20 Jahre TocotronicNeues aus dem Hörsaal

20 Jahre Texte, Töne, Theorie: Ein Geburtstagsgruß an Tocotronic, die deutscheste Band der Welt. von 

Das akademische Quartett: Rick McPhail, Arne Zank, Dirk von Lowtzow und Jan Müller (von links)

Das akademische Quartett: Rick McPhail, Arne Zank, Dirk von Lowtzow und Jan Müller (von links)  |  © MIchael Petersohn

Der erste Eintrag im Tagebuch der Band ist ein Diagramm. Eine riesige Zeichnung, hochkomplexe Kritzelei, »SCHEMA« steht dort in Großbuchstaben über Kreisen, Pfeilen, Kästen und Unterkategorien wie »Fußnoten«, »ADG Wohlklang«, »Umschaltung«, »Geklimper«, »Ende«.

Sieht so die Anatomie eines Hits aus?

Im Falle von Tocotronic zeigt sich an der wirren Grafik sogar noch mehr. Nämlich der Grundsatz, dass Musik mehr Theorie als Praxis sein kann. Das »strukturalistische Diagramm«, wie die Band die Skizze von 1993 im Rückblick, quasi als nachgeschobene Metaebene betitelte, sollte den Grundstein ihrer Karriere bilden. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein hieß der Song, der aus dem theoretischen Gerüst entsprang und als ewiger Slogan in die deutsche Musikgeschichte einging. Das »unauthentischste Stück Rockmusik«, wie die Band selbst befand, entstand – »es ist leider wahr« – weder »im Straßenkampf noch im Schwange einer exzessiven Rockshow, sondern während einer langweiligen Vorlesung auf einem Stück Papier«.

Anzeige

Tocotronic sind nie aus dieser Vorlesung herausgekommen. Die Hamburger Studenten von damals sind zwar keine herausragenden Magister oder Doktoranden geworden, aber doch Akademiker geblieben. »Diskursrock« nennt sich ihre Musik, statt »heiße Riffs« zu proben, »schmökerten« sie nun einmal seit je lieber »in Merve-Bändchen«. Anstatt, wie es für Rock- und Indie-Bands üblich ist, nur bei Festivals wie Rock am Ring aufzutreten, geben Tocotronic ebenso selbstverständlich Konzerte bei der Ernst Bloch Gesellschaft, studentische Hausarbeiten widmen sich ihren Songs, Soziologieprofessoren dienen sie als sichere Zitatgeber bei Vorträgen. Wie von keiner anderen Band wird von dieser abgeleitet, wie es um den Zustand einer Generation, des Zeitgeistes, vielleicht sogar des ganzen Landes bestellt ist.


Tocotronic sind Textbesessene. Und damit vermutlich die deutscheste Band der Welt. Sie produzieren die genauesten, durchdachtesten, verkopftesten, verschrobensten und genialsten Texte – Stücke, die sogar ganz ohne Musik konsumierbar sind, die Wörter klingen von alleine.

Zielsicher verstehen Tocotronic sich darauf, das einzufangen, was Begriffe, Phrasen und Satzfolgen nicht nur typisch, sondern nahezu penetrant deutsch klingen lässt. »Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt«, so klingt bei ihnen ein Kompliment. Hier fächert er sich auf, der sound of Germany, der sich nie in andere Sprachen übersetzen ließe: das ungelenk Sachliche, das überflüssig Komplizierte, damit unfreiwillig Lächerliche, das nur verkrampft Selbstbewusste, Ich-Erkundende, Hadernde, pathetisch Aufblühende oder Vergehende. Beiläufig, humorvoll, oft auch gnadenlos anstrengend und überfrachtet, aber immer absolut sicher in ihrem Sprachgefühl arbeiten die vier Popakademiker sich an diesem Material ab, zwanzig Jahre nun schon.

Während dieser Zeit ist eine beachtliche Textteilgalerie entstanden: Vertonte Gedichte (Im Zweifel für den Zweifel) stehen neben Hymnen (Let There Be Rock), Lieder, die wie Durchsagen (Bitte oszillieren Sie), Dialoge (Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk), Manifeste (Pure Vernunft darf niemals siegen) und immer wieder wie Eingeständnisse über die eigene Unzulänglichkeit (Über Sex kann man nur auf Englisch singen) klingen. Der Inhalt ihrer Tagebücher, wie Tocotronic ihre Alben nennen, ist ein regelrechtes Archiv, von Digital ist besser (1995) bis zum Nummer-eins-Erfolg Schall & Wahn (2010).

Und nun, 2013, also: Wie wir leben wollen.

Siebzehn neue Songs haben Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Rick McPhail und Arne Zank aufgenommen, nur zehn Tage verbrachten sie dafür in einem Studio im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, wo sie mit einer Telefunken-Vier-Spur-Tonbandmaschine arbeiten konnten, Originaltechnik von 1958. Musikalisch also ein Experiment, eine Anleihe bei der Vergangenheit. »Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles- und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop-Appeal hin geprüft«, heißt es dazu im kauzigen Duktus wissenschaftlicher Quellenverweise. »Räume werden geöffnet, Diversität zugelassen, Kontrollverlust erlaubt« steht in der Infomappe zum Album, traditionell verquast mit Passiv-Konstruktionen, als wollten sie sich bloß absichern bei dem, was man im Folgenden zu hören bekommt.

Leserkommentare
    • lxththf
    • 24. Januar 2013 11:13 Uhr

    dann, wie man mit nur 13 Worten einen Song machen kann, der ein Sehnsuchtsgefühl ausdrückt, wie es 1000andere nicht könnten "ich möchte irgendwas für dich sein, am ende bin ich nur ich selbst"
    Mal schauen, wie die neue Scheibe ist

    Eine Leserempfehlung
  1. "Stücke, die sogar ganz ohne Musik konsumierbar sind, die Wörter klingen von alleine."
    Dieser Satz beschreibt das Problem, welches ich mit Tocotronic habe: Es geht irgendwie nicht um die Musik.
    Eine ganze Generation von Bands hat sich am Stil der Hamburger Schule orientiert und deshalb ist die deutsche Rockszene (musikalisch) immer noch so uninteressant für viele im Vergleich zu Bands aus Nordamerika, England und Skandinavien.
    Die Texte sind trotzdem gut.

    Eine Leserempfehlung
    • karpo
    • 24. Januar 2013 12:51 Uhr

    "Die deutscheste Band"? Ich nehme an, dass sich die Autorin nicht außerordentlich lange mit dieser großartigen Band auseinandergesetzt hat, denn sonst hätte sie sicherlich nicht das als Kompliment konzipiert, was die Band selbst als vermutlich größte Beleidigung auffassen würde.

    @Gordon Shumway: In vielen Interviews haben die Jungs gesagt, dass sie sich selbst weniger als Musiker sondern vielmehr als Künstler verstehen. Ich denke, dass der Anspruch einer kommerziellen Verwertung im Stile anglo-amerikanischer Bands dann überhaupt nicht mehr gestellt werden kann.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment ist für die Band oder nicht. Aber ich persönlich habe Tocotronic immer als ziemlich spießig und sich selbst und das, was sie tun, als viel zu wichtig nehmend empfunden - also aus meiner Sicht schon sehr deutsch, auch wenn es die Band nicht sein möchte. Um ehrlich zu sein - die Band verkörpert für mich allgemein verdammt viel, was ich als "typisch deutsch" benennen würde, sowohl im Positiven, wie auch im Negativen.

  2. Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment ist für die Band oder nicht. Aber ich persönlich habe Tocotronic immer als ziemlich spießig und sich selbst und das, was sie tun, als viel zu wichtig nehmend empfunden - also aus meiner Sicht schon sehr deutsch, auch wenn es die Band nicht sein möchte. Um ehrlich zu sein - die Band verkörpert für mich allgemein verdammt viel, was ich als "typisch deutsch" benennen würde, sowohl im Positiven, wie auch im Negativen.

    2 Leserempfehlungen
  3. In der Tat ist es unglaublich peinlich, ein Fettnapf geradezu, Tocotronic als "deutscheste Band" zu betiteln... da hat jemand echt so gar keine Ahnung! Noch besser, dann blauäugig die Ablehnung des Fernsehpreises aus besagten Gründen zu erwähnen - Oder soll das versteckte Häme sein? Und das zum Geburtstag, oje.
    Ich finde, die Autorin sollte sich entschuldigen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    „In der Tat ist es unglaublich peinlich, ein Fettnapf geradezu, Tocotronic als "deutscheste Band" zu betiteln... da hat jemand echt so gar keine Ahnung! Noch besser, dann blauäugig die Ablehnung des Fernsehpreises aus besagten Gründen zu erwähnen - Oder soll das versteckte Häme sein?“

    Womöglich ja. Immerhin gilt es ja im Ausland nicht ohne jeden Grund als typisch deutsch, auf keinen Fall typisch deutsch sein zu wollen. Die meisten Deutschen wissen das allerdings nicht und bemühen sich tapfer weiter, bloß nicht typisch deutsch zu wirken. Und tun es gerade damit unfreiwillig doch.

    Trotzdem: Tocotronic waren früher mal eine gute Band, ungefähr bis eins zu eins vorbei war... ;)

  4. „In der Tat ist es unglaublich peinlich, ein Fettnapf geradezu, Tocotronic als "deutscheste Band" zu betiteln... da hat jemand echt so gar keine Ahnung! Noch besser, dann blauäugig die Ablehnung des Fernsehpreises aus besagten Gründen zu erwähnen - Oder soll das versteckte Häme sein?“

    Womöglich ja. Immerhin gilt es ja im Ausland nicht ohne jeden Grund als typisch deutsch, auf keinen Fall typisch deutsch sein zu wollen. Die meisten Deutschen wissen das allerdings nicht und bemühen sich tapfer weiter, bloß nicht typisch deutsch zu wirken. Und tun es gerade damit unfreiwillig doch.

    Trotzdem: Tocotronic waren früher mal eine gute Band, ungefähr bis eins zu eins vorbei war... ;)

    Antwort auf "Unangenehm!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • karpo
    • 24. Januar 2013 15:11 Uhr

    Ich denke, es geht weniger darum, dass man nach außen hin möglichst vermeiden möchte, bestimmte Klischées zu bedienen, als vielmehr darum, dass man das Prädikat "deutsch" nicht als positive Betitelung annehmen möchte. Es sagt nämlich tatsächlich überhaupt nichts aus. Und in diesem Kontext hier - der Artikel ist ja durchaus lobend geschrieben - brauch es nun wirklich nicht auftauchen.

    @Hans Glück: Auf mich wirkten die Bandmitglieder früher auch oft verkrampft. Ich habe sie noch nicht kennengelernt und kann alle meine Eindrücke nur aus Interviews beziehen. Mir hat jedoch vor allem die Folge von "Durch die Nacht mit" mit Dirk von Lowtzow, der von der Band ja am bekanntesten ist, und René Pollesch gut gefallen und von Lowtzow kam wirklich sehr gelassen und bodenständig rüber. Natürlich kann das im echten Leben anders sein, aber das werden wir ohnehin nicht aufschlüsseln können ;)
    Falls du ein paar Minuten Zeit hast, ist hier der Link zu der Episode:
    http://www.youtube.com/wa...

    • karpo
    • 24. Januar 2013 15:11 Uhr

    Ich denke, es geht weniger darum, dass man nach außen hin möglichst vermeiden möchte, bestimmte Klischées zu bedienen, als vielmehr darum, dass man das Prädikat "deutsch" nicht als positive Betitelung annehmen möchte. Es sagt nämlich tatsächlich überhaupt nichts aus. Und in diesem Kontext hier - der Artikel ist ja durchaus lobend geschrieben - brauch es nun wirklich nicht auftauchen.

    @Hans Glück: Auf mich wirkten die Bandmitglieder früher auch oft verkrampft. Ich habe sie noch nicht kennengelernt und kann alle meine Eindrücke nur aus Interviews beziehen. Mir hat jedoch vor allem die Folge von "Durch die Nacht mit" mit Dirk von Lowtzow, der von der Band ja am bekanntesten ist, und René Pollesch gut gefallen und von Lowtzow kam wirklich sehr gelassen und bodenständig rüber. Natürlich kann das im echten Leben anders sein, aber das werden wir ohnehin nicht aufschlüsseln können ;)
    Falls du ein paar Minuten Zeit hast, ist hier der Link zu der Episode:
    http://www.youtube.com/wa...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    „es geht weniger darum, dass man nach außen hin möglichst vermeiden möchte, bestimmte Klischées zu bedienen, als vielmehr darum, dass man das Prädikat "deutsch" nicht als positive Betitelung annehmen möchte. Es sagt nämlich tatsächlich überhaupt nichts aus.“

    Dann sagt es immerhin auch nichts negatives aus... Es würde ja wohl auch niemand z.B. einen MTV Music Europe Award mit der Begründung ablehnen, dass „Europe“ überhaupt nichts aussagt. Insofern empfand ich diesen Auftritt damals eben durchaus als typisch deutsch. Was wiederum völlig neutral gemeint ist. ;)

    „Auf mich wirkten die Bandmitglieder früher auch oft verkrampft.“

    Früher hatte ich allerdings den Eindruck, das „Verkrampfte“ wäre irgendwie selbstironisch gemeint. Spätestens seit Tocotronic ist klar - die meinen das ernst!

    (Eine ähnliche Entwicklung gab es nur noch bei Propaghandi: Deren erstes Album hatte ich auch noch für eine Parodie auf linke Punk-Posen und Floskeln gehalten... Erst hinterher wurde mir bewusst, dass das ernstgemeint war.)

    Mir scheint, dass es sowohl bei der Autorin wie auch bei eingen KommentatorInnen schlicht an einer gewissen Kenntnis über linkspolitische Strömungen mangelt.
    Ich empfehle, mal das Wort "Antideutsche" zu googeln. Und dann "Tocotronic antideutsch" oder so. Und dann "Aber hier leben, nein danke" mit anderen Ohren hören.
    In diesen Kontext gehört das Wort "deutsch" nunmal, wenn man von Tocotronic sprechen will, alles andere geht in dem Fall am Thema vorbei.

    @TMaibaum:
    Es wäre schön, wenn sich die meinsten Deutschen, wie Sie schreiben, tatsächlich bemühen würden, bloß nicht typisch deutsch zu wirken. Dann gäb´s wahrscheinlich kein "Schwarz-Rot-Geil" und Schlimmeres.

  5. „es geht weniger darum, dass man nach außen hin möglichst vermeiden möchte, bestimmte Klischées zu bedienen, als vielmehr darum, dass man das Prädikat "deutsch" nicht als positive Betitelung annehmen möchte. Es sagt nämlich tatsächlich überhaupt nichts aus.“

    Dann sagt es immerhin auch nichts negatives aus... Es würde ja wohl auch niemand z.B. einen MTV Music Europe Award mit der Begründung ablehnen, dass „Europe“ überhaupt nichts aussagt. Insofern empfand ich diesen Auftritt damals eben durchaus als typisch deutsch. Was wiederum völlig neutral gemeint ist. ;)

    „Auf mich wirkten die Bandmitglieder früher auch oft verkrampft.“

    Früher hatte ich allerdings den Eindruck, das „Verkrampfte“ wäre irgendwie selbstironisch gemeint. Spätestens seit Tocotronic ist klar - die meinen das ernst!

    (Eine ähnliche Entwicklung gab es nur noch bei Propaghandi: Deren erstes Album hatte ich auch noch für eine Parodie auf linke Punk-Posen und Floskeln gehalten... Erst hinterher wurde mir bewusst, dass das ernstgemeint war.)

    Antwort auf "Ohne Titel"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Album | Band | Tempelhof | Tocotronic
  • Blue Note Records: Erhabene Coolness

    Erhabene Coolness

    Kein Jazz ohne Blue Note Records. Miles Davis, Sidney Bechet und Art Blakey waren hier unter Vertrag. Ein neuer Band zeigt Bilder aus den goldenen Jahren des Genres.

    • Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins

      Diese Band hat alles verändert

      Wer mit den Smashing Pumpkins heranwuchs, kann enttäuscht von ihrem neuen Album sein. Oder sich einfach an wunderbare Zeiten erinnern. Eine Liebeserklärung

      • Die Airmachine von Ondřej Adámek

        Die Luft im Klang

        Töne aus Gummihandschuhen und Gartenschläuchen: Gelassen erobert der junge tschechische Komponist Ondřej Adámek den Elfenbeinturm der neuen Musik.

        • Aykut Anhut alias Haftbefehl

          Fettes, verstörendes Talent

          Die Hip-Hop-Gemeinde hat das neue Album von Haftbefehl erwartet wie eine Epiphanie. Dabei geht es um Literatur! Der Offenbacher ist der deutsche Dichter der Stunde.

          Service