Nachhaltigkeit : Ich muss mein Leben ändern
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Urlaub in Deutschland: Regenschirm und Kuschelpulli

Um herauszufinden, wie man einen reduzierten Lebensstil ohne Flüge und ohne Auslandsreisen durchhält, treffe ich mich mit dem Wirtschaftsprofessor Niko Paech, der in kein Auto steigt und mit seinen 52 Jahren erst ein Mal geflogen ist. Er glaubt, dass bald alle so leben werden wie er, weil das Öl ausgeht und die Wirtschaft nicht so weiterwächst wie bisher. Paech wohnt im niedersächsischen Oldenburg, aber er ist gerade in Berlin, so muss ich mein CO₂-Konto nicht weiter belasten. Ich frage ihn, ob er sich nicht manchmal nach südlichen Ländern sehne, zumindest nach der Sonne Italiens. »Italien? Was soll ich denn da?«, fragt Niko Paech zurück. Außerdem halte er das Konzept Urlaub für überschätzt. Paechs Ideal ist es, nur 20 Stunden die Woche zu arbeiten und die restliche Zeit mit sinnvoller Freizeitgestaltung zu verbringen: Brot backen, Fahrräder und kaputte Computer reparieren. So spart er Geld, muss weniger konsumieren und arbeitet sich auch nicht urlaubsreif. Und wenn er es doch ist, entspannt er zu Hause oder fährt mit dem Fahrrad an die Ostsee. Aber was ist mit dem Regen, der einem die kostbaren zwei Wochen Sommerurlaub vermiesen kann? »Warum glauben Sie, dass Sie Anspruch auf regenfreie Tage haben?«, fragt Paech.

Ich ahne, dass Niko Paech ein anderer Typ ist als ich. Diesen Sommer versuche ich dennoch, mich an seine Ratschläge zu halten. Also fahren wir mit Freunden für ein paar Tage nach Mecklenburg (von Berlin aus eine kurze Autofahrt zu dritt, in Hinblick auf die CO₂-Belastung also fast unbedenklich) und wohnen in einem Holzhaus. Kilometerweit nur Wald und Seen. Unsere Tochter spielt in der Scheune und läuft über die Wiesen. Wir genießen die Ruhe – so sieht ein Leben abseits der Zivilisation aus. Leider müssen wir bald feststellen, dass wir die kältesten Tage des Sommers erwischt haben. Der altmodische Ausdruck »Sommerfrische« bekommt eine ganz neue Bedeutung. Es wird nicht wärmer als 18 Grad, wir gehen trotzdem an den See, was soll man sonst tun in dieser Abgeschiedenheit? Die Männer nutzen die Abstände zwischen den Regenschauern, um zu angeln. Ansonsten sitzen wir eng aneinandergedrückt, in Decken gehüllt in einer sogenannten Strandmuschel, einem kleinen Zelt, an das einer von uns glücklicherweise gedacht hat. Es wird neben dem Regenschirm das wichtigste Utensil dieses Urlaubs. Jeder von uns hat nur einen warmen Pulli dabei, zumindest um unsere Garderobe müssen wir uns also keine Gedanken machen: Wir tragen jeden Tag dasselbe.

In den ersten Monaten meines Experiments kommt es mir oft so vor, als wäre ich in meine Pubertät zurückversetzt. Damals war mein Umweltbewusstsein sehr ausgeprägt. Vielleicht ist man in diesem Alter besonders sensibel, weil noch so viele Jahrzehnte vor einem liegen. Mit 13 wurde ich für ein paar Jahre Vegetarierin und stellte mit einer Freundin Eimer in der Landschaft auf, damit Spaziergänger ihren Abfall nicht auf den Boden werfen. Allerdings war es damals auch eine Zeit existenzieller Angst – vor Atomwaffen, saurem Regen, und dann kam 1986 auch noch Tschernobyl.

Zwar ist die Bedrohung in den Jahren danach nicht geringer geworden, aber irgendwie schien ich mich damit abgefunden zu haben. Während ich als Teenager Löcher in meine Hosen riss, um meinem Protest Ausdruck zu verleihen, riss ich als Erwachsene Löcher in mein Bankkonto, um mir eine Tasche von Chloé zu kaufen (allerdings im Schlussverkauf) und Lackpumps von Marc Jacobs. Ich erinnere mich noch, wie ich an der Kasse stand und der Verkäuferin sagte, dass ich die teuren Schuhe einmal an meine Tochter vererben würde. Leider gingen sie kurz darauf kaputt, der Lack riss ein.

Nach dieser Erfahrung beginne ich im Sommer bei Einkäufen darauf zu achten, wo die Kleidungsstücke produziert werden, und stelle fest, dass auch Designerkleider »made in China« oder »made in India« sein können. Daraufhin beschließe ich, erst mal gar nichts mehr zu kaufen. Meine Konsumverweigerung hält einige Monate an.

Zuvor hat es mir Spaß gemacht, mit meinem Freund am Wochenende durch Berlins Mitte zu spazieren, einzukaufen und zum Abschluss ein oder zwei Gläser Wein zu trinken. Jetzt kann ich darin – abgesehen vom Wein – keinen Sinn mehr sehen und nerve meinen Freund mit Vorträgen über die Gewinnspannen der Unternehmen und deren teure Marketingkampagnen, die ich mit meinen Einkäufen nicht mehr mitfinanzieren will. Wir führen Diskussionen, ob ein Shirt von Zara für 15 Euro besser ist als eins von H&M für fünf (nein, sage ich) und ob »made in Bulgaria« besser ist als »made in Bangladesh« (nicht unbedingt). Mein Freund geht seitdem lieber alleine einkaufen. Nach einiger Zeit findet er allerdings, dass es auch für mich an der Zeit sei, mal wieder was Neues zum Anziehen zu erstehen.

Ich bin ratlos, wo ich hingehen soll. Ein Kollege empfiehlt mir, mich an Kirsten Brodde zu wenden, die für Greenpeace arbeitet und Spezialistin ist für ökologisch und fair produzierte Mode. Auf ihrer Website www.kirstenbrodde.de hat sie »grüne Listen« erstellt mit bundesweit knapp 40 auf Ökomode spezialisierten Läden und über 100 deutschen Labels und Designern. Sollte ich mir also am besten nur noch Mode »made in Germany« kaufen? »Das allein sagt nichts darüber aus, ob die Kleidung sauber produziert ist«, sagt Brodde, »denn der Stoff kommt ja nicht unbedingt aus Deutschland.« Ein erster Schritt sei, auf Biobaumwolle zu achten. Dann müsse der Stoff ja aber auch noch gewebt und gefärbt, bedruckt und beschichtet werden – und dabei wird die Umwelt besonders belastet. »Die Textilindustrie ist zu einem Großteil verantwortlich dafür, dass in China rund 70 Prozent der Flüsse verschmutzt sind«, sagt sie. Immerhin haben sich in der »Detox-Kampagne« von Greenpeace auch einige der großen Ketten verpflichtet, bis 2020 alle giftigen Chemikalien aus der gesamten Produktion zu verbannen.

Weil es mir aber auch um soziale Standards geht und ich keine Kleidung kaufen will, für deren Herstellung die Näherin in Bangladesch nur etwas mehr als einen Euro am Tag bekommt, empfiehlt mir Kirsten Brodde, auf das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard) zu achten oder eine Mitgliedschaft der Modefirma in der Fair Wear Foundation. Einen höheren Standard gibt es derzeit nicht, also suche ich nach Kleidung, die so ausgewiesen ist. Ich merke schnell, dass ich um Bestellungen im Internet nicht herumkomme, weil sich die kleinen Labels den teuren Vertrieb in Läden nicht leisten können. Onlinehandel, das klingt so modern, dabei ist es im Prinzip das Gleiche, was unsere Mütter taten, als sie sich ihre Kleidung vom Otto-Versand kommen ließen. Ich finde eine bezahlbare Marke für Umstandsmode mit dem unglücklichen Namen boob, was auf Deutsch so viel wie »Busen« heißt. Ich bestelle dort trotzdem zwei Teile und außerdem Wäsche bei einem Ökoversandhandel. Gespannt warte ich auf die Päckchen. Beim Auspacken erlebe ich dann eine kleine Überraschung: Ich habe mich beim Anklicken der Größe offensichtlich vertan, sodass die eine Unterhose eher etwas für meine Tochter wäre. Die andere passt mir zwar, sieht aber nach der ersten Wäsche so labbrig aus, als habe der Prozess der Selbstkompostierung schon eingesetzt. Ich werde das Bestellen im Internet noch üben müssen.

Wenn man einmal angefangen hat mit dem ethisch korrekten Leben, gibt es kein Zurück mehr. Es ist, als habe man eine Parallelwelt der Gutmenschen betreten, in der hinter jeder Tür, die man öffnet, eine weitere liegt. Der Ökoversand Hessnatur hat das erkannt und steckt in seine Pakete ein halbes Dutzend Prospekte anderer ökologisch-ethischer Unternehmen. So stoße ich auf den Anlageberater Cordt Würdemann. Auf seiner Website www.nachhaltige-beratung.de wirbt er für »grüne« Bankkonten, Investmentfonds, Versicherungen. Ich mache mir schon lange Gedanken darüber, dass meine private Lebensversicherung über ein Versorgungswerk läuft, das zu fast 80 Prozent der Allianz gehört. Die Allianz soll unter anderem auch in Rüstungsfirmen investieren.

Ich vereinbare einen Termin mit Cordt Würdemann bei mir zu Hause. Ein Mann mit akkurat geschnittenen Haaren, Jackett und Lederschuhen steht vor meiner Tür. Im Gespräch wird schnell klar, dass ich meine seit vielen Jahren bestehende private Renten- und Lebensversicherung besser nicht kündigen sollte, da ich sonst viel Geld verlieren würde. Zum ersten Mal stoße ich an eine Grenze: So weit geht mein Engagement dann doch nicht, dass ich dafür meine Altersversorgung antasten möchte.

Aber was die Bank anbelangt, könne ich noch einiges tun, meint Würdemann. Er empfiehlt mir eine Nachhaltigkeitsbank, die ausschließlich in Umwelt, Soziales und Kultur investiert. Den Namen kann ich nicht nennen, weil Herr Würdemann von Provisionen lebt, und die bekommt er nur, wenn man das Konto über ihn abschließt. Nachdem ich mehrere Angebote verglichen habe, beschließe ich, ein Tagesgeldkonto bei »seiner« Bank zu eröffnen, sie zahlt mir derzeit 1,05 Prozent Zinsen.

Am Ende, sozusagen als Gratisservice, errechnet Cordt Würdemann noch, wie hoch meine Rente mit 67 sein müsste, damit ich meinen heutigen Lebensstandard halten kann. Dabei deckt er eine Versorgungslücke auf: Mir fehlt eine halbe Million Euro, anzusparen in den nächsten 26 Jahren.

Kommentare

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@199 Leonberger: Ende der Demokratie?

Sie schreiben: "Möglich wäre sie schon. An diesem Wählerwillen fehlt allmählichen es, deshalb tut die Politik nichts. Kein Politiker kann sich zu solcher Führungsstärke aufschwingen, denn es wäre das Ende der Demokratie."

Waum? Wie die Agenda 2010 zeigt, braucht es nur den politischen Mut, als notwendig erkannte Entscheidungen durchzusetzen - notfalls mit "Basta!". Damit ziehen der Politiker und dessen Partei zunächst zwar sehr viel Widerstand und Hass auf sich und riskieren, Wahlen zu verlieren. Aber wie sich zeigt, sind Wähler und Wählerinnen nicht jene dummen, egoistischen und kurzsichtigen Wesen, als die sie gern von Leuten dargestellt werden, die sich für besser halten.

Im Gegenteil. Die Wahlen in Niedersachsen und die "Leihstimmen" für die FDP haben wieder einmal gezeigt, dassdie Wählerschaft in beachtlicher Masse rational entscheidet.

Das gilt auch für die SPD und die Folgen der Agenda 2010. Wie die Landtagswahlergebnisse der SPD in den letzten Jahren gezeigt haben, sind die Menschen bereit, auch unangenehme Entscheidungen mitzutragen, wenn sie denn die Notwendigkeit erkannt haben und die positiven Auswirkungen allmählichen spüren.

Allerdings schaden sich Politiker und Parteien, wenn sie sich von ihren Entscheidungen unter dem Druck öffentlicher Hasstiraden einer Minderheit (und scheinbaren Mehrheit im Netz) mehr oder weniger distanzieren. Auch wäre es vor allem in Umweltfragen notwendig, breit und glaubwürdig aufzuklären.

Blauäugig.

Ihr Kommentar kommt mir ähnlich naiv vor wie der Artikel selbst. Man muß ja schon blind sein, um den Flurschaden nicht zu bemerken, den die Agenda 2010 - an der ich eigentlich vieles richtig fand - gesamtgesellschaftlich angerichtet hat. Nicht das kleinste Problem ist dabei die rücksichtslose Arroganz, mit der die Leute niedergewalzt wurden.

Einmal unabhängig von Dingen wie zunehmenden psychisch bedingten Ausfällen, die zu großen Teilen ein Kollateralschaden der Agenda 2010 sind: Was mir seither bei jeder Wahl stärker auffällt, sind die heftigen "Ausschläge" bei den Wählerwanderungen, mal in diese, mal in jene Richtung. Auffallend auch, daß es auch mit besten prognostischen Mitteln immer schlechter vorhersagbar ist, wie das Ergebnis ausfallen wird. Das hat was damit zu tun, daß die Wahlentscheidungen immer kurzfristiger getroffen werden.

Das ist alles andere als rational. Die Leute sind augenscheinlich verzweifelt auf der Suche nach irgendwas, das sie noch für wählbar halten können, auch wenn es in Niedersachsen dazu geführt hat, daß "Bloß nicht Rot-Grün" für viele FDP-Leihstimmen-Wähler das entscheidende Kriterium gewesen ist. Wenn es so weitergeht, kann das aber auch mal ganz was Vekehrtes nach oben spülen. Die Politik täte gut daran, das ernst zu nehmen. Leider traue ich denen aber so viel Verstand nicht zu.

Nein, das sagt mir z.B. die Ärztezeitung.

"Sag ihnen ein tiefer Blick in ihre Kristallkugel?"

Lesen Sie zufälligerweise Zeitung? Schauen Sie ab und zu die Nachrichten an? Scheinbar ja nicht, also sei Ihnen mit einem Link ausgeholfen: http://www.aerztezeitung....

Der Arbeitsstreß ist dabei nur eine Seite der Medaille, obwohl seine Zunahme eine direkte Folge der Agenda 2010 ist. Dieter Hundt hat zu Recht darauf hingewiese, daß die psychischen Leiden unter Arbeitslosen noch sehr viel höher sind. Das ändert aber nichts daran, daß viele Arbeitgeber zum Zwecke ihrer Gewinnmaximierung mit der Gesundheit ihrer Mitarbeiter Schindluder treiben.

Das dicke Ende der Agenda 2010 wird jetzt ganz allmählich sichtbar, und dabei sind Dinge wie die Folgen einer eiskalt einkalkulierten Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten (Altersarmut) noch gar nicht mitgerechnet.

Aber auch der zugehörige Durchsetzungsstil hat uns gesellschaftlich sehr geschadet und der Politik ein Glaubwürdigkeitskrise beschert. Daß autoritäre Charaktere auf so was abfahren, glaube ich gerne. Man wundert sich manchmal ja schon, wie viele von denen es immer noch gibt. Erkennbar an ihrer freudigen Erregung über das, was Sie mit "Basta!" umschrieben hatten, bzw. der Forderung einer solchen Durchsetzungsmethode.

@212 xila: Täuschungsversuch?

Sie schrieben: "Nein, das sagt mir z.B. die Ärztezeitung."

Sie müssen schon eine ziemlich ausgefallene Kristallkugel haben. Oder versuchen sie einfach, sich raus zu tricksen? In der Ärztezeitung steht kein Wort über die Agenda 2010. Seltsam, nicht? Ich komme da auf ganz komische Gedanken, was ihren Diskussionsstil betrifft.

Meinerseits Ende der Diskussion mit ihnen.

Wegwerfwindeln

Denken Sie doch mal darüber nach, mit welchem Aufwand Wegwerfwindeln hergestellt werden (wie auch alle anderen einmal-benutzen-und-dann-wegwerfen-Artikel):

Holz für die Zellstoffgewinnung (in vielen Fällen nach wie vor aus Urwäldern!),
Wasserverbrauch bei der Zellstoffgewinnung und in der Chemieindustrie,
Erdöl für die chemischen Bestandteile, wie Superabsorber, Folien, Vliese, Kleber, Farben…
Erdöl für Gleit- und Trennmittel, Schmierstoffe und sonstige Hilfsstoffe für die Produktion,
Erdöl und fossile Brennstoffe für Treibstoffe für Herstellung und Transport,
Erdöl und fossile Brennstoffe für Heizenergie in allen Produktionsstufen,
Aufwand insgesamt für den Transport, um…
die Rohstoffe zu den Grundstoffproduzenten,
die Grundstoffe zu den Halberzeugnisherstellern,
die Halberzeugnisse zur Endproduktion und die fertigen Wegwerfwindeln dann
vom Hersteller zum Großhandel,
vom Großhandel zum Einzelhandel,
vom Einzelhandel zum Endverbraucher und
von diesem dann noch zur Entsorgung
zu bringen…!

Und diesen ganzen Aufwand damit das Baby EINMAL in die Windel macht und die Windel dann weggeworfen wird!

Davon ab auch noch der längere Gebrauch von Windeln (»Wegwerfwindel ca. 2–3,5 Jahre, 1,5–2,5 Jahre in Stoffwindeln. )
und die Chemie, orthopädische Aspekte, Überhitzung (Temperatur ca. 1–3 °C höher als bei Stoffwindeln-->Fruchtbarkeit), Feuchtigkeit (Wärme+Plastik->Pilzinfektionen)

Einmalwindel geht noch, aber das nur einmal benützte Clopapier

ist ein viel bedeutenderes Problem. Bei sinkender Geburten-
rate geht der Windelverbrauch ständig zurück.
Wegen der ständig steigenden Lebenserwartung steigt der
Verbrauch von Clopapier aber noch an.
Die Holzmengen, Herstellungsaufwand, Energie und Chemie
sind xmal höher als für Windeln.
Wir sollten dringend nach einem Erstz suchen, schon um die
Kläreanlagen zu entlasten. Vieleicht die alte arabische Art.