Die Frage: Michelle und Karl sind neun Jahre zusammen und haben eine fünfjährige Tochter, als Karl vorschlägt, doch noch zu heiraten. Beide lebten in Trennung, als sie sich kennenlernten. Sie erinnerten sich damals viel mehr an Scheidungskämpfe als an Eheglück und fanden eine Zuflucht in ihrer gemeinsamen Abneigung gegen Phrasen, Brautsträuße und Hochzeitsglocken.

Dann liegt Karl mit einer Herzmuskelentzündung auf der Intensivstation, und Michelle wird mit Fragen konfrontiert: Ob sie seine Frau sei? Ob Karl wirklich wolle, dass sie ihn besuche? Ob sie eine Vollmacht vorlegen könne? Nach überstandener Krankheit will Karl heiraten. Dann sei alles einfacher. Michelle zögert. "Wir haben uns vielleicht deshalb so gut verstanden, weil es eine wilde Ehe war und keine gezähmte!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Will Karl wirklich heiraten, oder hat sein gegen Hochzeiten gerichteter Zynismus nur eine höhere Stufe erklommen? Der Gang zum Traualtar als erleichterter Schritt in die Intensivstation erinnert an das Karfreitagsritual in katholischen Kirchen, bei dem Glöckchenklang durch das Schnarren hölzerner Ratschen ersetzt wird.

Ich frage mich, ob Michelle nicht eher angesichts dieses Mangels an Romantik zögert. Magisches Denken ("Die wilde Ehe bringt Glück, das Standesamt Pech") ist so wenig ein guter Ratgeber wie die Lösung eines bürokratischen Problems ein Heiratsgrund. Karl und Michelle müssen noch eine Weile über die Chancen einer wilden Heirat träumen und denken.