Auch aus Deutschland, wo einst Polens Freiheitskämpfer so enthusiastisch gefeiert wurden, wo die Dichter »Polenlieder« schrieben und man gemeinsam mit Polen und Franzosen 1832 in der Pfalz das Hambacher Fest für ein freies und geeintes Europa gefeiert hat, kommt nichts. Die preußische Regierung hat sich – wen wundert’s? – von Anfang an auf die Seite Russlands gestellt. Otto von Bismarck, seit einem knappen halben Jahr preußischer Ministerpräsident, demonstriert Härte. Fürchtet er wirklich, wie er der Öffentlichkeit zu verstehen gibt, der Aufstand könnte auf das eigene Gebiet übergreifen, auf Preußisch-Polen, und die territoriale Integrität Preußens gefährden? Oder geht es ihm nicht vielmehr allein um das Wohlwollen der Regierung in St. Petersburg, die er unter keinen Umständen irritieren will?

Kurz nach Beginn des Aufstands schickt er General Gustav von Alvensleben, der schon mitgeholfen hat, 1849 den badischen Aufstand niederzuschlagen, nach St.Petersburg. Der Generaladjutant des preußischen Königs trifft dort mit Russlands Außenminister eine Vereinbarung: Nach der späterhin sogenannten Alvenslebenschen Konvention ist es russischen Truppen nun erlaubt, polnische Aufständische, die nach Preußisch-Polen fliehen, über die Grenze hinweg zu verfolgen; umgekehrt soll das auch für preußisches Militär gelten.

Die liberale deutsche Öffentlichkeit reagiert mit Unmut. Einmal mehr sieht man sich in der Vermutung bestätigt, dass Bismarck nichts anderes sei als ein erzreaktionärer Handlanger des russischen Absolutismus und der eigentliche Totengräber des heldenhaften polnischen Freiheitskampfes. Ja, er sei mitschuldig an einer »kolossalen, von ganz Europa mit sittlicher Empörung betrachteten Menschenjagd«, wie der große liberale Historiker Heinrich von Sybel es am 26. Februar 1863 Bismarck im Preußischen Landtag in Berlin persönlich vorhält.

Den skrupellosen Machtjongleur indes, der für die Polen bloß abfällige Worte findet, interessiert an der ganzen Krise nur ein einziger Aspekt: Er will Frankreich und Russland auseinanderbringen. Den nahenden Konflikt mit Frankreich schon im Blick, möchte er das Zarenreich in jedem Fall fest an Preußens Seite wissen. Da kratzt ihn der liberale Protest wenig.

Zudem ist das Ende des Aufstandes im Laufe des Sommers 1863 abzusehen. Bereits im Mai wird der wegen seiner Brutalität gefürchtete General Michail Murawjow zum Gouverneur in Wilna ernannt; er soll den Widerstand in den litauischen Provinzen rigoros brechen. In Warschau hat der deutschbaltische General Friedrich von Berg, der als neuer Statthalter an die Stelle des Vizekönigs Konstantin tritt, dieselbe Aufgabe.

Noch bis ins Frühjahr 1864 hinein halten sich Gruppen der Aufständischen. Erst Ende Mai ist alles verloren, Tausende Kämpfer sind gefallen.

Die von Vergeltung besessene russische Regierung in Polen gibt sich der Rache hin, es kommt zu einem regelrechten Massaker. Murawjow und Berg lassen Hunderte Menschen hinrichten, auch den letzten militärischen Führer des Aufstandes, Romuald Traugutt. Tausende werden zu Zwangsarbeit verurteilt und in Strafkompanien gesteckt und mehr als 20.000 Polen nach Sibirien verbannt, darunter Ludwik Żychliński. Seinem Mitstreiter Jarosław Dąbrowski hingegen gelingt es zu fliehen. Der radikale Demokrat geht nach Frankreich und fällt 1871 auf den Barrikaden der Pariser Commune.

Ohne Rücksicht geht man nun dazu über, das Land zu russifizieren. Jede Eigenständigkeit soll ausgelöscht werden, alles politische und kulturelle Leben Polens zum Erliegen kommen. Im Laufe der sechziger Jahre werden etliche Güter und andere Besitztümer konfisziert, viele Menschen ins Exil getrieben. Die polnische Universität in Warschau ist bald rein russisch, im Gerichts- und Verwaltungswesen Polnisch verboten. Auch eliminiert das Zarenregime alles, was an einen polnisch-litauischen Staat erinnern könnte: Das nominell nach wie vor bestehende Königreich Polen, ebenjenes Kongresspolen, ist endgültig Geschichte. Das polnische Gebiet wird zur »Weichselprovinz« degradiert; an die Stelle des Vizekönigs – ein Amt, das noch eine gewisse Selbstständigkeit suggerierte – tritt jetzt ein zaristischer Gouverneur. Zudem geschieht einiges, um Polen und Litauen einander zu entfremden.

Viele Freiheitskämpfer werden postum zu nationalen Legenden

Doch so hart der Zar die Peitsche schwingen lässt, es wird auch Zuckerbrot gereicht. Mit aller Macht versucht die russische Regierung, Polens Bauern für sich zu gewinnen. Bereits im März 1864 übereignet ihnen ein Ukas des Zaren allen Boden, den sie selber bebauen. In den nachfolgenden Jahrzehnten erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Auch in anderer Hinsicht ist die Bilanz des Aufstandes nicht so eindeutig, wie es zunächst scheint. Denn immerhin: Mehr als ein Jahr lang hatte Polen gekämpft. Obwohl alle Hoffnungen zerstoben, so erneuerte der zähe Widerstand doch den Mythos vom heldenhaften Polen. Seine Protagonisten – viele von ihnen als Freiheitskämpfer in ganz Europa bekannt – wurden Teil der nationalen Saga; noch in unseren Tagen gab es die Idee, Romuald Traugutt seligzusprechen.

In jedem Fall stellt der Januaraufstand einen Wendepunkt in der Geschichte des Landes seit 1795 dar. Er war der letzte Höhepunkt der revolutionären Romantik Polens, die einst mit dem großen europäischen Freiheitskämpfer Tadeusz Kościuszko begonnen hatte. 1864 nahmen die Polen Abschied von diesem Traum. Zugleich entstand die Nation neu, wenngleich sie bis 1918 ohne Staat blieb. Polens weißer Adler – tatsächlich ist er der ewige Vogel Phönix aus der Asche.