Holocaust : Der Gary-Cooper-Trick rettete ihn vor den Nazis
Seite 2/2:

 "Es ist ein halber Tod, wenn man als Mensch degradiert wird"

ZEITmagazin: Bewahren Ihre Filme Sie vor einer Depression?

Artur Brauner: Im Gegenteil, das Drehen dieser Filme deprimiert mich eher, weil ich mich dann Tag und Nacht mit dem Holocaust beschäftige. Wenn ich zu tief in der Vergangenheit stecke, dann hole ich meine Frau, und wir gehen in ein Restaurant, Kino oder Theater.

ZEITmagazin: Was gab Ihnen während des Krieges die Kraft, nicht aufzugeben?

Artur Brauner: Der unbedingte Wille, meine Familie zu retten. Und meine Selbstachtung. Als ich erfuhr, dass in Łódź ein Ghetto errichtet wird und ich als Jude ein Abzeichen tragen muss, habe ich gesagt: Das mache ich nicht, selbst wenn ich umkommen sollte. Es ist ja schon ein halber Tod, wenn man als Mensch degradiert wird.

ZEITmagazin: Sie flüchteten und lebten in ständiger Todesgefahr.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Artur Brauner: Jahrelang ging es nur um das nackte Überleben. Gleich am Anfang des Kriegs hatte mich ein SS-Mann, vielleicht war es auch ein Gendarm, mit Maschinengewehr am Fluss Bug gestellt. Nachdem er mein Geld genommen hatte, befahl er mir: »Ausziehen!« An die 100 Männer, Frauen und Kinder schauten uns zu. Ich sehe noch heute ihre lachenden Gesichter, als ich die Hosen herunterlassen musste. Ich dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen. Meine Stiefel hatten eine doppelte Sohle, darin waren jeweils zehn Golddollarstücke versteckt. 

ZEITmagazin: Was haben Sie gemacht?

Artur Brauner: Er drohte, mich zu erschießen, wenn er in meinen Schuhen etwas finden würde. Ich hatte Angst, zugleich suchte mein Gehirn rasend schnell nach einer Möglichkeit, wie ich dem Tod entkommen könnte. Dann geschah etwas, das man sich eigentlich nicht vorstellen kann: Ich hatte einen rettenden Geistesblitz. Ich erinnerte mich plötzlich an einen Film mit Gary Cooper, den ich als Jugendlicher gesehen hatte: Drei Banditen zwingen Cooper, den Plan einer Goldmine herauszurücken. Er weigert sich. Alle stehen am Wasser, genauso wie ich mit dem Nazi. Als der Bandit auf Cooper zielt, rammt der ihm seinen Kopf in den Bauch und stößt alle drei ins Wasser. Ich hatte in dem Moment, bevor ich die Sohlen aufschneiden musste, diese Szene vor Augen und gab dem Mann einen mächtigen Stoß. Er fiel mit dem Gewehr ins Wasser. Ich zog die Hosen hoch und rannte, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Dieser Augenblick, diese Minute vor dem Tod, hat sich mir unauslöschlich eingeprägt.

ZEITmagazin: Hat Gary Cooper jemals von Ihrer Rettung erfahren?

Artur Brauner: Ja, Jahre später, als er bei mir zu Gast war, habe ich ihm davon erzählt. Er sagte: »Da sitzt man in Amerika, dreht irgendeinen Western und ahnt nicht, dass eine solche Szene ein Menschenleben retten kann.«

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

108 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Mit dem Kainsmal ist es so eine Sache

Der Begriff Kainsmal wird meistens falsch verwendet. In Genesis 4,15 heißt es: "Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde."
Das Kainsmal hatte also den Zweck, seinen Träger, Kain, zu schützen. In diesen Zusammenhang passt der Begriff also nicht.

Kainsmal: Erkennungszeichen und Schutz

Zitat Wikipedia: " Kain erschlug seinen Bruder Abel aus Neid wegen seiner vermeintlich bevorzugten Stellung zu Gott bei einem Gottesopfer. Damit er nicht als Brudermörder selbst erschlagen werde, machte Gott ein Zeichen an Kain, um ihm eine Chance für ein gewaltfreies Leben zu geben. Das Kainsmal ist also sowohl das Erkennungszeichen des Mörders als auch ein Schutzzeichen, das ihn vor einem gewaltsamen Tode bewahrt."

ja, was geht in solchen Menschen vor sich?

um vielleicht überhaupt ein bisschen zu nachvollziehen zu können, wie solch ein SS-Mann getickt haben mag (verstehen ist für mich das falsche Wort), sei einem das Buch:

"Der Tod ist mein Beruf" von Robert Merle

ans Herz gelegt.

Kranke Menschen gab und gibt es immer, "Das weiße Band" stellt für mich sehr gut dar, wie eine ganze Generation erkranken konnte - in den dort dargestellten Jahren wurden die Weichen gelegt...

Diese Frage bewegt mich auch immer wieder intensiv

Ich befasse mich seit Jahren damit und komme nur zur Lösung, dass das irgendwie mit dem Erbe unserer urzeitlichen tierischen Vergangenheit zu tun hat.

Es braucht offenbar gar nicht so viel, dieses Erbe offenzulegen.

Auch bei vielen anderen Gelegenheiten sind solche Ausbrüche zu bemerken. Die Nazizeit war wegen ihres Ausmaßes und der Systematik mit der getötet wurde einzigartig.

Ansonsten sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Geschichte zahllos und leider auch gegenwärtig noch. Wir haben aus gegebenen Anlässen den Internationalen Strafgerichtshof, das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien und das Internationale Strafgericht für Ruanda (ICTR)eingerichtet.

Es ist bedauerlich, dass sich nicht alle Nationen bereit fanden, sich diesen internationen Gerichten zu unterwerfen.