Andreas ist seit drei Monaten Patient in Hochstadt. Der älteste Patient war 62 Jahre alt, die Jüngsten haben mit zwölf Jahren angefangen mit dem Crystal-Konsum. Alle gesellschaftlichen Schichten sind betroffen. Crystal Meth ist nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge weltweit. Bis zu 24 Millionen Menschen, schätzen die Vereinten Nationen, benutzen es bereits.

Vielen Crystal-Abhängigen sieht man ihre Sucht nicht an. In den USA sollen Bilder von ausgefallenen und verfaulten Zähnen potenzielle Konsumenten abschrecken. Solche Gesundheitsfolgen sind Realität, in Deutschland allerdings selten sichtbar, denn Krankenkassen zahlen die Behandlung. Auch der Hautausschlag, den viele Abhängige anfangs bekommen, verschwindet nach ein paar Wochen.

Wenn Andreas M. seine Geschichte erzählt, spricht er in kurzen Sätzen. Er ist ruhig, lässt keine Gefühlsregung erkennen. Vielleicht liegt das daran, dass er Medikamente gegen seine depressive Stimmung bekommt. Vielleicht aber auch daran, dass er seine Geschichte selbst noch nicht ganz versteht.

Alles begann damit, dass sein Kollege immer etwas fitter war als er. Andreas sehnte sich nach Energie. Er kaufte seinem Kollegen etwas Crystal ab, fuhr nach Hause, schnupfte eine line und ging feiern. Was er dann erlebte, kann er nicht in Worte fassen. Er sagt nur: So gut wie beim ersten Mal wurde es nie wieder. Und: »Dem ersten Kick jagt man immer hinterher.«

Anfangs nahm er Crystal nur vor dem Feiern. Dann, um auf der Arbeit fit zu sein, und abends, um die Erschöpfung zu verdrängen. Dann jeden Tag. Er schlief kaum noch, nahm dreißig Kilo ab. Obwohl er bei seinen Eltern wohnte, bemerkten sie nichts.

Andreas gab monatlich etwa 1.000 Euro für Crystal aus, verdiente aber nur 1.200 Euro. Er begann zu dealen. Und er kaufte eine Pistole, um sich gegen Kunden zu schützen, »die Stoff wollten, nicht zahlen konnten und aggressiv wurden«.

Zwei Jahre nach Andreas’ erstem Trip durchsuchte die Polizei das Haus seiner Eltern. Erst da bemerkten diese, dass ihr Sohn Drogen nahm. Immer wieder versuchte er von diesem Zeitpunkt an aufzuhören. Immer wieder scheiterte er.

Crystal Meth ist kein neues Phänomen in Deutschland. Schon während des Zweiten Weltkriegs konsumierten Kampfpiloten und Heeressoldaten den Wirkstoff, aus dem Crystal besteht, um die Angst vor dem Tod zu vertreiben. Die Tabletten wurden damals »Panzerschokolade«, später auch »Hitler-Speed« genannt. Wegen ihrer geringen Dosis waren Wirkung und Folgen aber deutlich harmloser als heute bei Crystal Meth.

Vor 50 Jahren putschte sich der deutsche Boxer Jupp Elze vor dem Europameisterschaftskampf gegen Juan Carlos Duran mit Crystal auf. So konnte er 150 Kopftreffer einstecken – anschließend fiel er ins Koma und starb an einer Hirnblutung. Auch der ehemalige Tennisprofi Andre Agassi hat zugegeben, bis 1997 Crystal konsumiert zu haben. Die Droge passe zum Zeitgeist, sagt eine der fünf Therapeutinnen in Hochstadt: Höher, schneller, weiter, das sei nun mal angesagt.

Nach einem internen Bericht des Zollkriminalamtes haben Sicherheitsbeamte im vergangenen Jahr etwa 26,5 Kilogramm Crystal sichergestellt. 2009 waren es noch 600 Gramm. Das ist ein Anstieg um das 44-Fache. Im ersten Halbjahr 2011 wurden 67 Verfahren wegen illegalen Crystal-Konsums und -Verkaufs registriert, ein Jahr später waren es schon fast 100 Verfahren. Das kann bedeuten, dass die Fahnder effizienter arbeiten. Es kann aber auch heißen, dass immer mehr Menschen in Deutschland von Crystal abhängig sind.

Eines Tages sei sein bester Freund von einem Crystal-Junkie erstochen worden, sagt Andreas M. »Mein erster Gedanke war: Den bring ich um.« Dann dachte er sich: »Wenn ich jetzt nicht aufhöre, lande ich entweder im Knast oder auf dem Friedhof.« Andreas M. entschloss sich, in eine Klinik zu gehen. Drei Wochen brauchten die Ärzte, um seinen Körper zu entgiften. Als er zurück nach Hause kam, wurde er rückfällig. Ohne strenge Therapie kann der Konsum zum Tod führen. Es fehlt aber nicht nur an geschulten Therapeuten in Deutschland, sondern an Aufklärung. Zwar weist sowohl die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, als auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen, EBDD, in ihren Jahresberichten 2012 auf die Verbreitung synthetischer Drogen in Deutschland und Europa hin. Abgesehen davon aber, ist wenig passiert.