Der erste Eintrag im Tagebuch der Band ist ein Diagramm. Eine riesige Zeichnung, hochkomplexe Kritzelei, »SCHEMA« steht dort in Großbuchstaben über Kreisen, Pfeilen, Kästen und Unterkategorien wie »Fußnoten«, »ADG Wohlklang«, »Umschaltung«, »Geklimper«, »Ende«.

Sieht so die Anatomie eines Hits aus?

Im Falle von Tocotronic zeigt sich an der wirren Grafik sogar noch mehr. Nämlich der Grundsatz, dass Musik mehr Theorie als Praxis sein kann. Das »strukturalistische Diagramm«, wie die Band die Skizze von 1993 im Rückblick, quasi als nachgeschobene Metaebene betitelte, sollte den Grundstein ihrer Karriere bilden. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein hieß der Song, der aus dem theoretischen Gerüst entsprang und als ewiger Slogan in die deutsche Musikgeschichte einging. Das »unauthentischste Stück Rockmusik«, wie die Band selbst befand, entstand – »es ist leider wahr« – weder »im Straßenkampf noch im Schwange einer exzessiven Rockshow, sondern während einer langweiligen Vorlesung auf einem Stück Papier«.

Tocotronic sind nie aus dieser Vorlesung herausgekommen. Die Hamburger Studenten von damals sind zwar keine herausragenden Magister oder Doktoranden geworden, aber doch Akademiker geblieben. »Diskursrock« nennt sich ihre Musik, statt »heiße Riffs« zu proben, »schmökerten« sie nun einmal seit je lieber »in Merve-Bändchen«. Anstatt, wie es für Rock- und Indie-Bands üblich ist, nur bei Festivals wie Rock am Ring aufzutreten, geben Tocotronic ebenso selbstverständlich Konzerte bei der Ernst Bloch Gesellschaft, studentische Hausarbeiten widmen sich ihren Songs, Soziologieprofessoren dienen sie als sichere Zitatgeber bei Vorträgen. Wie von keiner anderen Band wird von dieser abgeleitet, wie es um den Zustand einer Generation, des Zeitgeistes, vielleicht sogar des ganzen Landes bestellt ist.


Tocotronic sind Textbesessene. Und damit vermutlich die deutscheste Band der Welt. Sie produzieren die genauesten, durchdachtesten, verkopftesten, verschrobensten und genialsten Texte – Stücke, die sogar ganz ohne Musik konsumierbar sind, die Wörter klingen von alleine.

Zielsicher verstehen Tocotronic sich darauf, das einzufangen, was Begriffe, Phrasen und Satzfolgen nicht nur typisch, sondern nahezu penetrant deutsch klingen lässt. »Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt«, so klingt bei ihnen ein Kompliment. Hier fächert er sich auf, der sound of Germany, der sich nie in andere Sprachen übersetzen ließe: das ungelenk Sachliche, das überflüssig Komplizierte, damit unfreiwillig Lächerliche, das nur verkrampft Selbstbewusste, Ich-Erkundende, Hadernde, pathetisch Aufblühende oder Vergehende. Beiläufig, humorvoll, oft auch gnadenlos anstrengend und überfrachtet, aber immer absolut sicher in ihrem Sprachgefühl arbeiten die vier Popakademiker sich an diesem Material ab, zwanzig Jahre nun schon.

Während dieser Zeit ist eine beachtliche Textteilgalerie entstanden: Vertonte Gedichte (Im Zweifel für den Zweifel) stehen neben Hymnen (Let There Be Rock), Lieder, die wie Durchsagen (Bitte oszillieren Sie), Dialoge (Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk), Manifeste (Pure Vernunft darf niemals siegen) und immer wieder wie Eingeständnisse über die eigene Unzulänglichkeit (Über Sex kann man nur auf Englisch singen) klingen. Der Inhalt ihrer Tagebücher, wie Tocotronic ihre Alben nennen, ist ein regelrechtes Archiv, von Digital ist besser (1995) bis zum Nummer-eins-Erfolg Schall & Wahn (2010).

Und nun, 2013, also: Wie wir leben wollen.

Siebzehn neue Songs haben Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Rick McPhail und Arne Zank aufgenommen, nur zehn Tage verbrachten sie dafür in einem Studio im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, wo sie mit einer Telefunken-Vier-Spur-Tonbandmaschine arbeiten konnten, Originaltechnik von 1958. Musikalisch also ein Experiment, eine Anleihe bei der Vergangenheit. »Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles- und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop-Appeal hin geprüft«, heißt es dazu im kauzigen Duktus wissenschaftlicher Quellenverweise. »Räume werden geöffnet, Diversität zugelassen, Kontrollverlust erlaubt« steht in der Infomappe zum Album, traditionell verquast mit Passiv-Konstruktionen, als wollten sie sich bloß absichern bei dem, was man im Folgenden zu hören bekommt.