Aus der alten Großmacht Polen war im Laufe des 18. Jahrhunderts ein Spielball der Mächte geworden, der neuen Mächte zumal: Preußen und Russland. Dreimal – 1772, 1793 und 1795 – wurden große Gebiete des Landes zwischen den Hohenzollern, den Habsburgern und den Romanows aufgeteilt; zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Polen als eigenständiger Staat von der Karte Europas verschwunden.

Doch immer wieder begehrten die Polen auf. Unter der Herrschaft Napoleons schien die Wiedergeburt ihres Staates in greifbare Nähe gerückt, mit dem Untergang des französischen Despoten aber schwand auch diese Hoffnung wieder. Der Wiener Kongress setzte 1815 allen Träumen ein Ende: Der Zar wurde offiziell König von Polen (Kongresspolen), und der Rest an Autonomie, der noch geblieben war, geriet in den Aufständen der unmittelbar folgenden Jahrzehnte oft in Gefahr. Es waren Aufstände sowohl gegen die russische als auch gegen die österreichische und preußische Herrschaft.

Im Januar 1863 kam es zu einer letzten heftigen Erhebung – gegen das Russische Kaiserreich. Dabei hatte Zar Alexander II., der Sohn des im ganzen liberalen und demokratischen Europa verhassten Nikolaus I., nach dem Ende des Krimkriegs 1856 zunächst einen gemäßigten Kurs eingeschlagen, hatte eine polnische Zivilregierung in Warschau gewähren lassen und manche Erleichterung in Aussicht gestellt.

Doch Polens Freiheitssehnsucht ließ sich so nicht stillen. Der Triumph der Italiener im Risorgimento, der im März 1861 zur Errichtung des Königreichs Italien führte, belebte von Neuem die Hoffnung auf eine Wiederkehr des geraubten Staates, zumal man erwartete, Frankreich und England würden intervenieren.

Die polnische Nationalbewegung indes litt unter einer fatalen Schwäche: Ihre soziale Basis war der Adel; für die Bauernschaft hingegen blieb sie weitgehend fremd und ohne Reiz. Dazwischen fehlte ein selbstbewusstes Bürgertum, wie es in anderen Staaten zur treibenden Kraft der Modernisierung geworden war.

Und es gab noch eine weitere Belastung: die rivalisierenden Strömungen innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung. Dies führte zu ständigem Streit. Auf der einen Seite standen die »Weißen«, eine eher moderate, liberale Gruppierung mit starker Beteiligung des Adels, auf der anderen die »Roten«, eine radikaldemokratische Strömung, deren Programm soziale Forderungen umfasste. Damit nicht genug, gab es in beiden Lagern natürlich auch noch jeweils einen rechten und einen linken Flügel. Von einem Programm und einer Taktik konnte folglich keine Rede sein.

Dennoch strahlte der unbändige polnische Freiheitswille weit nach Europa hinein. Polens Dichter wurden überall gefeiert, Adam Mickiewicz’ Losung Für eure und unsere Freiheit!, die schon den großen Aufstand von 1831 begleitet hatte, wurde begeistert zitiert. Die Erinnerung an einen Staat, der sich 1791 als der erste in Europa eine moderne Verfassung gegeben hatte, beflügelte nicht zuletzt jene, die in ihren eigenen Ländern um die Konstitution kämpften.