Kinderbuch-Debatte : Stellt euch nicht so an
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Wir leben in heterogenen Gesellschaften

Dahinter verbirgt sich etwas anderes: Sie sind irritiert, dass nun andere mit am Tisch sitzen, wenn es um wichtige gesellschaftliche Fragen geht. Rassismus zum Beispiel. Wir leben in heterogenen Gesellschaften, das kann man finden, wie man will, sie werden nie wieder homogen. Das Wir ändert sich, mittlerweile beträgt der Anteil der Menschen anderer Herkunft in Deutschland 20 Prozent. Die neuen Deutschen haben einen anderen Zugang zu Themen, eine andere Geschichte und andere Erfahrungen. Und je mehr von ihnen in öffentliche Positionen kommen, desto mehr werden sich auch Debatten ändern. Ändern müssen. Die Kinderbücher, die Eltern Anna-Lena und Philipp abends vorlesen, hören jetzt auch Can und Mampezi; diese Literatur gehört nicht mehr den Alteingesessenen allein, sondern auch den neu Dazugekommenen. Und die sind, das ist ein wesentlicher Unterschied zu der Zeit Astrid Lindgrens oder Otfried Preußlers, heute sprechfähig. Präsent. Deutsche.

Übrigens kann man laut und klar sagen: "Das ist rassistisch", und trotzdem dagegen sein, rassistische Begriffe aus Kunst und Literatur zu entfernen. Man sollte Originale lassen, wie sie sind – aber aus den richtigen Gründen. Ressentiments und Narben werden nicht gelöscht, nur weil Wörter getilgt werden. Die sollten unbedingt erhalten bleiben, weil sie uns wachsam sein lassen und die Geschichte, ob es um die Kolonial- oder Einwanderungsgeschichte geht, lebendig halten. Minderheiten in vielen Gesellschaften haben sich die abwertenden Bezeichnungen auch zurückgeholt, um zu verstören, klar, aber in erster Linie, um Rassismus sichtbar zu machen. Der amerikanische politische Rap der achtziger und neunziger Jahre lebte davon.

Es gibt bessere Methoden, als Wörter zu löschen, auch Minderheiten können sich ihrer bedienen. Sich ungefragt in die Debatten zu drängen, beispielsweise. Und neue Bücher zu schreiben, für eine neue Zeit.

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Kommentare

271 Kommentare Seite 1 von 29
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Würde ich auch so sehen,

von daher ist die Frage, ob die Entscheidung der Eltern, Pippi oder Hexe in einem bestimmten Alter vorzulesen, statt die Kinder in ein gewisses Alter mit eigener Lesekompetenz kommen zu lassen, vielleicht zu berücksichtigen.
Denn zu Zeiten Lindgrens, so stelle ich mir vor, gab es weniger vorlesende Eltern. Die Kinder waren auf eigenes Lesen angewiesen und lernten vielleicht in dieser Zeit eh später lesen usw.
Gibt es ein statistisch verifizierbares Durchschnittsalter, in welchem Pippi ultimativ gelesen werden muss. Später geht dann nicht mehr?

@Ninawu

Sie konnten meinen Text ja nun leider nicht bis zum Ende lesen, da er vorher gekürzt wurde. Die Sache ist die: Natürlich ist der Begriff >Neger< eine rassistische Beleidigung. Dabei spielt die Nationalität des Betroffenen überhaupt keine Rolle, rassistisch ist rassistisch, so weit so gut. Bis hierhin stimmen wir überein.

Problematisch wird es aber dann, wenn man damit Politik betreibt; und zwar eine Politik, die es mit der Vergangenheit zu tun hat.

Eine Politik der Zensur als Kontrapunkt gegenüber der jetzigen Entwicklung bedeutet einen markanten Eingriff in die Historiozität und Authentizität dieser Texte. Indem diesen ihr rassistisches Potential genommen wird, wird keine Gefahr abgeschafft, sondern die Gefahr selbst wird wegzensiert, obwohl sie zukünftige Generationen doch mahnend an die Wunde des kolonialen und nationalsozialistischen Rassismus des weißen Mannes erinnern soll.

Ein politisch verordnete Amnesie stärkt also nicht die antirassistische Position, sondern sie schwächt sie.

Zudem wohnt der Debatte von Seiten der Befürworter einer editorischen Überarbeitung ein gewisser Hang zum Totalitären inne, welche die andere Meinung nicht gelten lässt und eine Totalrevision von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anstrebt. DAS sollte uns vielmehr zu denken geben!

Wer vergibt das Gütesiegel?

Wie bei allen Gütesiegeln kann das natürlich jeder tun, der sich dazu berufen fühlt, etwa Verlage, denen es die Sache wert ist. Das Vergabekomittee kann aus Pädagogen, politischen Journalistinnen wie Özlem Topcu und Ex-Familienministerinnen wie Kristina Schröder zusammengestellt werden, die für die Tätigkeit natürlich angemessen honoriert werden müssen.

Es kann auch ein konkurrierendes Gütesiegel für Originaltreue geben.

Die Entscheidung treffen allerdings weiterhin die Eltern und Verwandten, die die Kinderbücher kaufen und verschenken. Das lässt sich in einer freiheitlichen Gesellschaft, die wir ja wohl alle wollen, nicht vermeiden.

Das kostet zwar Einiges, aber Zeit-Online kann sich dann wieder anderen wichtigen Themen zuwenden. Die Sache ist bewusst geworden, der pädagogisch-kulturelle Missstand ist behoben.

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