Sucht : Der Seelenfresser

Immer mehr Deutsche verfallen der Modedroge Crystal Meth. Ermittler fordern jetzt Taten von der Politik.

Auf den ersten Blick sieht der Stoff aus wie ein Schneekristall, winzig und unschuldig. Crystal Meth heißt die neue Modedroge, abgeleitet von seinem chemischen Namen N-Methylamphetamin. Crystal Meth ist eine synthetische Droge, sie wird nasal eingenommen oder geraucht. Sie ist die ideale Einstiegsdroge: billig, einfach zu konsumieren (durch die Nase oder in Tabak), leicht zu verstecken. Die Droge wirkt ähnlich wie Kokain. Sie putscht auf, hält wach, vertreibt Hunger und hebt die Laune. Und sie wirkt potenziell tödlich. Trotz seiner Gefährlichkeit breitet sich Crystal Meth mit einer Geschwindigkeit über Deutschland aus, der die Polizei kaum etwas entgegensetzen kann.

»Wir beobachten eine Steigerung des Konsums, des Verkaufs und der Produktion, die sich über ganz Deutschland erstreckt«, sagt ein Beamter. »Die Entwicklung ist beängstigend.« Bei einer Fahndungsoffensive, die den Codenamen »Operation Speedway II« trug, haben deutsche und tschechische Polizisten und Zollfahnder soeben knapp 1,2 Kilogramm Crystal Meth sichergestellt. 130 Beamte waren dafür von Juli bis Dezember 2012 im Einsatz. Ein Gramm Crystal Meth (Marktwert etwa 70 Euro) kann laut Zollkriminalamt in bis zu 40 Konsumeinheiten aufgeteilt werden. Die Fahnder haben also 48.000 Trips verhindert.

Ein Erfolg, sicher, aber keiner, der die Drogenfahnder beruhigt. Bisher gingen die Ermittler davon aus, dass Crystal hauptsächlich in Tschechien produziert und über die Grenze nach Deutschland geschmuggelt wird. Inzwischen wissen sie: Die Route über Tschechien ist nur eine von vielen. Neue Ermittlungen zeigen, dass große Mengen aus Westafrika nach Deutschland geschafft werden. Die Grundstoffe liefern Chinesen nach Nigeria, dort werden die Chemikalien in Untergrundlaboren verarbeitet, die fertige Droge wird per Luftfracht nach Deutschland geliefert.

Anders als Kokain zerstört Crystal Meth die Nervenzellen, und es macht schneller abhängig, oft schon nach der ersten Nutzung. Der körperliche Entzug dauert ein paar Tage oder Wochen, die psychischen Folgen, Depression oder Verfolgungswahn, können über Jahre anhalten.

»Dem ersten Kick jagt man immer hinterher«, sagt ein Drogenpatient

Was die Droge aus ihren Konsumenten macht, sieht man in der Bezirksklinik Hochstadt bei Bamberg. Sie hat sich auf die Behandlung von Crystal-Abhängigen spezialisiert. Sieben Männer und drei Frauen sitzen in einem Stuhlkreis, eine davon ist die Psychologin Annegret Sievert. Der Reihe nach erzählen die Patienten von ihrem Wochenende, die meisten haben es »draußen« verbracht. Andreas M. (Name geändert, Anm. d. Red.), Mitte 20, ist der Vorletzte in der Runde. Er sei auf einer Party gewesen, sagt er, habe beobachtet, wie Junkies »rumkiefern«, ihre Zähne aufeinanderreiben.

Ob er selbst »Suchtdruck« habe, fragt die Therapeutin.

»Nein. Ich fand das lustig, zu sehen, wie ich mal drauf war«, sagt er. »Und abschreckend.«

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Kommentare

58 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

So einfach ist es auch nicht

Ich finde, so kann man das nicht sagen:
"Bitte...bitte nicht wieder das Internet verantwortlich machen. Schulchemie reicht aus um den Vorgang der wenigen Reaktionsschritte nachzuvollziehen."
DOCH, das Internet ist wohl daran schuld. Stellen sie sich mal vor, es gäbe das Web nicht. Auch dann bräuchte der "Koch" das "Rezept".
Schwer vorstellbar, dass ohne Internet jemand den Lehrer, Mitschüler oder Freunde nach solch einem Rezept fragen würde....

Schlechter Umkehrschluß

Wenn Sie meinen Kommentar aufmerksam gelesen hätten wäre Ihnen vlt. auch aufgefallen, das ich von Interessierten & "Szene" geschrieben habe. Und da ist es unerheblich ob mit oder ohne Internet, die Info's gab & gibt es dort auf Abruf aus dem Effeff...
Für Menschen, die sich für egal was interessieren ist die Informationsbeschaffung im Internetzeitalter natürlich um einiges einfacher/schneller.