tokas
    • 03. Februar 2013 13:13 Uhr

    "Für die anspruchsvolle Aufgabe der frühkindlichen Förderung sei das aber eigentlich zu wenig, sagt Wolfgang Tietze."

    Interessant. Und was ist mit den Eltern, denen
    diese anspruchsvolle Aufgabe von Natur aus zufällt?

    Die Tagesmütter, meist selbst Mütter und inzwischen
    oft schon Omas, tun das, was sie früher lange
    erfolgreich getan haben, Kinder erziehen
    (früher die eigenen). Bei größeren Gruppen
    ist sicher eine Ausbildung nützlich, aber
    grundsätzlich können die das, so meine Erfahrung.

    Wobei ich immer noch nicht verstehe, warum man
    Kinder in die Welt setzt, um dann arbeiten zu gehen,
    Geld zu verdienen, das man anderen gibt, die sich
    währenddessen um die eigenen Kinder kümmern.
    Wenn man sich nicht um die eigenen Kinder kümmern
    will, dann kann man es ja gleich bleibenlassen
    sie in die Welt zu setzen. Nur so meine Meinung.

    Und es kann mir keiner erzählen, daß man zwei Gehälter
    braucht, um eine normale Kleinfamilie mit
    bescheidenen Ansprüchen durchzubringen.

    3 Leserempfehlungen
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    man in Deutschland zwei Gehälter um ein Kleinfamilie mit bescheidenen Ansprüchen durchzubringen. Es mag Gegenden geben, in denen das Nicht der Fall ist. Aber von der Arbeit einer Person können in dieser Gegend fast nur noch Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes (auch nicht alle) eine Familie durchbringen.

    Ich wusste jetzt nicht, ob sie das ernst meinten oder nicht. Ganz ehrlich, mir blieb kurz die Spucke weg. oO

    Da bekomm ich also ein Kind. Und dafür, dass ich versuche dem Kind eine sichere Basis zu schaffen, darf ich mir solche blöden Sprüche anhören? oO
    Meine Freundin studiert, ist damit beschäftigt. Ich mach eine neue Ausbildung im öffentlichen Dienst um mir und meiner Familie eine solide Basis bieten zu können. Wir MÜSSEN das Kind zur Tagesmutti wegbringen. Da ist nix mit "Wir bleiben arbeits- und mittellos zu Hause und füttern das Kind selbst."

    Also ich kann mir nur denken, dass sie selbst kein Kind haben.
    Vielleicht wüssten sie dann, dass ich nicht nur arbeiten gehe, um die Tagesmutter zu bezahlen. Die kostet nämlich nicht unbedingt mein gesamtes Gehalt. Ein wenig "Wohlstand" wird man sich ja wohl noch erarbeiten dürfen, oder etwa nicht? Denn bei ihnen liest sich das so, dass Eltern doch lieber zu Hause bleiben sollten um ihre Kinder selbst zu pflegen und ihre Bedürfnisse zurückschrauben sollen.

    Und zwischen sich um die Kinder selbst kümmern WOLLEN und KÖNNEN steckt auch noch mal eine große Spanne.

    Und nein, in Deutschland kann man fast nicht mehr von nur einem Einkommen die Familie durchbringen. Jedenfalls nicht, wenn man nicht gerade Führungspositionen besetzt. Und auch nicht, wenn man nicht auf Sozialleistungen angewiesen sein will.

    Aber das werden sie erst verstehen, wenn sie eigene Kinder haben.

    Und derjenige, der zuhause bleibt hat damit im Prinzip seine berufliche Karriere an den Nagel gehängt und ist für immer und ewig vom weiter arbeitenden Partner finanziell abhängig. Das nenne ich ja mal Gleichberechtigung und gesunde Basis für eine harmonische Beziehung. Sie sind wohl ein Zeitreisender, und schreiben uns aus dem Mittelalter?!

    • Derdriu
    • 03. Februar 2013 22:01 Uhr

    Ih finde es ehrlich gesagt eine Frechheit, wie Sie arbeitende Eltern aburteilen. Es ging schon immer und überall, dass Eltern gearbeitet haben. Und Kinder wurden auch schon immer von der Gesellschaft miterzogen statt nur von den Eltern.

    Wenn beide Eltern arbeiten heißt das nicht, dass sie sich nicht um ihre Kinder kümmern wollen. Aber wer sagt denn, dass das nicht 8h am Tag jemand anderes tun kann? Ich möchte da einmal eine Bekannte zitieren:
    "Wenn ich mich dazu entschieden hätte, zu Hause zu bleiben, dann hätte ich meinen ganzen persönlichen Ehrgeiz am Kind ausgelassen!"
    Einige fühlen sich eben zum Erziehen berufen (Erzieher zum Beispiel) und andere sehen es als persönliche Bereicherung, nicht als Lebensinhalt.

    • Marobod
    • 03. Februar 2013 13:37 Uhr

    Kinderbetreuung laeßt sich einfach steigern, wie in der Schule , waere ein besseres Ergebnis zu erzielen, wenn die Gruppen kleiner sind. Dadurch ist es leichter, jedem Kind gerechter zu werden und sich auf die individuellen Beduernisse einzulassen.
    Hab von Krippen gehoert, wo 2 Erzieher mit 20-25 Kindern zu tun haben, wechsel da mal eben schnell die Windeln, das artet in Akkord aus .

    Kinder sind die Zukunft des Staates, ebenso Bildung fuer diese, das unsere sozialen Netze sichd a nicht schon laengst weiter ausgeweitet haben und die finanziellen Unterstuetzungen des Staates immer weiter zurechtgekuerzt werden verstehe ich da nicht..

    3 Leserempfehlungen
    • ZPH
    • 03. Februar 2013 15:24 Uhr

    Basis ist das Vertrauen darin, dass Leute die ihrer eigenen Kinder gut erziehen können das auch mit anderen Kindern können und die Empfehlung der Tageseltern über Freunde. In Deutschland natürlich schwierig umzusetzen so eine pragmatische Lösung und das es woanders nachweislich gut funktioniert ist hier natürlich noch lange kein Argument.

    Eine Leserempfehlung
  5. Wir hatten unseren Sohn vor 12 Jahren 2 Tage pro Woche bei einer Tagesmutter (bzw. einem Tagesvater). Die restlichen Tage konnten wir wegen Teilzeitarbeit ganz gut selbst bewältigen.

    Durch diese Konstruktion hatte unser Sohn nur drei Bezugspersonen, was in den ersten Jahren nicht so verwirrend ist. Und das fehlen eines Extra-"Spiezimmers" war nicht wirklich ein Problem, denn klar wurde auch im Wohnzimmer und im Garten gespielt. Das "normale" Umfeld ist sowieso viel spannender als eine doch eher künstliche "kindgerechte" Umgebung.

    Wichtig ist natürlich auch die Auswahl der Tagesmutter, ich denke, da ist man auf sein Gespür angewiesen...

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