NachhaltigkeitIch muss mein Leben ändern

Was für eine Welt hinterlasse ich meinen Kindern, fragte sich unsere Autorin und begann, auf einiges zu verzichten. von 

Annabel Wahba auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof

Flugzeug? Fahrrad! Annabel Wahba auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof  |  © Özgür Albayrak

Der Eimer ist randvoll, der Geruch der übliche, und auch das schlechte Gewissen über die unglaubliche Menge an Müll, die wir Eltern mit unserem zweijährigen Kind produzieren, ist wieder da. Wir verbrauchen etwa fünf Papierwindeln am Tag, macht um die 5000, bis unsere Tochter keine mehr braucht. Jede davon benötigt über 300 Jahre, um zu verrotten – zumindest diesen Sondermüll hinterlassen wir unseren Nachfahren, wenn wir sonst schon nichts zu vererben haben.

Oft habe ich mich gefragt, ob man nicht mal Stoffwindeln testen oder zumindest die teuren Ökowindeln kaufen sollte. So wie ich mich schon oft gefragt habe, ob ich nicht besser die Bahn nehmen sollte statt des Flugzeugs oder ein fair produziertes T-Shirt kaufen statt eins made in Bangladesh. Immer wieder blitzten solche Gedanken auf. Und dabei blieb es bislang.

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Doch an diesem Morgen Anfang vergangenen Jahres ist etwas anders: Die Windelmenge wird sich in ein paar Monaten noch verdoppeln, das weiß ich, seitdem ich am Vortag erfahren habe, dass wir ein zweites Kind bekommen werden. Und mit der Freude sind auch die Fragen wieder da, die sich viele werdende Eltern stellen: Was für eine Welt hinterlassen wir unseren Kindern? Was sagen wir ihnen, wenn sie uns mal vorwerfen, wir hätten nichts getan gegen das Bienensterben, die Überfischung und die Klimaerwärmung?

Ein besserer Mensch werden? Theoretisch wissen alle, wie es geht. Nur, warum tut es keiner?

Ich weiß schon länger, dass ich mich belüge, wenn ich mir einrede, ich verhielte mich doch eigentlich völlig korrekt, bloß weil ich meine Lebensmittel im Bioladen kaufe, Ökostrom beziehe und schon mal einen Text über die Ausbeutung von Billigarbeitern geschrieben habe. Jetzt geht das Gefühl, dass ich endlich etwas ändern muss, zu tief, als dass ich es wieder verdrängen könnte. Ich fasse einen Entschluss: Im kommenden Jahr will ich endlich ethisch korrekt leben, kein Klimakiller mehr sein und kein Nutznießer billiger Arbeitskräfte. Auch meine Versicherungen und meine Bank will ich unter die Lupe nehmen, einfach jeden Bereich des Alltags.

Letztlich geht es darum, ein besserer Mensch zu werden. Das ist natürlich ein großes Wort. Damit macht man sich sofort angreifbar, weil man sich über die anderen erhebt, ihnen signalisiert: Ihr macht es nicht richtig. Mit Hohn und Spott ist also zu rechnen. Trotzdem erzähle ich als Erstes Freunden und Kollegen von meinem Entschluss, ein Jahr lang ethisch korrekt zu leben und darüber auch zu schreiben. Denn je mehr davon wissen, umso höher wird der Druck, durchzuhalten. Die meisten sind allerdings wenig beeindruckt und sagen: Das ist doch alles bekannt, darüber haben doch schon andere geschrieben. Eigenartig nur, dass zwar alle schon alles wissen, ich aber niemanden in meinem Berliner Umfeld kenne, der etwa auf Wochenendreisen nach London oder Barcelona verzichtet, weil Fliegen dem Klima schadet.

Meine erste Feuerprobe kommt im Februar. Eine Freundin und ich haben beschlossen, mal wieder ein Wochenende zusammen zu verreisen. Sie schlägt ein Ziel vor, an dem mit etwas Glück die Sonne scheint – Lissabon. Eine Stadt, die ich immer schon kennenlernen wollte. Es gibt nur ein Problem: mein CO₂-Konto.

Eine Gruppe von Klimaforschern hat im Auftrag der Bundesregierung einen Grenzwert errechnet: Damit sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten um höchstens zwei Grad erwärmt und die drohende Katastrophe eventuell noch verhindert werden kann, darf jeder Mensch maximal 2,7 Tonnen CO₂ im Jahr verursachen. Wenn schon eine konservative Bundesregierung so einen Grenzwert ausgibt, wird er sehr ernst zu nehmen sein, denke ich. Leider habe ich mein CO₂-Konto bereits im Januar für die kommenden drei Jahre ausgeschöpft. Ich war im Urlaub in Thailand. Von Berlin nach Bangkok und zurück, das macht neun Tonnen CO₂.

Als ich meiner Freundin sage, dass ich aus Klimaschutzgründen leider nicht nach Lissabon fliegen könne, ist es ein paar Sekunden still am andern Ende der Leitung. Dann fragt sie: »Warst du nicht gerade in Thailand?« Sie finde es schade, dass nun ausgerechnet sie, die im Sommer immer an die deutsche Nordseeküste fahre und im Winter höchstens mal bis in die Schweiz, nun meinetwegen nicht nach Lissabon könne. Ich lerne schnell eine wichtige Regel bei meinem Selbstversuch: Niemals andere bekehren wollen, weil sie einem sonst jedes inkonsequente Verhalten zum Vorwurf machen.

Meine Freundin ist dann aber doch einsichtig, und wir suchen uns ein anderes schönes Ziel aus: Hamburg. Das ist mit der Bahn gut zu erreichen, und wir können bei einer Bekannten wohnen. Alle, denen wir davon erzählen, lachen über uns. Doch das Wochenende ist ein Erfolg: Die Sonne scheint auch in Hamburg manchmal, und wir haben ein reines Gewissen, Geld und viel Zeit für uns übrig. Mein zweites Fazit: Es kann sehr preiswert sein, nachhaltig zu leben. Das Überraschende ist, dass es mir nicht mal etwas ausgemacht hat, auf Lissabon zu verzichten.

Es gibt ein Buch, das ganz gut zu meinem Vorhaben passt, auch wenn es schon 40 Jahre alt ist: der Bestseller Small is Beautiful. Darin kritisiert der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Friedrich Schumacher die Vergötterung des Gigantismus und entwirft das Modell einer buddhist economy. Unendliches Wachstum mit endlichen Ressourcen, das könne auf Dauer nicht funktionieren, schreibt Schumacher. Stattdessen plädiert er für eine Philosophie der Genügsamkeit, Konsum sei kein Selbstzweck, echter Wohlstand nicht am Kontostand ablesbar. Seine Thesen erscheinen mir sehr plausibel. Doch auch wenn ich jetzt für mich die Genügsamkeit entdeckt habe, ahne ich, dass das Thema Urlaub noch zum Problem werden wird: Mein Freund wird mit mir und unseren bald zwei Kindern nicht immer nach Hamburg verreisen wollen.

Leserkommentare
  1. ich weiß, wovon ich spreche, da ich imker bin und auch kontakte habe zur forschung habe.
    immer wieder hört man vom angeblich sehr akuten problem des bienensterbens, meistens noch garniert mit einem spruch von einstein.
    beides ist grober unfung. die varroa-milbe gibt es seit den 80ern und -außer in bestimmten gebieten der usa und europas- wächst die anzahl der bienenvölker auf der welt. die ursachen für den rückgang der völkerzahlen in bestimmten regionen sind sehr spezifisch. der spruch stammt übrigens auch nicht von einstein und die menschheit würde im falle eines aussterbens der honigbienen nicht sterben, da es noch ganz andere, viel wichtigere insekten in der bestäubung gibt. auf dem gesamten amerikanischen kontinent gab es vor den europäern übrigens gar keine honigbienen. wie konnten dort die millionen indios und indianer überleben??

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    Antwort auf "Das "Bienensterben""
  2. Wer verantwortlich lebt, wird seinen Fleischkonsum auf jeden Fall reduzieren und sehen, dass er Fleisch von Bauernhöfen kauft, auf welchen Tiere wirklich artgerecht gehalten werden. Wer sich nämlich einmal auseinander setzt mit unserer Fleischindustrie, wird eines Tages feststellen, dass unser Fleischkonsum nicht nur erheblich zur Umweltverschmutzung beiträgt sondern zudem auch nachhaltig die Kleinbauern beispielsweise in Afrika schädigt. Die billigen Fleischreste, die wir nicht essen würden, werden exportiert und dort auf den Märkten billiger verkauft, als ein Kleinbauer seine Hühner aufziehen kann.

    Ich erwarte von keinem Menschen, dass er meinem Beispiel folgt. Jahrzehntelang vegetarisch ernährt, mittlerweile vegan – und das, was ich koche und backe schmeckt sehr gut! Ich halte mich auch nicht für einen besseren Menschen, als andere es sind. Aber wenn ich so etwas lese, denke ich immer, dass da jemand Angst hat, dass ihm die Billigschnitzel oder Burger vom Teller genommen werden. Billigfleisch, vollgepumpt mit Antibiotika. Denken Sie doch wenigstens mal darüber nach, ob es immer Fleisch und Wurst sein müssen. Es gibt so viele schmackhafte Lebensmittel, die einfach so in oder auf der Erde wachsen.

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    Ja, warum nicht?

  3. Auch wenn ich zuvor für die Stadt argumentiert habe, so klingt Ihre Geschichte (so sie denn wahr ist), doch nicht unbedingt nach der Schuld des Lebens auf dem Land. Man kann auch dort sehr gut Kinder großziehen, ohne am Existenzminimum zu nagen. Und Hartz IV kriegt man auch als Landbewohner und kann sich dank niedriger Mieten sogar mehr leisten, als in der Stadt, wenn man keine hohen Mobilitätskosten hat..

    Ich frage mich, wem Sie da die Schuld geben.

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  4. Denn wer sich erst einmal eine Weile mit seinem Leben auseinander gesetzt hat, stellt sicher schnell fest, dass ihn die vielen neuen Konsumartikel höchstens für eine kurze Zeit glücklich gemacht haben. Sei es das neue Smartphone mit noch besserer Bildschirmauflösung, schnellerem Internet oder die größere Bilddiagonale des Fernsehers, der neue SUV, die schicke Handtasche oder das neue Paar Schuhe. Ganz schnell entschwinden diese Dinge unserem Bewusstsein, werden entweder zu Selbstverständlichkeiten oder wir vergessen sogar, dass wir sie besitzen.
    Seinem Leben Sinnhaftigkeit zu geben, macht jedenfalls zufriedener. Einkäufe zu Fuß oder per Rad zu erledigen. Die frische Luft zu atmen und sich zu bewegen, das ist zwar anstrengender aber fast immer auch befriedigender – eben gerade auch wegen der Anstrengung. Essen frisch zu kochen, mit frischen Kräutern von der Fensterbank oder vom Balkon gibt ein größeres Zufriedenheitsgefühl als das Essen vom Bringdienst zu verspeisen.
    Ich habe übrigens in den 1980-er und 1990-er-Jahren drei Kinder großgezogen. Mit Mullwindeln, gestillt, kindgerechtes Essen selbst gekocht, KInder zu Fuß oder per Fahrrad transportiert etc. Und das alles, ohne auszusehen wie eine Ökotussi. Und meine drei Kinder sind zu tollen Erwachsenen geworden, die sich bewusst ernähren. Meine Tochter hat sogar auf den Führerschein verzichtet und reist per Rad und Öffis. Auch meine Söhne wissen das Rad zu schätzen.

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  5. wenn du so extrem dich vom gesellschaftlichen Normalfall entfernst.

  6. Wenn ich mich in den Städen so umsehe, gibt es gerade in der Stadt unglaublich viel Menschen, die von Hartz 4 leben müssen.
    Allerdings, wer abseits der Ballungsgebiete lebt, muss eben mit diesen Einschränkungen wie geringen Taktzeiten der öffentlichen Verkehrsmittel, schlechte Anbindung an weiterbildende Schulen etc. rechnen.

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    • wulewuu
    • 27. Januar 2013 10:14 Uhr

    Ich wünsche der Autorin weiterhin ihren erfrischenden Humor zu pflegen: denn wir Menschen sind eine urkomische Spezies.

  7. Ich unterstütze das Umdenken der Dame und hoffe, dass ihr viele Menschen folgen. Ich denke, es würden noch viel mehr Menschen Bio- und Transfair-Lebensmittel und nachhaltig hergestellte Konsumgüter kaufen, wenn sie denn die entsprechenden Löhne hierzu hätten. Hier wird es spannend: Seit der Wiedervereinigung stagnieren real die Löhne, obwohl der recht stetige Produktivitätsfortschritt eine Erhöhung erlaubt hätte. Da außerdem jede Menge Sozialleistungen privatisiert wurden (Riesterrente, Zahnersatz, ALG I nach 1 Jahr, Pflegekosten), müssen die Menschen von ihrem real stagnierenden Einkommen immer größere Teile für ihre private Vorsorge verwenden. Wer es ganz genau nimmt, spart sogar noch viel mehr, weil er/sie weiß, dass unsere Versicherer angesichts der financial repression wohl keine ÜBerschussbeteiligungen ausschütten werden.

    Wundert es da jemanden, dass im Lebensmitteleinzelhandel jetzt Discounter dominieren?

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