Gunter Gebauer"Fürst der Finsternis"

Der Philosoph Gunter Gebauer über die Folgen von Lance Armstrongs Fall für den gesamten Sport von 

DIE ZEIT: Wie bewerten Sie das Geständnis von Lance Armstrong?

Gunter Gebauer : Er will selbst das Umklappen seines positiven Bildes in ein negatives kontrollieren. Er stellt sich neben sich und sagt, er sei ein ganz schlechter Charakter, ein furchtbarer Typ. An die Stelle vom Mythos der Lichtgestalt des Radsports tritt nun der Fürst der Finsternis, der Nachtmythos des Antichristen, desjenigen, der die Welt des Bösen kommandiert. Der Spitzensport wird ja seit etwa 30 Jahren immer stärker mythologisiert. Der Sprintweltrekordler Usain Bolt etwa spricht ständig davon, eine Legende sein zu wollen. Ja, was ist denn das für eine Ausdrucksweise!? Früher hat man so etwas bestenfalls augenzwinkernd getan, als Zeichen eines aufgeklärten, fröhlichen Katholizismus: Meine Geschichte könnte wahr sein, muss es aber nicht. Das hat sich geändert. Sporthelden werden in eine Sphäre weit weg vom Menschlichen katapultiert.

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Gunter Gebauer
Gunter Gebauer

In seinen Büchern und Essays befasst sich der Sportphilosoph Gunter Gebauer mit dem Mythos der Olympischen Spiele sowie anthropologischen und soziologischen Fragen des Sports. Er ist Dauergast beim Philosophischen Armdrücken von ZEIT ONLINE.

ZEIT: Warum?

Gebauer: Weil wir nirgendwo mehr Persönlichkeiten haben, die charismatische Führer sind. Im Sinne von Max Webers »charismatischer Herrschaft« – Menschen, die die Legitimität für Führung allein daher bekommen, dass sie andere mitreißen, dass sie mit allem, was sie tun, außergewöhnlich sind. Der Wunsch nach solchen Figuren ist groß. In der Politik gibt es sie aber nicht mehr, zumindest nicht in Demokratien. Da sind sie derartig demoliert und klein gemahlen, dass man jede Hoffnung auf überzeugende Führung aufgegeben hat. Das ist einerseits gut, weil man nicht hinter Rattenfängern herläuft. Andererseits ist es ein großer Mangel in einer kompliziert gewordenen Welt, weil es so wenige Hinweise gibt, wie die Gegenwart gemanagt und die Zukunft gestaltet werden kann. Und der Sport stößt in diese Lücke.

ZEIT: Mit seiner Botschaft, dass es allein darum geht, besser als alle anderen zu sein.

Gebauer: Ja, der Sport ist eine grausame Welt. Sie ist nur dadurch zu rechtfertigen, dass dort Regeln eingehalten werden – genau wie in der Politik. Wenn eine Partei um Mitternacht einen Sitz mehr bekommt, muss die andere Partei diesen Sieg akzeptieren. Das ist grausam, aber dadurch legitimiert, dass man von vornherein den Regeln zugestimmt hat. Der Kapitalismus funktioniert auch nicht anders: Man akzeptiert, dass eine Firma die Konkurrenz möglicherweise in den Ruin treibt. Das ist grausam, aber so ist unsere Gesellschaft verfasst, und wir sind übereingekommen, das zu akzeptieren. Beim Sport ist der große Vorteil, dass – im Gegensatz zur Wirtschaft oder Politik – in jeder Saison die Karten neu gemischt werden.

ZEIT: Armstrong hat seinen Sport über 15 Jahre hinweg dominiert – und dabei permanent gelogen. Wie hält man das aus? Ist das eine Form von Schizophrenie?

Gebauer: Ich denke, das ist eine Art von Selbstsuggestion. Er muss sich nur zutiefst einbilden, dass das, was er aufgebaut hat, Realität ist. Es gibt ja so etwas wie einen kollektiven Wahn: Man bringt eine große Gruppe dazu, eine bestimmte Sichtweise zu akzeptieren. Dazu gehören in diesem Fall nicht nur die Fahrer, sondern auch der Welt-Radsportverband UCI, die Veranstalter der Tour, die mitreisenden Journalisten, die Zuschauer. Sie alle waren bereit, diesen kollektiven Wahn mitzutragen.

ZEIT: Ist das Publikum also in gewisser Weise der Helfershelfer beim Betrug?

Gebauer: Das Publikum will einen absoluten Herrscher. Armstrong hat diese Sehnsucht erfüllt. Man darf nicht vergessen, dass gerade Radrennen seit eh und je Spektakel sind, bei denen die Abgrenzung zwischen Jahrmarkt, großer Show, Werbeveranstaltung und Sport fließend sind. Radfahren auf diesem Niveau ist extrem hart, egal ob gedopt oder nicht. Das Publikum ist gar nicht darauf aus, nur eine saubere Leistung zu bekommen, sondern es will sich alles Mögliche bieten lassen.

ZEIT: Einer der größten Sportler der letzten 50 Jahre ist auch der größte Betrüger. Welche Auswirkungen hat das auf den gesamten Hochleistungssport?

Gebauer: Selbst aus dem Geständnis wurde noch eine große Show gemacht, die Voyeure anzieht, die sich den Sport allein unter dem Gesichtspunkt des Spektakels anschauen. Auch in den Beschreibungen der deutschen Zeitungen erkennt man den wohligen Schauer, diesem Delinquenten zugucken zu dürfen bei seinem Versuch, Herr im Ring zu bleiben. Nur ein kleiner werdender Teil des Publikums ist angewidert vom Betrug und reagiert empfindlich auf übermäßige Inszenierung, Spektakularisierung, Kommerzialisierung. Ein größerer Teil delektiert sich daran; so wie mit wohligem Vergnügen das viele Geld bestaunt wird, das in den Fußball fließt.

ZEIT: Und auf der Seite der Sportler? Wird Armstrongs Fall potenzielle Doper abschrecken?

Gebauer: Das Geständnis selber bewirkt gar nichts. Als die Radfahrer vom Team Telekom ein bisschen Doping gestanden, gab es Tränen, ein paar ermahnende Worte, und die Sache war ausgestanden. Viele Sportverbände, die durch die TV-Präsenz ihrer Stars reich geworden sind, machen bei diesem kollektiven Wahn mit. Stellen Sie sich vor, es würde herauskommen, dass Usain Bolt gedopt ist. Das wäre für die Olympischen Spiele, das IOC und die gesamte Leichtathletik die totale Katastrophe. Also muss man damit rechnen, dass so etwas eben nicht herauskommt. Wirkung erzielen nur unabhängige Institutionen wie jetzt die amerikanische Justiz, die Betrüger vor Gericht bringt, wo sie schwören müssen. Und wer einen Meineid leistet, kommt ins Gefängnis wie die Sprinterin Marion Jones. Ihr Fall hat die Doper sehr erschüttert – hinter Gitter will kein Spitzensportler.

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Leserkommentare
  1. Charismatische Führer, weibliche und männliche, finden wir zuhauf; ob der kompetente Einsatzführer einer Polizeieinheit, der Führer in einem zweier oder dreier Team wie z.B. einer Rettungsstaffel usw. usw. Diese Führer reiten nicht auf der Popularitätswelle sondern sind die stillen Mitmenschen mit Charisma, weil sie Vorbild sind mit Ihrer Kompetenz, und weil sich die Mannschaften und die Betroffen „blind“ auf ihre Führer verlassen können und umgekehrt. Ja die Führer mit Charisma finden wir immer unter uns.
    Unsere Gesellschaft wäre arm, wenn wir sie nicht hätten- die stillen Führer.
    B.B.

    • Rychard
    • 31. Januar 2013 18:44 Uhr

    etwas anders als darüber zu philosophieren, mit oder ohne Hilfsmittel ..

  2. Man merkt es H. Gebauer an, dass er selbst noch nie Hochleistungssport getrieben hat und sich jetzt mit seiner billigen Küchenpsychologie hinstellt und so tut als verstünde er etwas davon. Wenn man für dieses Gequatsche schon einen Lehrstuhl braucht, dann gute Nacht deutsche Uni.

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    Ich finde das Interview sehr erhellend. Mit Charisma hat Gebauer ja nicht die vielen kleinen Helden des Alltags gemeint, sonder ein Charisma, das auf eine ganze Gesellschaft oder sogar darüber hinaus strahlt. Das Bedürfnis danach ist durchaus unangenehm, aber wohl kaun zu leugnen.

    Für seine Argumentation ist es völlig unerheblich, ob Gebauer selbst Sportler war. Deshalb nur zu Ihrer Information: Er war ein nicht ganz untalentierter Leichtathlet.

  3. Ich finde das Interview sehr erhellend. Mit Charisma hat Gebauer ja nicht die vielen kleinen Helden des Alltags gemeint, sonder ein Charisma, das auf eine ganze Gesellschaft oder sogar darüber hinaus strahlt. Das Bedürfnis danach ist durchaus unangenehm, aber wohl kaun zu leugnen.

    Für seine Argumentation ist es völlig unerheblich, ob Gebauer selbst Sportler war. Deshalb nur zu Ihrer Information: Er war ein nicht ganz untalentierter Leichtathlet.

    Antwort auf "Kein Sportler"

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  • Schlagworte Lance Armstrong | Doping
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