Kinderbuch-DebatteStellt euch nicht so an

Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen. von 

In dem neuen Film von Quentin Tarantino gibt es eine Szene, die sehr an die derzeitige deutsche Kinderbuch-Debatte erinnert: Der Held des Films, ein von einem (warum auch immer deutschen) Kopfgeldjäger befreiter Sklave namens Django, reitet mit ihm durch eine Stadt im Mittleren Westen. Alle Bewohner stürmen auf die Straße und starren Django an. Der Deutsche fragt, warum sie ihn so anstarrten. Django antwortet: »Die haben noch nie einen Nigger auf ’nem Pferd gesehen.« So was kannten sie halt nicht – Schwarze, das waren damals Sklaven, sie ritten nicht wie Weiße.

Im Moment starren auch hierzulande sehr viele weiße Menschen. Sie verstehen nicht, warum Deutsche, deren Eltern nicht weiß sind, es als kränkend empfinden, wenn sich in alten Kinderbüchern Wörter wie Neger, Mohr oder Zigeuner finden. Die Debatte verläuft emotionsfaul, Verletzungen anderer werden ignoriert. Und Rücksicht zu nehmen wäre politisch korrekt, und das ist langweilig. Lieber flüchtet man sich in altkluge Argumente: Es kommt ja wohl auf den Zusammenhang an, in dem die Wörter verwendet werden! Das ist Zensur! Denkpolizei! Damals war es ganz normal, Neger zu sagen! Schokoküsse zu sagen ist ja wohl echt übertrieben!

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Fehlt nur noch, dass jemand fragt, was denn das Wort Neger mit Rassismus zu tun hat. Denn wenn jemand wie Astrid Lindgren das Wort Neger verwendet hat, dann nur unschuldig, in einer Fantasiewelt.

Als Pippi Langstrumpf erschaffen wurde, gab es keine schwarzen Schweden

Das ist sicher richtig, und die Anarchistin Pippi hat viele von uns glücklicherweise inspiriert. Doch selbst wenn eine Lindgren das Wort benutzt – es bleibt eine rassistische Bezeichnung, die manchem wehtut. So einfach ist das. Als Pippi Langstrumpf erschaffen wurde, gab es keine schwarzen Schweden; Europa galt als überlegene »Erste Welt«. Nicht Lindgren war rassistisch, sondern die Welt, in der sie lebte. Sie wusste es nur nicht. Man hat so gesprochen, weil es damals normal war, normaler jedenfalls als heute, Menschen anderer Herkunft abzuwerten.

Warum fällt es so schwer, das zu benennen? Weil es heute nicht mehr nötig ist? Weil es nervt?

Es ist nötig. Und ja, es nervt. Vor allem jene, die davon betroffen sind.

Es nervt, wenn weiße Menschen dunkelhäutigen Menschen erzählen wollen, wann sie sich verletzt fühlen dürfen und wann sie es mit der Correctness und »Empfindlichkeit« übertreiben. Es nervt, dass die Mehrheit definieren will, was »wirklicher« Rassismus ist und welcher unschuldig oder der jeweiligen Zeit geschuldet. Das sollte sie lassen. Sie tut es aber nicht, weil es (glücklicherweise) kein vergleichbares, global so bekanntes Wort gegen Weiße gibt, das sie ähnlich treffen könnte.

Leserkommentare
    • xila
    • 25. Januar 2013 21:26 Uhr

    Sie verwechseln immer noch das einstige Denken darüber, wie Schwarze seien - das selbstverständlich nicht wertfrei war -, mit der Bezeichnung, die nichts damit zu tun hat. Daß Sie das eine für das andere halten, ist nichts weiter als eine Projektion.

    "Neger" bezeichnete in meinem Kindheitsalltag "Mann mit dunkler Hautfarbe". Solche sahen wir, obwohl rückständige Dörfler, von denen die meisten sonst noch nicht besonders viel gesehen hatten, mehr als genug, denn wir hatten US-Soldaten am Ort. Harlem hatte dagegen wohl keiner je gesehen.

    Wenn einer diesen Spiegel-Artikel - oder ähnliches - gelesen haben sollte, so hat er sicherlich verstanden, was der Autor ihm damit sagen wollte, aber wenn er in einer Menschengruppe jemanden bezeichnen wollte, und er zu diesem Zweck sagte: "der Neger dort", dann wollte er damit nicht sagen: "dieser tierische böse affenähnliche Kerl", sondern trotzdem immer noch "der da mit der dunklen Hautfarbe".

    Das gilt auch dann, wenn er den dunkelhäutigen Herrn vielleicht - ist ja möglich - wirklich für tierisch, böse und affenähnlich gehalten haben sollte. Wenn er das zum Ausdruck bringen wollte, sagte er aber nicht Neger, sondern "Bimbo" oder "Kaffer" oder was es da sonst noch für bösartig gemeinte Ausdrücke gab. Das durfte man im Spiegel hingegen so nicht schreiben. Aber der Spiegel war schon immer darin gut, beleidigend zu sein, ohne wie unsereins dafür Schimpfwörter benutzen zu müssen.

    4 Leserempfehlungen
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    was der weisse Typ gesagt hat, ob N. oder Bim.. Gut, er wollte nicht beleidigen. Hätte aber seine Tochter einen schwarzen Freund gehabt, wäre es aus gewesen mit der Neutralität des N-Wortes. Das wusste der N., deswegen war es schon damals eine Beleidigung.
    Eine Beleidigung war das Menschenbild an sich, und das N. Wort drückt es aus.

    • zabki
    • 25. Januar 2013 21:28 Uhr

    Was Sie zitieren, sind rassistische Klischees. Aber auch hier machen es Kontext und Intention, nicht der Gebrauch des Wortes "Neger"

    Ein anderes Beispiel aus derselben Zeitschrift und derselben Zeit (Spiegel 31/1949):

    "Die musikalische Prominenz aller Länder ist auf der Anreise nach Salzburg. Darunter befindet sich in diesem Jahre eine Negerin. Marian Anderson, Amerikas große Altistin, macht auf ihrer ersten Europatournee nach dem Kriege Station auch in der Festspielstadt."

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Einwände"
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    den andern auch explizit erwähnt, dass sie weiss waren? Nein, nur bei der N., Also: auch wenn man meint es gut zu meinen, schützt es vor eigenem Rasissmus nicht.

  1. Ich pflege jeden Menschen mit Namen anzusprechen.

    Sie haben meinen Punkt überhaupt nicht verstanden. Es ist völlig egal, ob sie "Neger" sagen oder ein beliebiges anderes Wort, das ihrer Meinung nach keine Beleidigung darstellt. Mit diesem Wort allein ziehen Sie schon eine Grenze zwischen sich und dem vermeintlich anderen. ich benutze solche Worte nicht, ich brauche sie nicht, weder für mein Weltbild noch um mich vor anderen auszudrücken. Deshalb ist die Diskussion um solche Worte in meinen Augen sinnlos. Es ist sinnvoller über den durch unser Land wabernden alltäglichen Rassismus und alltägliche Diskriminierung zu diskutieren.

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    Antwort auf "@ parrot0815"
  2. Indem Sie aus der Betroffenheitsperspektive sprechen, schwingen Sie sich zum Kadi auf. Wer "schwarz" ist, darf sich über den "Negerkönig" als Bezeichneter beschweren. So weit, so gut. Aber nach Ihnen, darf jemand mit dunkler Hautfarbe, also der jeweils Betroffene, letztinstanzlich urteilen, was sich schickt und was nicht. Das ist nichts anderes als positiver Rassismus, der die Qualität des Urteils an Betroffenheit festmacht.

    2 Leserempfehlungen
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    letzinstanzlich urteilen, wie Sie genannt werden wollen.
    Ist das positiv rassistisch?

  3. beleidigen, meiner Meinung und Erfahrung nach.
    Wir können das nicht so leicht ändern, wenn das eine mit Strafen verfolgt wird, denken sich solche Leute was anderes aus.
    Rüpel umzuerziehen ist recht schwierig

    Eine Leserempfehlung
    • klunjes
    • 25. Januar 2013 23:51 Uhr
    182. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Die Redaktion/au

    • Iktomi
    • 26. Januar 2013 0:21 Uhr

    LOL..nach der aktuellen politisch korrekten Version wären sie bei unseren Freunden überm Teich wohl eher "a male-bodied person"

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  • Schlagworte Kinderbuch | Kinderliteratur | Sprache | Rassismus
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