40 Jahre "Lonely Planet" Wir sind nie mehr allein
Vor 40 Jahren erschien der erste Band des alternativen Reiseführers Lonely Planet. Gibt es heute noch Geheimtipps? Ein Gespräch mit Verlagsgründer Tony Wheeler und Sebastian Heinzel vom Reiseportal Tripwolf
© Jörg Brüggemann/Ostkreuz

Eine Backpackerin am Trapez über dem Nam-Song-Fluss in Vang Vieng.
DIE ZEIT: Mr. Wheeler, in Ihrem allerersten, vor 40 Jahren erschienenen Reiseführer Across Asia on the Cheap erwähnen Sie die three Ks, die damals kaum ein Tourist, aber so gut wie jeder Traveller besuchte. Herr Heinzel, wissen Sie, was die drei K sind?
Sebastian Heinzel: Nein, keine Ahnung.
Tony Wheeler: Tja, die spielen auch längst nicht mehr dieselbe Rolle wie damals. Das Buch handelte vom sogenannten Hippie Trail, der Überlandroute nach Südostasien. Meine Frau Maureen und ich waren 1972 sechs Monate lang über die Türkei, den Iran, über Afghanistan, Indien und Thailand bis nach Australien gereist – wie eine Menge Aussteiger auf Zeit vor uns. Ein paar Orte auf dieser Route besuchte so gut wie jeder, die gehörten gewissermaßen zum Kanon, namentlich die drei K: Kabul, Kathmandu und Kuta Beach auf Bali. Dort gab es Cafés oder Restaurants, wo sich alle sehen ließen, die auf dem Hippie Trail unterwegs waren, zum Beispiel Sigi’s in Kabul, ein Restaurant, das ein Deutscher aufgemacht hatte. Da gingen alle Schnitzel essen.
ZEIT: Kabul verschwand Ende der siebziger Jahre von der Traveller-Liste...
Wheeler: ...wurde aber bald durch ein neues K ersetzt: Khaosan Road in Bangkok. Die galt bei unserem ersten Besuch noch nicht viel. Damals übernachteten Traveller meist im zehnstöckigen Malaysia, einem Hotel, das lange Zeit vor allem GIs für ihren Urlaub vom Vietnamkrieg gebucht hatten. Der Krieg ging aber seinem Ende zu. Die Hotelbetreiber suchten eine neue Klientel – und entdeckten die Rucksackreisenden. Die zahlten zwar weniger, brauchten aber auch kein Einzelzimmer. Das neue Geschäftsmodell funktionierte – bis alle weiterzogen zur Khaosan Road.
ZEIT: Waren Sie selbst damals ohne Reiseführer unterwegs?
Wheeler: Es gab noch keine Reiseführer mit praktischen Informationen für Leute wie uns, die lange Zeit mit wenig Geld weitab vom Schuss unterwegs sein wollten. Wir reisten mit Tipps aus einer kuriosen Loseblattsammlung namens Bit Guide. Das waren hektografierte und zusammengeheftete Informationen, die aus Briefen von Travellern stammten und von einer Londoner Underground-Selbsthilfeorganisation vertrieben wurden. Wir hatten ja selbst auch nicht vor, einen Reiseführer zu schreiben. Bis wir dachten, wir könnten mit so einer Veröffentlichung vielleicht unsere eigene Reiselust finanzieren.
ZEIT: Sie, Herr Heinzel, hatten anfangs einen ähnlichen Plan, nicht wahr?
Heinzel: Ja, aber ich dachte gleich an eine Art Blog, obwohl es so etwas eigentlich noch gar nicht gab. Das war 1996, ich war 18 Jahre alt und wollte mit drei Freunden von Istanbul aus einmal rund ums Mittelmeer reisen. Wir mussten unseren Plan leider bereits an der libyschen Grenze aufgeben, weil wir, naiv, wie wir waren, nicht die obligatorische arabische Übersetzung unserer Pässe dabei hatten.
ZEIT: Wenn Sie rechtzeitig einen ordentlichen Reiseführer gelesen hätten...
Heinzel: Wir waren sehr jung und hatten nur Reiseführer aus den Regalen unserer Eltern dabei, mit vielen bunten Bildern von römischen Ruinen, aber ohne praktische Informationen. Die mussten wir jeweils mühevoll vor Ort zusammensuchen. Wir wussten gar nicht, dass es andere Reiseführer gab – bis schwedische Backpacker uns ihren englischen Let’s Go- Guide zeigten. Das war wie eine Offenbarung: Hey, so was gibt’s also auch! Nach unserer Rückkehr planten wir, zahlungskräftige Sponsoren für ein Internetreisetagebuch zu finden, einfach um weiter unterwegs sein zu können. Daraus wurde allerdings nichts. 1997 steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Ich hatte gerade erst eine eigene E-Mail-Adresse bekommen.
ZEIT: Viele Daten suchen sich Reisende heute im Internet. Mit praktischen Informationen können Reiseführer kaum noch punkten.
Wheeler: Das stimmt. Ich war kürzlich auf dem Karakorum Highway zwischen Pakistan und China unterwegs. Der Lonely-Planet-Band über den Highway ist drei Jahre alt. Eine Neuauflage ist nicht in Sicht. Kaum jemand reist nach Pakistan, also bleibt der Verlag auf den Büchern sitzen. Vor zwei Jahren hat ein Erdrutsch den Highway über mehrere Kilometer unpassierbar gemacht. Darüber muss man sich tatsächlich online informieren.
Heinzel: Ich erinnere mich an einen Schlüsselmoment, der auch zur Gründung unseres Reiseportals Tripwolf beitrug. Ende 2004 musste ich als Journalist Hals über Kopf nach Kiew, um über die Orangene Revolution zu berichten. Vor dem Abflug lief ich in einen Buchladen, kaufte den Lonely Planet über die Ukraine, riss mir, um Gewicht zu sparen, die Seiten über Kiew einfach raus und machte mich auf den Weg. Das Material war hilfreich, aber manche Hotels waren inzwischen geschlossen, einige Telefonnummern galten nicht mehr. Und ich dachte: Nun sind wir schon im Wikipedia-Zeitalter – warum muss ich 20 Euro für ein Buch bezahlen, das ich erst auseinanderreiße, um dann noch festzustellen, dass es bereits veraltet ist?
Wheeler: Klar, im Internet kann man jederzeit alles Nötige aktualisieren. Aber es muss eben auch gemacht werden. Und meine Erfahrung ist: Im Internet steht eine Menge veraltetes Zeug, um dessen Aktualisierung sich niemand kümmert. Außerdem mögen Sie noch so viele verstreute Informationen finden, die Ihnen irgendwie behilflich sind – einen ordentlichen Reiseführer haben Sie damit noch längst nicht ersetzt. Das Kiew-Kapitel des aktuellen Lonely-Planet-Bandes über die Ukraine könnten Sie inzwischen übrigens auch separat als E-Book-PDF herunterladen.
ZEIT: Ursprünglich hatte der Lonely Planet eine klare Zielgruppe: die alternative Traveller-Szene, die vom Geist der Hippiebewegung durchdrungen war. Diese Bewegung gehört der Vergangenheit an. Bedauern Sie das?
Wheeler: Ich bedauere etwas anderes. Damals sagten sich viele junge Leute einfach: Ich schmeiß meinen Job hin und reise für eine Weile. Die waren sich sicher, dass sie nach ihrer Rückkehr schnell wieder Arbeit finden würden. Heute sind viele zu Recht besorgt, dass sie nach einer solchen Auszeit womöglich gar keinen Job mehr kriegen. Früher haben sich haufenweise Leute nach der Uni auf den Weg gemacht. Inzwischen stehen viele nach dem Examen mit derart hohen Schulden da, dass sie sich gar keine längere Reise mehr leisten können.
Heinzel: Andererseits sind Fernreisen deutlich günstiger geworden, vor allem durch die Billigflieger. Viel mehr Menschen kommen viel weiter herum. Und was Studenten angeht: Das Erasmus-Programm sorgt sehr früh für eine Menge internationaler Kontakte. Ich habe während meines Erasmus-Jahrs in Spanien Leute aus ganz Europa kennengelernt. In den meisten europäischen Hauptstädten brauche ich keinen Reiseführer mehr, da habe ich Freunde. Und wenn ich weiter weg fliege, geben mir Freunde eine Menge Tipps. Zu Ostern war ich das erste Mal auf Bali – zehn Leute aus meinem Bekanntenkreis waren schon vor mir da. Diese erhöhte Mobilität, gekoppelt mit Angeboten wie Facebook, Twitter, Tripwolf oder auch Couchsurfing, machen es einem heute sehr leicht, die passenden Orte, Leute oder Kontakte zu finden.
- Datum 02.02.2013 - 13:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.1.2013 Nr. 05
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Natürlich gibt es immer solche und solche. Aber alle Backpacker über einen Kamm zu scheren ist doch schon arg plump.
Wieviele Touristen fahren nach Mallorca, um die schöne Landschaft zu genießen und sie es sich dorthin leisten können, weil z.B. die Flüge nach Mallorca noch recht günstig zu haben sind.
Diese Menschen jetzt alle als Ballermann-Urlauber zu pauschalisieren wäre genauso schwachsinnig, wie allen Backpackern vorzuwerfen, sie würden es nur des Sex, Drugs & Rumgeprahles wegen machen.
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bin mitten in einer Großstadt in der glühenden dämmerung über einen see gepaddelt, der See gehörte mir in diesem Moment, live-jazz von hinten, war irre, nennt man wohl romantisch, nur in deutschland. vielleicht spießig, für arme leute, mir egal, ich war abgehoben, ohne drogen;-)...
in deutschland. ohne bedeutung, aber wirklich schön:)in deutschland.
Ich finde es traurig, Zeit und Geld für Auslandsurlaube zu verschwenden, in denen dann keine tieferen Einsichten, Erfahrungen mitgenommen werden. Da sehe ich mir doch lieber einen schönen Bericht auf Arte und Co. an, oder lese entsprechende Bücher. "Zeit"reisen gefallen mir auch. Lediglich Essen und Landschaft anderer Menschen Länder zu konsumieren, primitiven Bedürfnissen nach zu kommen finde ich dekadent.
Ein schönes Interview zu einem interessanten Thema! Ich habe jahrelang für einen Veranstalter von sog. Work and Travel Aufenthalten gearbeitet. Ich kann Ihnen sagen, die Nachfrage ist enorm und steigt jährlich. Die jungen Menschen von heute gehören zur ersten Generation, die sich, was das Reisen betrifft, wirklich frei entfalten kann. In einer globalisierten Welt sind die Stichworte "Auslandserfahrung", "interkulturelle Kompetenz" und natürlich Fremdsprachenkenntnisse immens wichtig für den Lebenslauf und jeder versucht, irgendwie mal ins Ausland zu kommen. Wir haben unseren Kunden damals immer den Lonely Planet empfohlen. Das Resultat sind eben "kommerzialisierte Individualreisen". Man glaubt, bei Work and Travel Neuseeland ein Nischenprodukt gebucht zu haben, weil Mutti den Nachbarn im Dorf stolz erklärt, dass Sohnemann bald die weite Welt erkunden will. Kaum ist man aber vor Ort, wimmelt es nur von Gleichgesinnten - bestenfalls alle mit dem LP in der Hand. Ganz abgesehen davon glaube ich, dass in der heutigen globalisierten Internetwelt kein "Geheimtipp" lange geheim bleibt. Irgendwann wird auch das letzte Indiovolk im Amazonas auf abenteuerlustige Backpacker auf der Suche nach dem ultimativen Spot oder Trail treffen.
Im Übrigen habe ich 2012 mutig meinen Job beim o.g. Veranstalter gekündigt, um ein Vierteljahr durch Mittelamerika zu reisen. Inzwischen bin ich schon seit sechs Monaten auf Jobsuche, bald bei Hartz IV, aber bereut habe ich meinen Schritt nie.
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