Was in Deutschland gerade "angesagtes Thema" ist, bläst der sanfte Ostwind stets mit einiger Verzögerung wienwärts. Drum las ich mich vergangenen Donnerstag leicht verblüfft durch die drei ZEIT-Seiten, welche die neueste Aufregung, Kinderbücher betreffend, abhandeln. Und murmelte hernach, Pippi Langstrumpf ein Häuchlein variierend: "Man bekommt allerhand zu lesen, bevor einem die Augen aus dem Kopf fallen!"

Worum geht’s? Es geht darum, ob man Kinderbuchklassiker von allen Wörtern und auch Szenen, die heutiger Political Correctness nicht entsprechen, säubern darf oder ob das unzulässige Zensur ist. Es geht um "Neger" und "Mohr", um lügende Afrikaner, um Faschingskostüme, alles in allem um "weißes Dominanzdenken" und "Kolonialrassismus". Ja, ja, die Political-Correctness-Sheriffs leisten ganze Arbeit!

Kinderbuchautoren sind ja nun daran gewöhnt, dass ihre Texte nicht nur von den jungen Lesern, für die sie geschrieben wurden, beurteilt werden, sondern auch von jeder Menge erwachsener Leute, die zu wissen meinen, welche Lektüre "kindgerecht" sei. Eltern, Omas, Lehrer, Bibliothekare, alle reden da mit und drein. Und da Kinderbücher nur selten vom kindlichen Leser selbst gekauft werden, sondern von Eltern, Omas, Lehrern und Bibliothekaren, nehmen die meisten Kinderbuchverlage ein bisschen Rücksicht auf die Meinungen dieser "kindertümlich befassten" Personengruppen. Und die Autoren, die ihre Bücher ebenfalls gern gut verkauft wissen wollen, sehen das meistens ein.

Das Fahnden nach politisch Unkorrektem ist sichtlich ein neuer Trend. In den vergangenen Jahrzehnten ging es um: zu viel Erotik, zu viel Aufmüpfigkeit, zu wenig gesittete Ausdrucksweise, zu wenig heile Welt und zu negativ beschriebene Lehrer und Mamas. Jetzt weht der Protestwind halt aus einer anderen Richtung. Aber ob nun Wind von rechts oder links, ganz gleichgültig, das geschieht, weil Kinderbücher nicht als richtige Literatur gelten, sondern als so etwas Ähnliches wie Erziehungspillen, eingewickelt in buntes G’schichterlpapier. Und je nachdem, wie die Dreinreder Kinder erzogen und zugerichtet haben wollen, sind eben ihre Vorstellungen von brauchbarer Lektüre für Kinder.

Was meine eigenen Bücher angeht, habe ich keine Ahnung, wie oft ich vor 40, 30 Jahren gegen das, was heutzutage als politisch korrekt gilt, verstoßen habe. Ich weiß auch nicht, ob ein Verlag bei einer Neuauflage "verbessernd" tätig geworden ist, ohne mich darüber zu informieren. Ich verbringe meine Tage ja nicht damit, die neuen Auflagen meiner Bücher zu lesen. Aber ich glaube nicht, dass bei meinen Verlagen Lektoren derart selbstherrlich mit Texten umgehen.

Jedenfalls erinnere ich mich an einen einzigen "Neger", der sich bei der Neuauflage in einen "Schwarzen" wandelte, wodurch allerdings ein kurzer Absatz entfallen musste, in welchem ich seinen Sohn "Halbneger" und seinen schönen Enkel "Viertelneger" nannte und damit meine Leser auf den absurden Unsinn von Rassenideologie aufmerksam machen wollte. Aber so gut war der kleine Spaß nun auch wieder nicht, dass ich meinte, nicht auf ihn verzichten zu können. Obwohl mir ein Sternchen beim "Neger" und dazu der Hinweis, dass dieser Ausdruck vor 30 Jahren nicht als diskriminierend galt, auch gereicht hätte.

Mit Kindern kann man nämlich sehr vernünftig reden. So wie sie verstehen, dass in einem Buch, das vor 30 Jahren geschrieben wurde, die Kinder kein Handy, aber einen Plattenspieler haben, so würden sie auch verstehen, dass damals das Wort Neger üblich war und verändertes Bewusstsein veränderte Sprache bringt.