Aufstand gegen den Zar : Der letzte Kampf
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Am 22. Januar wird der Aufstand ausgerufen, Monate vor dem geplanten Zeitpunkt

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre schien sich in Russland eine neue Ära anzukündigen. Alexander II. verfügte 1861 die Entlassung der Bauern aus der Leibeigenschaft und ging daran, sein Reich zu reformieren. Auch in Polen begann er die Fesseln zu lockern. Politische Gefangene erhielten die Freiheit zurück, neue Hochschulen entstanden. Dennoch kam es erneut zu Unruhen; über Warschau wurde der Belagerungszustand verhängt. Im Mai 1862 schließlich ernannte der Zar seinen als liberal geltenden Bruder Konstantin zum Vizekönig. Die Regierung der Zivilverwaltung wurde Alexander Wielopolski übertragen. Der Graf, 1803 bei Lodz geboren, sann auf Ausgleich und predigte seit 1848 ein enges Zusammengehen der »beiden größten slawischen Nationen«.

Natürlich ohne Erfolg. Für die meisten Polen war Wielopolski nichts als ein Kollaborateur. Großfürst Konstantin Nikolajewitsch agierte derweil zunehmend hilflos. Der Zarenbruder, dessen Truppen noch 1849 den Habsburgern dabei geholfen hatten, den ungarischen Freiheitskampf niederzuschlagen, polonisierte zwar Polizei und Gerichte und stellte de facto die Rest-Autonomie von 1815 wieder her. Doch verstand er es nicht, den Adel für sich zu gewinnen, und scheiterte mit seiner Strategie, die aufbegehrende Jugend zu »neutralisieren«. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Polen erneut erheben würde. Schon im Sommer 1862 kam es zu Attentaten auf Konstantin und Wielopolski; beide überlebten.

Viel schneller als geplant schlägt die Stunde: Als Wielopolski zur Jahreswende 1862/63 eine langjährige Wehrpflicht verfügt, mit der Polens rebellische Söhne zum Dienst in der Armee des Zaren gezwungen werden sollen, drängt alles zur Tat. Das konspirative Zentralkomitee der »Roten« in Warschau, das seit dem Sommer im Untergrund agiert und an der Vorbereitung der nationalen Erhebung arbeitet, glaubt, nicht länger zögern zu dürfen. Am 22. Januar ruft es den Aufstand aus, Monate vor dem geplanten Zeitpunkt. Die militärische Führung ist General Ludwik Mierosławski zugedacht, der an der Seite Garibaldis für Italiens Einheit und Freiheit stritt und 1849 die badischen Freiheitskämpfer anführte.

Es ist ein Hasardspiel. Es fehlt an Vorbereitung, an jeder militärischen Organisation. So gerät der Aufstand rasch zum Guerillakrieg, der über einige örtliche Überraschungserfolge nicht hinauskommt. Mierosławski selber, der von Preußisch-Polen aus eingreift, muss sich zurückziehen. Vergeblich versuchen die Freiheitskämpfer, die russischen Garnisonen auszuschalten, vergeblich versuchen sie, Warschau ganz unter ihre Kontrolle zu bekommen. Auch andere Städte bleiben in russischer Hand.

»Allgemeiner Volkskrieg« lautet jetzt die Parole. Doch die Bauern enttäuschen. Zwar hat ihnen Mierosławski gleich eine umfassende Landreform versprochen, aber zum großen Aufstand kommt es nicht. Das Misstrauen des Landvolks gegen den Adel, gegen die »Herren« sitzt zu tief, als dass die Bauern viel riskieren würden.

Monat um Monat zieht sich der Kleinkrieg hin, erfasst das gesamte russische Polen, Litauen, auch Wolhynien-Podolien in der heutigen Ukraine. Doch gegen das 300.000-Mann-Heer des Zaren haben die insgesamt vielleicht 30.000 polnischen Kämpfer keine Chance.

Die »Roten« sind von Anfang an die treibende Kraft. Die »Weißen« schließen sich zwar dem Aufstand an, wenden sich aber gegen die Ernennung Mierosławskis zum »Diktator«. Nachdem ihm militärisch nichts gelingt, erreichen sie nach wenigen Wochen seine Ablösung. Doch auch ihr Kandidat, General Marian Langiewicz, schafft es trotz einiger Anfangserfolge nicht, das Blatt zu wenden, und flüchtet sich bald nach Österreich. Im November übernimmt Romuald Traugutt die Führung, ein junger ehemaliger Offizier der zaristischen Armee, der sich im Krimkrieg ausgezeichnet hat.

Zur Spitze der »Roten« gehört Jarosław Dąbrowski, der den Aufstandsplan im Sommer 1862 maßgeblich vorangetrieben hat; auch er ursprünglich ein Offizier der russischen Armee. Und Ludwik Żychliński, der wie Mierosławski und Langiewicz mit Garibaldi in Italien kämpfte – und bis 1863 im Amerikanischen Bürgerkrieg für Lincoln und die Union.

Bismarck interessiert nur, Russland und Frankreich zu entzweien

In ihrer Not richten die Freiheitskämpfer all ihre Hoffnung gen Westen. In Paris residiert das inoffizielle Oberhaupt der polnischen Emigration, Fürst Władysław Czartoryski, Sohn des legendären Adam Czartoryski, der wenige Jahre zuvor gestorben ist. Kaiser Napoleon III., so hofft auch er, möge rasch eingreifen, so wie der Kaiser es 1859 in Italien getan hat.

Napoleon passt der Konflikt durchaus in sein ambitioniertes machtpolitisches Spiel. Gleich im Februar 1863 interveniert er in London und Wien zugunsten der Aufständischen. England und Österreich sollen Russland mit ernsten Konsequenzen drohen, falls es in der polnischen Frage nicht beidrehe. Natürlich beißt er damit auf Granit. Im April kommt nur eine lahme diplomatische Note zustande. Der Hof in St. Petersburg reagiert verstimmt und weist den Protest mit warnender Geste zurück: Der Aufstand werde ganz Europa ins Chaos stürzen.

Aber Napoleon gibt noch nicht auf. Öffentlich schlägt er einen internationalen Kongress vor, unter Teilnahme Russlands und Preußens – natürlich in Paris. Aber die potenziellen Teilnehmer lehnen ab. Und obwohl aus allen Ländern Europas Sympathiekundgebungen für die kämpfenden Polen kommen, aus Spanien wie Holland, aus Schweden wie Griechenland, bleibt konkrete Hilfe aus. Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Unterstützung des Freiheitskampfes, mit der Polen fest gerechnet hat, erweist sich als blanke Illusion, als polnische Romantik.

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