Auslandseinsätze Ernstfall in Mali
Die Bundesregierung will sich aus militärischen Konflikten am liebsten raushalten. Auf die Dauer geht das nicht.
© Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Französische Soldaten im malischen Diabaly
Inniger geht’s nimmer. Angela Merkel sagt Du zu François Hollande, anlässlich gemeinsamer Beschwörung der deutsch-französischen Freundschaft vor Jugendlichen im Kanzleramt. Berlin und Paris, lautete die Botschaft der Élysée-Vertrags-Feierlichkeiten, bleiben auch nach 50 Jahren all dies: der Motor, das Tandem, das couple Europas. Wie schön.
Zur selben Zeit kämpfen über 2.000 französische Soldaten in Mali ganz allein auch für europäische Sicherheitsinteressen. Wie unschön.
Frankreichs Streitkräfte versuchen nach einem Hilferuf der malischen Regierung, den Vormarsch von Islamisten aus dem Norden des Landes zu stoppen. Die Bundesregierung hat zwei Transportflieger geschickt, um Soldaten aus den Nachbarländern nach Mali zu fliegen.
2.000 Soldaten aus Frankreich und zwei Transall-Maschinen aus Deutschland – dieses Ungleichgewicht kann zweierlei bedeuten: Entweder ist François Hollande ein Hitzkopf, der keine Ahnung hat, worauf er sich da einlässt. Oder die Regierung Merkel kann sich nicht dazu durchringen, einen Krieg mitzukämpfen, der auch aus deutscher Sicht legitim und richtig ist. Der Sozialist Hollande hat, so viel steht fest, bisher keinen ausgeprägten Ruf als Bellizist.
Natürlich kann es klug sein, einen Krieg selbst dann nicht zu führen, wenn er beides ist, legitim und richtig. Dann etwa, wenn die Folgen der Intervention schlimmer auszufallen drohen als die Folgen des Nichtstuns. Syrien ist ein solcher Fall; dort ist die Lage nach zwei Jahren Bürgerkrieg völlig entfesselt. In Mali ist die Lage (noch!) anders: Schätzungsweise 1.200 islamistische Milizionäre, Tuareg und frustrierte junge Malier haben sich zum Ziel gesetzt, einen Schariastaat zu errichten, um ungestört ihren kriminellen Geschäften nachgehen zu können. Dazu gehören Drogen- und Menschenschmuggel, Geiselnahmen und Terror. Flüchtlinge aus Nordmali berichten von Strafamputationen und Erschießungen; einige Salafisten drohen mit Anschlägen in Europa. Nur eine Ländergrenze vom Mittelmeer entfernt, versucht eine religiös-fanatische Mafia, die den Westen hasst, sich einen Herrschaftsbereich zu sichern. Welche Bedrohungen aus einer Allianz afrikanischer Taliban erwachsen können, führte das Mörderkommando in der algerischen Gasförderanlage In Amenas vor Augen.
Der deutsche Außenminister unterstützt folgerichtig mit großer rhetorischer Entschlossenheit (»Mali darf keine Heimstatt des Weltterrorismus werden«) das Eingreifen der Franzosen. Bloß, wenn das alles so ist, wenn es um die Verhinderung einer handfesten Bedrohung für Europa geht, um Menschenrechte, und wenn der UN-Sicherheitsrat die Intervention einhellig begrüßt, warum schließt derselbe Guido Westerwelle dann den Einsatz deutscher Kampftruppen kategorisch aus? Natürlich ist die Ausschließerei bei ihm immer der erste Reflex, weil er weiß, dass die große Mehrheit der Deutschen keine neuen Bundeswehreinsätze will. Aber erstens kann das für eine weitsichtige Außenpolitik nicht das einzige Kriterium sein. Und zweitens sollte die Bundesregierung dann keine europäische Sicherheitspolitik mehr anpreisen. Die britische Regierung reagiert genau umgekehrt: Eben weil sie in Afrika eine ähnliche Entwicklung befürchtet wie im Afghanistan der neunziger Jahre, schließt sie gar nichts aus. Jetzt, nicht später, besteht die beste Chance, einen größeren, womöglich langwierigen Krieg zu verhindern. Dabei sollte Deutschland helfen.
Sicher, man darf Sorge haben vor einer Entgrenzung des Einsatzes in Mali. Das Konfliktgebiet ist so groß wie Texas; ähnlich wie in Afghanistan kann es passieren, dass man die Gegner zwar immer wieder zurückschlägt, aber eben kaum je schlägt. Kriegsverläufe sind nicht vorhersehbar. Doch wer sich davon lähmen lässt, wer an militärischen Missionen nicht auch die Herausforderung akzeptiert, Ungewissheiten zu bewältigen, der möge seine Streitkräfte ehrlicherweise von jedem Auslandseinsatz abmelden. Man kann das machen. Die bündnisfreie Schweiz tut es. Liechtenstein hat seine Armee 1868 ganz aufgelöst.
Viele europäische Nachbarn erwarten von Deutschland ein anderes Selbstverständnis, mehr noch – ein neues Selbstbewusstsein. Deutschland ist nicht die Schweiz der EU, es ist Europas »unverzichtbare Nation«, wie es unlängst der polnische Außenminister Radek Sikorski formulierte. Sein ehemaliger französischer Amtskollege Hubert Védrine fragt beinahe verzweifelt, warum es Deutschland nicht endlich akzeptiere, »auch in anderen Bereichen« als auf dem Feld der Euro-Rettung eine angemessene Rolle zu spielen: »Es kann doch nicht darin verharren, seine Geschichte zu bewältigen.«
Als Deutschland und Frankreich 1963 ihren Freundschaftsvertrag abschlossen, tat Charles de Gaulle das mit der Absicht, ein »europäisches Europa« zu schaffen: eines, das militärisch unabhängig sein sollte von Amerika. Daraus wurde nichts, weil die Deutschen im Kalten Krieg auf den Schutzschirm der USA setzten. Diesen Schutzschirm ziehen die USA nun zurück. Ein »europäisches Europa« ist damit so notwendig wie nie. Ohne Deutschland allerdings wird aus der EU niemals eine ernsthafte, selbstständige Ordnungsmacht werden. Alors, amie!
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- Datum 31.01.2013 - 10:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.1.2013 Nr. 05
- Kommentare 82
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"Erstaunlich auch, dass hierzulande verständlicherweise dem Rechtsextremismus gewehrt wird, aber die gleichen Menschen sich gegen eine Eindämmung radikalislamischer Terrorgruppen wenden."
Ich für meinen Teil habe nicht das Geringste gegen die Eindämmung radikalislamischer Terrorgruppen. Aber genauso wenig, wie ich es begrüßen würde, würde man in Deutschland Rechtsextreme mittels Lenkraketen oder KSK-Truppen hinrichten, begrüße ich militärische Einsätze im Ausland - noch dazu, wenn der Nutzen derart fragwürdig ist.
Das Prinzip sagt, dass von Deutschland, mit seiner nationalsozialisten Vergangenheit, kein Krieg mehr ausgehen darf. Dem kann man grundsätzlich zustimmen, nein, das ist sogar zu begrüssen.
Der Fall Mali, wie auch der Fall Afghanistan, stellt sich allerding etwas anders dar. In beiden Fällen ist der Krieg nicht von deutschem Boden ausgegangen, sondern von afghanischem und, wenn man weiter passiv das Geschehen in Mali beobachtet hätte, auch von malischem Boden.
Ohne Zweifel, sind die Ursachen für Terror und Gewaltherrschaft vielfältig. Die aufgeführten Faktoren, wie wirtschaftliche und kulturelle Diskriminierung sind fragelos entscheidend, aber nicht als alleinige Begründung zu bewerten. Es muss meines Erachtens zur Kenntnis genommen werden, dass das Modell des islamischen Terrorismus eine gewisse Eigendynamik erlangt hat, nicht überall, aber unter anderem in Mali. der Zustand des Landes erlaubte letztendlich nur noch die Option, die logistische Basis und die bestehenden Strukturen zu zerstören und zwar mit militärischen Mitteln, um Schlimmeres zu verhindern.
Deutschland versperrt sich dieser Logik und es ist zu erahnen, aus oben genanntem Prinzip. Das Prinzip blendet aber die Realitäten aus, die einen meist immer wieder einholen.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/ls
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/ls
Eigentlich ist es sehr traurig.
Jeder Krieg ist doch nur eine riesige Geldmaschine. Jeder weiß es.
Deutschlands größte Industrie ist?
Es gibt nicht einen Politiker, nicht einen, der was gegen den Waffenhandel sagt. Ich möchte behaupten, trotz der 10 Hitler Filme, die täglich gezeigt werden, hat hier keiner was dazugelernt. Es ist schade, dass wir auf so ein Niveau gezogen werden.
Hier wird uns was von TerrorGefahr erzählt, wer holt denn den Terror her?
Der entsteht doch wohl durch die "Waffendealer".
Schlaft schön ... weiter.
"Jeder Krieg ist doch nur eine riesige Geldmaschine. Jeder weiß es.
Deutschlands größte Industrie ist?"
Das meinen Sie doch hoffentlich nicht ernst?
Deutschlands größte Industrie?
Der Rüstungsexport Deutschlands beläuft sich auf knappe 2 Milliarden € pro Jahr, knapp 0,2% der deutschen Exporte...
Die Gelddruckmaschine scheint defekt zu sein.
"Jeder Krieg ist doch nur eine riesige Geldmaschine. Jeder weiß es.
Deutschlands größte Industrie ist?"
Das meinen Sie doch hoffentlich nicht ernst?
Deutschlands größte Industrie?
Der Rüstungsexport Deutschlands beläuft sich auf knappe 2 Milliarden € pro Jahr, knapp 0,2% der deutschen Exporte...
Die Gelddruckmaschine scheint defekt zu sein.
Deutschland ist eine der größten Industrienationen und profitiert selbst viel von Sicherheit und Stabilität. Es liegt daher in unserem ureigensten Interesse, das Mali nicht zu einer frühmittelalterlichen Diktatur, angeführt von unberechenbaren, religiösen Fanatikern wird.
Außerdem ist es immer leicht den Kopf in den Sand zu stecken und sich aus allem rauszuhalten. Aber wir gehören nun einmal zu dieser Welt und tragen daher auch Verantwortung für sie. Also übernehmen Sie Verantwortung!
Im übrigen lassen sich die Folgewirkungen eines militärischen Engagement niemals vorhersehen. Das liegt in der Natur der Sache...
macht Ihren Beitrag und dessen Aussagen nicht eben sinnvoller!
Flössen jene Milliarden und Billionen Dollar/Euro, die jährlich in die von Ihnen offenbar als Garant von "Sicherheit und Stabilität" präferierten weltweiten Militärhaushalte "investiert" wurden und werden,
stattdessen in Bildung, Forschung und friedliches MITEINANDER der Völker,
wären Beiträge wie der Ihre längst ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit!
So aber sind sowohl IHR Beitrag, als auch das "Denken", Waffen trügen in irgendeiner wie auch immer gearteten Form, zu einer friedlicheren Welt bei, leider immer noch der Beweis daß "Dinosaurier" offensichtlich doch nicht ausgestorben sind bzw. sich weigern, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen!
PS: Das letzte Ausrufezeichen habe ich übrigens mit gewisser Freude gesetzt.
MfG
biggerB
macht Ihren Beitrag und dessen Aussagen nicht eben sinnvoller!
Flössen jene Milliarden und Billionen Dollar/Euro, die jährlich in die von Ihnen offenbar als Garant von "Sicherheit und Stabilität" präferierten weltweiten Militärhaushalte "investiert" wurden und werden,
stattdessen in Bildung, Forschung und friedliches MITEINANDER der Völker,
wären Beiträge wie der Ihre längst ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit!
So aber sind sowohl IHR Beitrag, als auch das "Denken", Waffen trügen in irgendeiner wie auch immer gearteten Form, zu einer friedlicheren Welt bei, leider immer noch der Beweis daß "Dinosaurier" offensichtlich doch nicht ausgestorben sind bzw. sich weigern, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen!
PS: Das letzte Ausrufezeichen habe ich übrigens mit gewisser Freude gesetzt.
MfG
biggerB
Natürlich hat Mali Uran. Natürlich hat der Westen ein wirtschaftliches Interesse. Natürlich sind die Aufständischen Verbrecher. Problematisch ist es immer nur moralische Motive anzugeben. Der einzige Zweck ist es, Stabilität zu erreichen, ganz gleich wer diese ausübt. Alles andere ist nur Augenwischerei. Auch aus morlaischen Gründen kann Stabilität gut sein. Aus pragmatischer Sicht kann ich dem Artikel nur zustimmen. ABER: MIt dieser Bundeswehr kann man eh nur Wasserträger fungieren (siehe Truppenstärke und Einsatzfähigkeit; Patriotraketen brauchen einen Monat um den türkischen Luftraum zu schützen etc.) Europa muss lernen auf eigenen militärischen Füßen zu stehen und nicht nach 1 Woche keine Munition mehr zu haben (Lybien).
Die beiden deutschen Patriotbatterien sind seit dem 28.Januar einsatzbereit, die erste der insgesamt sechs von Deutschland, den USA und den Niederlanden eingesetzten Patriotbatterien war seit dem 26.Januar einsatzbereit (eine der beiden niederländischen Batterien)...
Das deutsche Kontingent besteht aus rund 300 Fahrzeugen (darunter jede Menge LKWs), dass es nicht möglich ist innerhalb von 1-2 Tagen einen derartigen Konvoi von Deutschland in die Türkei zu schaffen dürfte klar sein.
Außerdem gilt es natürlich mit der Türkei und den anderen beteiligten Ländern vorab die Stationierungsorte/Unterkunft/usw. zu klären.
Die beiden deutschen Patriotbatterien sind seit dem 28.Januar einsatzbereit, die erste der insgesamt sechs von Deutschland, den USA und den Niederlanden eingesetzten Patriotbatterien war seit dem 26.Januar einsatzbereit (eine der beiden niederländischen Batterien)...
Das deutsche Kontingent besteht aus rund 300 Fahrzeugen (darunter jede Menge LKWs), dass es nicht möglich ist innerhalb von 1-2 Tagen einen derartigen Konvoi von Deutschland in die Türkei zu schaffen dürfte klar sein.
Außerdem gilt es natürlich mit der Türkei und den anderen beteiligten Ländern vorab die Stationierungsorte/Unterkunft/usw. zu klären.
füher war das der irak, afghanistan, jetzt mali und gleichzeitig auch bald syrien!
fällt ihnen da nichts auf?
Da steht drin was die Bundeswehr darf und nicht
würde Mali überhaupt jemanden in Europa interessieren, wenn die nicht Uran Hauptliefernat wären?
Dort ist ein Putsch Regime an der Macht.
Was legitimiert uns dort ein zu greifen.
Wir haben da nichts zu suchen und erst recht nichts zu finden.Wir sind nicht die Guten dort!
Wenn der Autor dieses Artikels meint dort unten müssten für Uran Menschen sterben, soll er selber dahin gehen und den Rest in Deutschland in Ruhe lassen!
zu zitieren halte ich schon für ein starkes Stück!
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