MartensteinÜber das Berufsziel "Sparkassendirektor"

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Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

This column is about a David Bowie song. Die Feindseligkeit, die reichen Leuten manchmal entgegenschlägt, verstehe ich nicht. Jeder wäre doch gerne reich. Nicht jeder kann es sein – na und? Schöne Menschen, gesunde Menschen und begabte Menschen erträgt man doch auch, obwohl das ebenfalls ungerecht verteilt ist. Übrigens, wenn sie mir morgen von dem, was ich für die Kolumne kriege, 75 Prozent wegsteuern, dann mache ich es wie Gérard Depardieu, ich pinkele als Erstes in ein Flugzeug, und anschließend wandere ich aus, allerdings nicht nach Russland. Mir schwebt eher die Karibik vor.

In letzter Zeit ist der Sparkassendirektor zum Feindbild der deutschen Gesellschaft geworden. Jeder Sparkassendirektor verdient mehr als ein namhafter Kolumnist. Und, jammere ich vielleicht? Die haben im Einstellungsgespräch besser verhandelt, mehr sage ich dazu nicht. Interessant ist die Tatsache, dass es sogar bei den Sparkassendirektoren ein soziales Gefälle gibt und, wie immer, sehr viel Ungerechtigkeit. Der bestverdienende Sparkassendirektor Deutschlands leitet, nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa, die Sparkasse Münsterland Ost und bekommt jährlich 593.000 Euro, brutto. Moers (312.000) liegt im Mittelfeld. Der am miesesten bezahlte Direktorenjob befindet sich angeblich in Gronau, Westfalen (215.000). Gronau ist das Neukölln der Sparkassendirektoren.

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Wenn ich jung wäre, würde ich, statt rumzujammern, eher überlegen, ob und wie ich Sparkassendirektor werde. Es gibt ein erstaunlich breites Angebot an Ausbildungsplätzen zum Sparkassenkaufmann. Es dauert vier Jahre, man muss Abitur haben. Wichtig sind »Zielstrebigkeit« und, zumindest ein bisschen, »Denkvermögen«. Viele Menschen, die ich kenne, erfüllen diese Kriterien. Die Stellenanzeige der Nord/LB klingt wie eine Einladung in die Karibik: »Ihre Zukunftsperspektiven sind rosig! Arbeit muss Spaß machen.« Und: »In Outdoor-Erlebnis-Seminaren trainieren unsere Auszubildenden Kommunikationstechniken.« Outdoor-Erlebnis-Seminare werden angehenden Kolumnisten auch nicht geboten.

Ich habe mich unter dem Pseudonym Holger Martenstein, geboren am 15.10.1994, bei Azubiyo im Internet um einen Ausbildungsplatz beworben. Als Erstes musste ich den Eignungstest machen. Ich sollte immer von zwei Eigenschaften diejenige ankreuzen, die eher auf mich zutrifft. Also, ich kann bestimmt eher »etwas präsentieren« als »Farben und Formen zu einem harmonischen Ganzen kombinieren«. »Ich kann gut Reparaturen ausführen«? Nein, gar nicht. Deshalb habe ich die Alternative »Ich bin stets offen für Verbesserungsvorschläge« angekreuzt. Manchmal trafen beide Möglichkeiten nicht auf mich zu. Ich werde weder »von anderen gern als Vermittler herangezogen«, noch mache ich »selten Flüchtigkeitsfehler«. Da habe ich einfach gelogen. Wahr ist, dass ich mich »für spannende Themen begeistern kann« und »vielfältige Interessen besitze«. Im Eignungstest für künftige Sparkassendirektoren kriegt man mit so was Topwerte in »Analytische Fähigkeiten«. Bei »Sorgfalt und Genauigkeit« liege ich wegen meiner Flüchtigkeitsfehler leider hinten, die »Entscheidungsfreude« ist bei mir immerhin mittel.

Wenig später traf ein Angebot der Stadtsparkasse Düsseldorf ein. Da könnte ich morgen als Sparkassendirektor in spe anfangen, kein Witz. Meine Abi-Noten habe ich übrigens wahrheitsgemäß angegeben, inklusive der Vier in Mathe. Ersatzweise gab es ein Angebot von Peek & Cloppenburg, allerdings als Verkäufer. Aber ich nehme Düsseldorf. We can be heroes, just for one day.

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Leserkommentare
  1. Aber man sollte Dinge nicht verdrehen, um lustig sein zu können. Die 75% Steuern greifen nicht auf Einkommen, so wie sie es suggerieren, sondern auf Vermögen, und dann erst ab einem sehr hohen Freibetrag. Und ich glaube nicht, dass das problem darin liegt, dass die Menschen die Reichen hassen, sondern eher darin, dass aufgrund des Zinseszinseffektes das Privatvermögen immer stärker wächst und das Geld dann auf der Staatsseite und bei den unteren 90% (!) fehlt. Mich ärgert es nur wenn einige Reiche das nicht einsehen wollen, dass sie einen Teil ihres Reichtums nicht ihren eigenen Fähigkeiten zu verdanken haben, sondern dem System. Ich sehe einfach keine andere Möglichkeit, im großen Maße Schulden abzubauen als über die riesigen Privatvermögen...oder haben sie ne bessere Idee? Abgesehen davon mag ich ihre Kolumnen sehr ;)

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    Deshalb erfordert Ihr Kommentar eine Richtigstellung:

    Es ist tatsächlich keine Enteignung des Vermögens in Höhe von 75% nach Abzug von Freibeträgen geplant, sondern eine höhere Besteuerung für große Einkommen, also für sogenannte Einkommensmillionäre. Das sind Menschen, die jährlich 1 Million Einkommen beziehen.

    http://www.sueddeutsche.d...

    Sparkassendirektoren würden mangels ausreichendem Einkommen nicht unter diese Besteuerung fallen, wenn sie in Deutschland eingeführt werden würde.

  2. Lieber Holger, für eine Ausbildung bei der Sparkasse mag es ja reichen, "gut präsentieren" zu können und Flüchtigkeitsfehler nur bisweilen zu machen - aber zum Direktorposten führt höchstwahrscheinlich mal wieder nur das gute, alte Vitamin B.

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  3. 9. Danke

    Jetzt verstehe ich das mit der Zwangsrundfunksteuer etwas besser...

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    • ascola
    • 25. Januar 2013 0:00 Uhr

    Ob Peer Steinbrück nun wirklich gejammert hat, ist ja sehr umstritten. Seine Verteidiger sagen, das sei ihm so in den Mund gelegt worden, aus dem Zusammenhang gerissen usw.. Ansonsten interessanter Beitrag, der sich endlich mal des bislang im Dunklen gebliebenen großen Unbekannten in der ganzen Steinbrück-Debatte, des Sparkassen-Direktors annimmt und interessante Fakten zutage fördert.
    Den Zusammenhang zu David Bowie nachzuvollziehen bereitet mir mehr Mühe als das Job Profile zu verstehen, um das es hier geht. Vielleicht etwa so: Leute, wagt das Heldentum, werdet - zumindest für einen Tag, Kolumnist? oder: Politiker, ihr werdet für die bescheidene Entlohnung durch ein heldenhaftes Leben genug entschädigt, oder: ihr seid Helden, weil ihr auf dieses Gehalt verzichtet? oder doch vielleicht: die wahren Helden sind die Sparkassen-Azubis? Oder doch mehr: über Bowie schreibt ja gerade eher, da konnte Martenstein gleich zwei aktuelle Themen aufgreifen und mit dichterischer Freiheit verbinden?

    2 Leserempfehlungen
  4. "Der bestverdienende Sparkassendirektor Deutschlands leitet, nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa, die
    Sparkasse Münsterland Ost und bekommt jährlich 593.000 Euro, brutto.
    Moers (312.000) liegt im Mittelfeld.
    Der am miesesten bezahlte Direktorenjob befindet sich angeblich in Gronau, Westfalen (215.000)."
    Quelle: obiger Martenstein-Text

    "Trivia
    Im August 2010 wurde bekannt, dass Piel als WDR-Intendantin im Jahr 2009
    352.000 Euro verdiente (308.000 Euro plus Zulagen).
    Der Barwert ihrer Altersversorgung beläuft sich auf 2,14 Millionen Euro."
    Quelle: http://de.wikipedia.org/w...

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    Jetzt verstehe ich das mit der Zwangsrundfunksteuer etwas besser...

  5. sind nun mal das einzige wichtige bei allen Banken.

    Weil sie den Kunden etwas aufschwatzen müssen, was für die Bank viele Provisionen bringt.

    Da wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

    Außer daß die Intelligente Mittelschicht sich zu den Online-Banken davonschleicht und die Unterschicht für die Beraterbanken übrigbleibt.

    Weil letztere viel Arbeit machen und weniger Geld haben wird es bald keine Sparkassen mehr geben.

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  6. Deshalb erfordert Ihr Kommentar eine Richtigstellung:

    Es ist tatsächlich keine Enteignung des Vermögens in Höhe von 75% nach Abzug von Freibeträgen geplant, sondern eine höhere Besteuerung für große Einkommen, also für sogenannte Einkommensmillionäre. Das sind Menschen, die jährlich 1 Million Einkommen beziehen.

    http://www.sueddeutsche.d...

    Sparkassendirektoren würden mangels ausreichendem Einkommen nicht unter diese Besteuerung fallen, wenn sie in Deutschland eingeführt werden würde.

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte David Bowie | Abitur | Ausbildungsplatz | Nachrichtenagentur | Sparkasse | Stellenanzeige
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