ZEITmagazin: Herr Brauner, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Artur Brauner: Ich liebe die Welt, in der ich lebe, nicht. Nach all dem, was mir und meiner Familie passiert ist, kann ich keine Liebe zu den Völkern empfinden, die uns alles weggenommen haben.

ZEITmagazin: Sie stammen aus Łódź und sind Jude, die Nationalsozialisten ermordeten 49 Ihrer Angehörigen.

Artur Brauner: Die Nazis konnten im Namen des Gesetzes ungestört morden, ihre Helfer durften das jüdische Volk schamlos ausplündern. Sie wussten, wenn die Juden deportiert werden, können sie ihre Wohnungen, ihre Kühe, ihre Nähmaschinen, einfach alles übernehmen. Diese Verbrechen haben mich für immer geprägt.

ZEITmagazin: Wie gehen Sie mit dieser Last um?

Artur Brauner: Ich sehe heute noch die offenen Augen eines toten Jungen, der gegen Ende des Krieges in einem Massengrab bei Lemberg ganz oben lag. Als ich in seine Augen blickte, hatte ich das Gefühl, sie verpflichten mich, ihn und alle anderen Ermordeten nie zu vergessen. Deshalb habe ich immer wieder Filme über den Holocaust gedreht. Ich versuche, die Ungerechtigkeiten unvergesslich zu machen. Aber es hilft ja nichts. Niemand gibt mir meine Verwandten zurück.

ZEITmagazin: Können Sie heute begreifen, was damals geschah?

Artur Brauner: Nein, mein Gehirn kann nicht begreifen, wie eine so kultivierte Nation in der Lage war, Säuglinge zu erschießen. In der Ukraine, in Babi Jar, haben die Nazis in zwei Tagen 33.700 Menschen erschossen, darunter rund 15.000 Kinder. Darüber habe ich einen Film gemacht. Mir wurde die grausame Geschichte zugetragen, wonach ein SS-Mann eine Mutter, die ihre beiden Kinder in ihren Armen hielt, fragte, welches ihr lieber sei, weil das andere erschossen werden müsse. Solche entsetzlichen Geschichten lassen mich nachts kaum schlafen. Manchmal wache ich auf und denke, ich muss alle meine Pläne noch verwirklichen, bevor ich sterbe, um sagen zu können: Du hast etwas in deinem Leben bewirkt. Einer muss die Millionen Opfer unvergessen lassen. Das ist meine Maxime.

 "Es ist ein halber Tod, wenn man als Mensch degradiert wird"

ZEITmagazin: Bewahren Ihre Filme Sie vor einer Depression?

Artur Brauner: Im Gegenteil, das Drehen dieser Filme deprimiert mich eher, weil ich mich dann Tag und Nacht mit dem Holocaust beschäftige. Wenn ich zu tief in der Vergangenheit stecke, dann hole ich meine Frau, und wir gehen in ein Restaurant, Kino oder Theater.

ZEITmagazin: Was gab Ihnen während des Krieges die Kraft, nicht aufzugeben?

Artur Brauner: Der unbedingte Wille, meine Familie zu retten. Und meine Selbstachtung. Als ich erfuhr, dass in Łódź ein Ghetto errichtet wird und ich als Jude ein Abzeichen tragen muss, habe ich gesagt: Das mache ich nicht, selbst wenn ich umkommen sollte. Es ist ja schon ein halber Tod, wenn man als Mensch degradiert wird.

ZEITmagazin: Sie flüchteten und lebten in ständiger Todesgefahr.

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Artur Brauner: Jahrelang ging es nur um das nackte Überleben. Gleich am Anfang des Kriegs hatte mich ein SS-Mann, vielleicht war es auch ein Gendarm, mit Maschinengewehr am Fluss Bug gestellt. Nachdem er mein Geld genommen hatte, befahl er mir: »Ausziehen!« An die 100 Männer, Frauen und Kinder schauten uns zu. Ich sehe noch heute ihre lachenden Gesichter, als ich die Hosen herunterlassen musste. Ich dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen. Meine Stiefel hatten eine doppelte Sohle, darin waren jeweils zehn Golddollarstücke versteckt. 

ZEITmagazin: Was haben Sie gemacht?

Artur Brauner: Er drohte, mich zu erschießen, wenn er in meinen Schuhen etwas finden würde. Ich hatte Angst, zugleich suchte mein Gehirn rasend schnell nach einer Möglichkeit, wie ich dem Tod entkommen könnte. Dann geschah etwas, das man sich eigentlich nicht vorstellen kann: Ich hatte einen rettenden Geistesblitz. Ich erinnerte mich plötzlich an einen Film mit Gary Cooper, den ich als Jugendlicher gesehen hatte: Drei Banditen zwingen Cooper, den Plan einer Goldmine herauszurücken. Er weigert sich. Alle stehen am Wasser, genauso wie ich mit dem Nazi. Als der Bandit auf Cooper zielt, rammt der ihm seinen Kopf in den Bauch und stößt alle drei ins Wasser. Ich hatte in dem Moment, bevor ich die Sohlen aufschneiden musste, diese Szene vor Augen und gab dem Mann einen mächtigen Stoß. Er fiel mit dem Gewehr ins Wasser. Ich zog die Hosen hoch und rannte, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Dieser Augenblick, diese Minute vor dem Tod, hat sich mir unauslöschlich eingeprägt.

ZEITmagazin: Hat Gary Cooper jemals von Ihrer Rettung erfahren?

Artur Brauner: Ja, Jahre später, als er bei mir zu Gast war, habe ich ihm davon erzählt. Er sagte: »Da sitzt man in Amerika, dreht irgendeinen Western und ahnt nicht, dass eine solche Szene ein Menschenleben retten kann.«