MyanmarTanzen für einen höheren Zweck

In Myanmar werden seit Jahrhunderten die Geister verehrt und mit Festen bei Laune gehalten. Ein Partybesuch in Rangun. von 

Manches können die Geister einfach besser. Feste feiern zum Beispiel. Auf Reisen nach Myanmar hatte ich oft von ihnen gehört, ihre Statuen gesehen, Lieder vernommen, in denen die nats besungen werden. Nie aber hatte ich sie zu fassen bekommen. Es war, als erwischte ich immer nur ihren Rockzipfel, während sie gerade um die Ecke bogen, forteilten in ihre Geisterwelt.

37 nats bevölkern das Pantheon der Myanmarer, ein Haufen schillernder Gestalten, die über große Kräfte verfügen – und bei Laune gehalten werden wollen. Der Glaube an sie ist ein Erbe aus animistischer Zeit, als die Menschen Flüsse und Berge verehrten. »Liebe Buddha, doch fürchte die nats«, sagt man in Myanmar. Wie aber hält man Geister bei Laune? Indem man ihnen Feste ausrichtet, ausschweifende, ohrenbetäubende Feiern, bei denen Geistermedien mit all ihrer Kunstfertigkeit die nats beschwören. Nat wives nennt man sie, Geistergattinnen. Diesmal sollen sie mir nicht entgehen.

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In Myanmar gibt es immer irgendeinen, der irgendeinen kennt, der schließlich irgendetwas organisiert. Einen Guide zum Beispiel, der Kontakte zu Geistertänzern herstellen kann. Das Telefonat am Abend zuvor war wenig aufschlussreich gewesen. Der Guide nuschelte etwas von spiritual tour in den Hörer, der Rest verlor sich in Rauschen und sehr unterschiedlichen Auffassungen des Englischen.

Am Morgen steht ein runder, lächelnder Mann vor meinem Hotel. Er setzt nicht groß zu Erklärungen an, sondern bringt mich direkt zu einem großen Wohnhaus mitten in Rangun, weiß und grün gestrichen. Offensichtlich wohnt hier jemand mit Geld. »Win Hlaing, der berühmteste der nat wives«, flüstert mein Guide andächtig. In Paris und in der Schweiz soll er schon aufgetreten sein. Vom Balkon winken uns lachend Transvestiten zu, Win Hlaings Tänzergruppe. Eine nat wife kommt selten allein, stets wird sie von ihrer Entourage begleitet.

Draußen raubt die Hitze den Atem, drinnen ist es dunkel und kühl. Eindämmern möchte man, sich in den Nachmittag legen wie in eine Hängematte, wäre da nicht ein Orchester, das einen ohrenbetäubenden Lärm veranstaltet. Es ist ein Zischen, Hämmern, Tröten, Jaulen, ein Sirren wie von hundert Zikaden, ein Trommeln wie im Monsun. Langsam schälen sich Umrisse aus dem Dunkel. Etwa 50 Menschen haben sich hier versammelt, sie sitzen auf dem Boden, die Köpfe wiegend, sie sind gekommen, einer nat phwe beizuwohnen, einem Geisterfest. Wann immer die Geister jemandem einen Wunsch erfüllen, hat er sie mit einer Feier zu ehren. Andernfalls wäre ihm ihre Rache sicher.

Auf dem Altar an der Frontseite des Saals reiht sich eine nat- Statue an die andere: Mädchen und alte Männer, feine und grobe Gesichter, mit Blumengirlanden geschmückt. Süßer Orchideenduft tränkt den Raum. Keiner der Zuschauer schert sich um die neuen Gäste. Sie haben Wichtigeres zu tun. Denn da, alle wenden die Köpfe, kommt er auch schon: Win Hlaing, der berühmteste Geistertänzer von Rangun, in Prinzenrobe, mit Krone und rot-goldenem Umhang.

Seine Statur und sein Gesicht gehören eindeutig zu einem kräftigen 50-jährigen Mann. Und doch sind sie nur ein Werkzeug, mit dem er spielt, wie es ihm beliebt. Als sei es ganz gleich, in welchem Körper er geboren wurde. Ein Chamäleon, das mit jedem Trommelschlag die Farbe wechselt. Mal ist er ein Mädchen, das unschuldig die Augen aufschlägt, mal eine Matrone, kalt, arrogant, herrschsüchtig. Sekunden später ist er ein mutiger General. Fast alle der 37 nats werden an diesem Tag in ihn fahren. Und wie sie es tun! Denn Win Hlaing ist ein meisterhafter Tänzer.

Jetzt verkörpert er Ko Gyi Kyaw, den furiosesten aller Geister. Ein Spieler und Trinker, den der Alkohol ins Grab gebracht hat. Mächtig ist er. Weißt du seine Gunst zu gewinnen, verleiht er dir Glück im Spiel, Erfolg im Geschäft, die Liebe der Männer oder der Frauen, alles, was du dir nur zu erträumen wagst. Verspielst du sie aber ... denk gar nicht daran.

Seit Jahrhunderten begleiten die nats Myanmars Geschichte. Die meisten von ihnen sind historische Persönlichkeiten, deren Schicksal in Legenden verklärt wurde. Jeder Geist hat seinen eigenen Charakter, seine Vorlieben und Laster: Einer war dem Opium zugetan, der andere dem Palmschnaps. Der eine liebte mit Lust, der andere hasste mit Leidenschaft. Meist starben sie eines gewaltsamen Todes und wurden vom König hingerichtet.

Keinen der nats verehrt das Publikum jedoch so sehr wie Ko Gyi Kyaw, den spielsüchtigen Streiter, der den Hahnenkampf liebte, den Jäger, Elefantenbezwinger, Teufelskerl. Und Win Hlaing gibt alles. Streckt das Bein in die Höhe, dreht Derwischrunde um Derwischrunde, lässt seine Arme fliegen wie Schmetterlinge, stoppt dann mitten im Tanz, geblähte Nüstern, Wut im Blick, als drohe er, uns alle zu verschlingen. Und jetzt: Trommelwirbel, Zikadensirren, der Höhepunkt. Win Hlaing tanzt den Hahnenkampf, in der einen Hand den goldenen Hahn, in der anderen die Wettschale. Tanzt die Sucht, das Adrenalin, Spielerfreud und Spielerleid. Und weil der ganze Tag von einem Höhepunkt zum nächsten taumelt, trabt jetzt auch noch ein Tänzer im Elefantenkostüm herbei, den Ko Gyi Kyaw in dramatischer Schlacht bezwingt.

Win Hlaing nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche, danach verköstigt er großzügig das Publikum. Wer noch nicht betrunken ist vom Farbenrausch, der ist es jetzt vom Johnny Walker. Was für eine nat phwe, was für ein Geisterfest! Nach dem Tanz heften ihm die Gläubigen Scheine ans Kostüm, bis er am Ende aussieht wie ein Weihnachtsbaum, mit Geld geschmückt. Viel Geld, denn heute hat eine einflussreiche Kaufmannsfamilie zur nat phwe geladen, um den nats für die erfolgreichen Geschäfte zu danken. 

Kann man sich einen größeren Gegensatz vorstellen als den zwischen weltentsagendem Buddhismus und einem Geisterglauben, der all die Wirren, Leidenschaften und Laster des Diesseits umarmt. Und doch gehört in Myanmar beides zusammen, was einer politischen Finte König Anawrahtas (1044 bis 1077) zu verdanken ist. Bereits während seiner Herrschaft hingen die Myanmarer einer hybriden Form des Buddhismus an, die auch den Geistern ihren Platz ließ. Als der König die nat- Verehrung unterbinden wollte, drohten ihre Anhänger mit Rebellion. Anawrahta gab sich geschlagen und bot einen Kompromiss an: Geister ja, aber bitte geordnet! 36 nats wurden in ein offizielles Pantheon erhoben. Einen 37. Geist erklärte er zu ihrem König: Thagyamin, eine Hindu-Gottheit, die einst Buddha ihre Aufwartung machte. So unterstanden die nats fortan gewissermaßen dem Buddhismus.

Während einer Feierpause fordert Win Hlaing mich mit einem Winken auf, ihm in seine Gemächer zu folgen. Wir steigen eine schmale Treppe hinauf in einen Raum, in dem sich ein Dutzend Männer schminkt und kämmt, Kostüme anlegt, flüstert und kichert. Mit einem Kopfnicken bittet das Medium in sein Ankleidezimmer. Sein Blick signalisiert: Die Königin gewährt eine Audienz! Im Raum steht ein großes Himmelbett, Kostüme und Kopfschmuck hängen auf Ständern, der Boden ist übersät mit wertvollem Geschmeide. »Da«, sagt Win Hlaing, während er mir in hohem Bogen Halsketten, Gürtel, Haarkränze vor die Füße wirft: »alles Gold. Wir sind die nat wives der High Society.« Er blättert durch seinen ausgebuchten Kalender, »hier, an diesem Abend bin ich bei... aber schreib den Namen nicht, du weißt schon, einem der reichsten Männer des Landes.«

Win Hlaing trägt jetzt ein einfaches Männerunterhemd und den longyi, den traditionellen Wickelrock, sein Haaransatz beginnt weit hinten am Kopf. Tief ist seine Stimme, männlich, und doch spricht viel Weiblichkeit aus ihr. Ebenso wie aus seinen Gesten, seinem Blick. Selbst wenn er bei sich ist, scheint ihn alle paar Minuten eine andere Figur zu durchschreiten: Diva, gläubiger Buddhist, Kerl, Mädchen und müder Mann. Der Wandel vollzieht sich in Windeseile. Und immer dann, wenn man glaubt, ihn zu fassen, ist er schon wieder ein anderer.

Win Hlaing erzählt von seinem Leben. Wie er mit acht das erste Mal eine nat phwe besuchte und verzaubert war. »Ich wollte sofort eine nat wife werden, ich habe die Verbindung gespürt.« Mit 16 schmiss er die Schule, um sich seinen Traum zu erfüllen. Die Eltern weinten und klagten. Win Hlaing lebte fortan bei Freunden. Mal hier und mal dort. Begierig, alles in sich aufzusaugen, lernte er bei den großen Tänzern des Landes – die Geschichten, die Charaktere, die Tänze der nats. Mit 25 schon war er so erfolgreich, dass er sich ein Haus kaufen konnte. »Inzwischen ist meine Familie stolz auf mich«, sagt Win Hlaing.

Warum es vor allem Schwule und Transvestiten sind, die in Myanmar als nat wives arbeiten, will ich wissen. Die Frage berührt ein enormes Tabu, doch Win Hlaing verzieht keine Miene: »Weil es weibliche und männliche nats gibt und Schwule kein Problem damit haben, beide zu tanzen.« Er legt das nächste Kostüm an, bindet es sorgfältig mit einer Schleife zusammen, dann sagt er: »Wenn du schwul bist und nat wife wirst, bekommst du Respekt. Einen Platz in der Gesellschaft, die dich ansonsten nur auslachen und kritisieren würde. Es ist deine Chance, ein Leben zu haben.« Unten rast das Orchester. Win Hlaing setzt seinen aufwendig gearbeiteten Wasserbüffelhut auf und springt auf, um weiterzutanzen. Mit Hähnen zu kämpfen, Elefanten zu bezwingen, zu gewinnen, zu verlieren und sich im Kreis zu drehen wie ein Derwisch. Immer weiter, immer wilder. Bis tief in die Nacht.

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Leserkommentare
  1. in unserer zivilisierten Welt; wie krank ist das denn!

    Bei meinen Besuchen in Myanmar habe ich als 'zivilisierter' Westeuropäer erleben dürfen, wie Religion und Riten das alltägliche Leben quer durch alle Bevölkerungsschichten inklusive der herrschenden Klasse prägt. Meine Freunde dort sind trotz widriger Lebensumstände meines Erachtens glücklicher als wir im Westen. Einfach ausgedrückt es sind andere Werte im Leben die die Menschen zu ihrem Handeln veranlassen. So ist Buddha und auch die Nats Teil ihres Lebens, Respekt vor dem Leben und Fürsorge für den Mitmenschen selbstverständlich.

    Myanmar öffnet sich nun, ich bin mir nicht sicher ob dieser Schritt nicht die Gefahr birgt, andere Nats in das Land zu lassen, die nicht mit Tanzen zu erfreuen sind.

    Unsere westlichen Nats sind die Gier nach Macht, Reichtum und Einflussnahme. Leider hat noch kein Tanz diese beruhigen können. Im Gegenteil, wir sind denen verfallen.

    Ich kehre meine sentimentale Seite nun raus und wünschte mir, das Buddah und Nats immer im Bewusstsein der Menschen dort bleiben und ihr Leben prägen.

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