KinderbücherDer Neger bleibt ein Neger

Die preisgekrönte Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger will keine Wörter verhaften, um üble Gesinnung zu bekämpfen. von Christine Nöstlinger

Illustration zur "Mohren"-Geschichte aus dem "Struwwelpeter" (Heinrich Hoffmann, 1858)

Illustration zur "Mohren"-Geschichte aus dem "Struwwelpeter" (Heinrich Hoffmann, 1858)  |  Public Domain

Was in Deutschland gerade »angesagtes Thema« ist, bläst der sanfte Ostwind stets mit einiger Verzögerung wienwärts. Drum las ich mich vergangenen Donnerstag leicht verblüfft durch die drei ZEIT-Seiten, welche die neueste Aufregung, Kinderbücher betreffend, abhandeln. Und murmelte hernach, Pippi Langstrumpf ein Häuchlein variierend: »Man bekommt allerhand zu lesen, bevor einem die Augen aus dem Kopf fallen!«

Worum geht’s? Es geht darum, ob man Kinderbuchklassiker von allen Wörtern und auch Szenen, die heutiger Political Correctness nicht entsprechen, säubern darf oder ob das unzulässige Zensur ist. Es geht um »Neger« und »Mohr«, um lügende Afrikaner, um Faschingskostüme, alles in allem um »weißes Dominanzdenken« und »Kolonialrassismus«. Ja, ja, die Political-Correctness-Sheriffs leisten ganze Arbeit!

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Kinderbuchautoren sind ja nun daran gewöhnt, dass ihre Texte nicht nur von den jungen Lesern, für die sie geschrieben wurden, beurteilt werden, sondern auch von jeder Menge erwachsener Leute, die zu wissen meinen, welche Lektüre »kindgerecht« sei. Eltern, Omas, Lehrer, Bibliothekare, alle reden da mit und drein. Und da Kinderbücher nur selten vom kindlichen Leser selbst gekauft werden, sondern von Eltern, Omas, Lehrern und Bibliothekaren, nehmen die meisten Kinderbuchverlage ein bisschen Rücksicht auf die Meinungen dieser »kindertümlich befassten« Personengruppen. Und die Autoren, die ihre Bücher ebenfalls gern gut verkauft wissen wollen, sehen das meistens ein.

Christine Nöstlinger
Christine Nöstlinger

76, ist mit über 100 Büchern eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen im deutschsprachigen Raum. Die Wienerin, die ursprünglich Malerin werden wollte, erfand Figuren wie Gretchen Sackmeier, den Gurkenkönig und Rosa Riedl, das Schutzgespenst. In vielen ihrer Bücher stehen Außenseiter im Mittelpunkt.

Das Fahnden nach politisch Unkorrektem ist sichtlich ein neuer Trend. In den vergangenen Jahrzehnten ging es um: zu viel Erotik, zu viel Aufmüpfigkeit, zu wenig gesittete Ausdrucksweise, zu wenig heile Welt und zu negativ beschriebene Lehrer und Mamas. Jetzt weht der Protestwind halt aus einer anderen Richtung. Aber ob nun Wind von rechts oder links, ganz gleichgültig, das geschieht, weil Kinderbücher nicht als richtige Literatur gelten, sondern als so etwas Ähnliches wie Erziehungspillen, eingewickelt in buntes G’schichterlpapier. Und je nachdem, wie die Dreinreder Kinder erzogen und zugerichtet haben wollen, sind eben ihre Vorstellungen von brauchbarer Lektüre für Kinder.

Was meine eigenen Bücher angeht, habe ich keine Ahnung, wie oft ich vor 40, 30 Jahren gegen das, was heutzutage als politisch korrekt gilt, verstoßen habe. Ich weiß auch nicht, ob ein Verlag bei einer Neuauflage »verbessernd« tätig geworden ist, ohne mich darüber zu informieren. Ich verbringe meine Tage ja nicht damit, die neuen Auflagen meiner Bücher zu lesen. Aber ich glaube nicht, dass bei meinen Verlagen Lektoren derart selbstherrlich mit Texten umgehen.

Jedenfalls erinnere ich mich an einen einzigen »Neger«, der sich bei der Neuauflage in einen »Schwarzen« wandelte, wodurch allerdings ein kurzer Absatz entfallen musste, in welchem ich seinen Sohn »Halbneger« und seinen schönen Enkel »Viertelneger« nannte und damit meine Leser auf den absurden Unsinn von Rassenideologie aufmerksam machen wollte. Aber so gut war der kleine Spaß nun auch wieder nicht, dass ich meinte, nicht auf ihn verzichten zu können. Obwohl mir ein Sternchen beim »Neger« und dazu der Hinweis, dass dieser Ausdruck vor 30 Jahren nicht als diskriminierend galt, auch gereicht hätte.

Mit Kindern kann man nämlich sehr vernünftig reden. So wie sie verstehen, dass in einem Buch, das vor 30 Jahren geschrieben wurde, die Kinder kein Handy, aber einen Plattenspieler haben, so würden sie auch verstehen, dass damals das Wort Neger üblich war und verändertes Bewusstsein veränderte Sprache bringt.

Leserkommentare
  1. nennt Euch Neger - wie viele meiner afrikanischen Freunde - diesen Begriff kann man nur weglachen.

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    Und sollte jemand auf die Idee kommen, mich so zu bezeichnen, dann wird er mich kennenlernen!

  2. Es geht hier immerhin um den Bestand des Abendlandes ! Ach ja, und natürlich um KINDER ! Denkt denn niemand mal an die Kinder ? Sie wissen doch auch, das die Deutschen sich nach '45 auf die Fahne geschrieben haben, die welt zu verbessern ! "We come in peace" Draussen krepieren Menschen, Banken saugen unsere finanziellen Möglichkeiten auf aber für einige Kreuzzügler wider der politischen Unkorrektheit scheint es derzeit nichts wichtigeres zu geben als irgendwo verstaubte Wörter zu tilgen.

    Ich habe ein paar meiner alter Kinderbücher, u.a. von Janosch wiedergefunden und meiner Tochter vorgelesen: Holla, die Waldfee, da gibts noch jede Menge zu tun für die Saubermänner und -frauen ! Da frisst der Wolf die Geiss, einfach so, weil sie den ganzen Tag nur rumgezickt hat ! (fast zitiert). Deren Ehemann hatte sie zuvor verlassen für eine jüngere ! (Kinderbuch !!! OMG !!). In einem anderen Kinderbuch aus der ehem. DDR gings auch um eine nicht ganz bilderbuchähnliche Familie und es gab sogar Textpassagen, die von noch brennenden Zigarettenkippen im Aschenbecher handeln. Meiner 3,5j. Tochter war das alles schnuppe, ich musste beim lesen schmuneln und wünschte, sowas gäbs noch heute...

    7 Leserempfehlungen
    • Varech
    • 24. Januar 2013 12:37 Uhr

    Es tut gut, zu lesen, was Sie da locker und vernünftig schreiben.
    Aber gegen die Erziehungs- und Besserungswut, glaube ich, sind wir machtlos. Man wird abwarten müssen, dass es vorübergeht oder sich anderswo festbeisst.

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    fürchte ich, sondern es wird sich vielmehr ein eigener industriezweig etablieren, die sprachsäuberer o.ä.

  3. In Märchen wimmelt es seit alters her von Hexen, Ungeheuern, Schurken, Riesen und Zwergen, Königen und Dienern, Sklaven und Herren. Ist es rassistisch, Zwerge auftauchen zu lassen, und muss ein Sklave am Hof des Sultan gegen einen Zeitarbeitnehmer ausgewechselt werden? Wohl nicht. Kinder nehmen die Geschichten ganz überwiegend als das, was sie sind - Geschichten eben. So betrachtet können auch beliebig viele Neger mitspielen.

    Warum werden Neger und deren Könige aber im Kinderbuch gestrichen? Nicht weil man die Geschichten verbessern will, sondern weil man glaubt, mit dem Wegfall eines Wortes die Welt ändern zu können. Gegen das Wort Neger als Lautfolge ist nichts einzuwenden. Es kann aber eine Bedeutung haben, die uns nicht gefällt. Diese Bedeutung entsteht im Kopf und weil man die Vorstellung im Kopf nicht haben will, muss das Wort weichen. Das basiert auf einer Theorie: Wenn wir das Wort als Auslöser für eine bestimmte Vorstellung ausmerzen, gibt es auch die Vorstellung nicht. Das ist gewagt. Kein Mensch würde annehmen, dass es keinen Mord mehr gibt, weil wir das Wort Mord zum Tabu erklären.

    Einge Bedeutung kann allenfalls haben, wie wir Neger darstellen. Wird er verächtlich gemacht, wird es gutgeheißen, ihn als minderwertig oder dumm oder gefühllos darzustellen? Könnte das Kind diese Darstellung in der Geschichte mit der Wirklichkeit verwechseln? Aber entscheidend ist letztlich nur, wie wir Neger im Leben behandeln, und nicht wie er in Geschichten behandelt wird.

    3 Leserempfehlungen
  4. Wie wird er denn in Geschichten behandelt, Peter Tuch? Bei Astrid Lindgren lügt er immer und unterwirft sich gerne fremden Weißen. Merken Sie was?

    Der Artikel ist einfach oberflächlich. Alles durchgerührt.
    Die Autorin will ihren Großvater sprechen lassen, wie er gesprochen hat, und das ist auch gut so, und niemand will das verbieten, weil das die getreue Darstellung von etwas Geschehenem ist. Hiervon unterscheidet sich eine literarische Darstellung der Welt, in der eine Menschengruppe einen bestimmten, niedrigen Platz und negative Eigenschaften hat, grundlegend, und nur um Letzteres geht es. Alles andere ist gezielte Desinformation von Leuten, denen Argumente fehlen.

    Es spricht nichts dagegen, Kinder von solchen Ergüssen zu verschonen. Es spricht nichts dafür, die rassistische Soße immer wieder neu aufzukochen.

    Und bitte nicht immer so schick in Pose werfen gegen die "Politische Korrektheit" ich knn's nicht mehr hören. Befassen Sie sich mit Inhalten, nicht mit Schlagworten.

    3 Leserempfehlungen
  5. finde ich übrigens die Wortwahl der Zeit, was die Überschrift des Artikels angeht.

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    • Kometa
    • 27. Januar 2013 19:11 Uhr

    Was mag oder kann wohl "abartig" heißen nach den Regeln von Sprachpolizisten?
    Bei den erwähnten oder zitierten "Negern" geht um es fiktionale, literarische Figuren... - wer sie verhaften will für seine privaten oder öffentlich-obsessiven Zwecke, findet wohl genug AB-artiges in seinem Aggressionspotenzial, das er nicht zufällig "Negern" und "'Neger'-Erzählern" überlassen sollte.

    Hi, was "abartig" ist, muss man doch ausmerzen können! Kawupp-dich! Ins Feuer mit dem oder den Büchern. Oder mit Frau Nöstlinger!

  6. für Ihren schönen, unaufgeregten Artikel zum Thema!

    8 Leserempfehlungen
  7. An dieser Stelle muss man m.M.n streng eine inhaltliche Zensur in Form des Weglassens, Umänderns oder Umformulierens von einer konkreten begrifflichen Aktualisierung eines Wortes im Kontext der aktuellen Zeit differenzieren.

    Es grenzt meiner Meinung nach an Fahrlässigkeit, die Infragestellung der Präsentation ethisch fragwürdiger Themen (Darf man eine Geschichte schreiben, in der jemand wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird?) mit der Verwendung von unzeitgemäßen Begriffen (wie hier konkret das Wort "Neger") in einen Topf zu werfen. Während ich ersteres in den meisten Fällen für eine politisch unvertretbare Zensur halte und hier für die Beibehaltung plädieren würde, finde ich die Anpassung eines konkreten Begriffs wirklich unproblematisch.

    Hier entfremdet sich das Mittel meinem Empfinden nach allmählich vom Zweck. Wenn ich den Begriff Neger durch einen zeitgemäßen Begriff ersetze, so tue ich das nicht um irgendeinem Trend der "Political Correctness" gerecht zu werden sondern um zu verhindern, dass jemand sich diskriminiert fühlt. Dies war zu Zeiten des Verfassens betroffener Textdokumente nicht die Absicht und sollte es auch in unserer Zeit nicht werden. Die Geschichte hat gezeigt, dass es immer besser ist, Bestehendes zu hinterfragen als ihm einen zeitlosen Wert zuzusprechen, der allein auf seinem historischen Privileg beruht.

    Die Auswahl des Titels dieses Artikels finde ich übrigens hochgradig geschmacklos und unangemessen.

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