Holocaust : Der Gary-Cooper-Trick rettete ihn vor den Nazis

Artur Brauner war auf der Flucht vor den Nazis, als ihn eine Western-Szene vor dem drohenden Tod bewahrte.

ZEITmagazin: Herr Brauner, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Artur Brauner: Ich liebe die Welt, in der ich lebe, nicht. Nach all dem, was mir und meiner Familie passiert ist, kann ich keine Liebe zu den Völkern empfinden, die uns alles weggenommen haben.

ZEITmagazin: Sie stammen aus Łódź und sind Jude, die Nationalsozialisten ermordeten 49 Ihrer Angehörigen.

ARTUR »ATZE« BRAUNER

94, wurde in Łódź geboren und flüchtete vor den Nationalsozialisten aus Polen in die Sowjetunion. Nach dem Krieg gründete er in Berlin eine Filmproduktionsfirma. Viele seiner Werke wie »Die weiße Rose«, »Hitlerjunge Salomon« oder »Der letzte Zug« erzählen vom Holocaust

Artur Brauner: Die Nazis konnten im Namen des Gesetzes ungestört morden, ihre Helfer durften das jüdische Volk schamlos ausplündern. Sie wussten, wenn die Juden deportiert werden, können sie ihre Wohnungen, ihre Kühe, ihre Nähmaschinen, einfach alles übernehmen. Diese Verbrechen haben mich für immer geprägt.

ZEITmagazin: Wie gehen Sie mit dieser Last um?

Artur Brauner: Ich sehe heute noch die offenen Augen eines toten Jungen, der gegen Ende des Krieges in einem Massengrab bei Lemberg ganz oben lag. Als ich in seine Augen blickte, hatte ich das Gefühl, sie verpflichten mich, ihn und alle anderen Ermordeten nie zu vergessen. Deshalb habe ich immer wieder Filme über den Holocaust gedreht. Ich versuche, die Ungerechtigkeiten unvergesslich zu machen. Aber es hilft ja nichts. Niemand gibt mir meine Verwandten zurück.

ZEITmagazin: Können Sie heute begreifen, was damals geschah?

Artur Brauner: Nein, mein Gehirn kann nicht begreifen, wie eine so kultivierte Nation in der Lage war, Säuglinge zu erschießen. In der Ukraine, in Babi Jar, haben die Nazis in zwei Tagen 33.700 Menschen erschossen, darunter rund 15.000 Kinder. Darüber habe ich einen Film gemacht. Mir wurde die grausame Geschichte zugetragen, wonach ein SS-Mann eine Mutter, die ihre beiden Kinder in ihren Armen hielt, fragte, welches ihr lieber sei, weil das andere erschossen werden müsse. Solche entsetzlichen Geschichten lassen mich nachts kaum schlafen. Manchmal wache ich auf und denke, ich muss alle meine Pläne noch verwirklichen, bevor ich sterbe, um sagen zu können: Du hast etwas in deinem Leben bewirkt. Einer muss die Millionen Opfer unvergessen lassen. Das ist meine Maxime.

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Mit dem Kainsmal ist es so eine Sache

Der Begriff Kainsmal wird meistens falsch verwendet. In Genesis 4,15 heißt es: "Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde."
Das Kainsmal hatte also den Zweck, seinen Träger, Kain, zu schützen. In diesen Zusammenhang passt der Begriff also nicht.

Kainsmal: Erkennungszeichen und Schutz

Zitat Wikipedia: " Kain erschlug seinen Bruder Abel aus Neid wegen seiner vermeintlich bevorzugten Stellung zu Gott bei einem Gottesopfer. Damit er nicht als Brudermörder selbst erschlagen werde, machte Gott ein Zeichen an Kain, um ihm eine Chance für ein gewaltfreies Leben zu geben. Das Kainsmal ist also sowohl das Erkennungszeichen des Mörders als auch ein Schutzzeichen, das ihn vor einem gewaltsamen Tode bewahrt."

ja, was geht in solchen Menschen vor sich?

um vielleicht überhaupt ein bisschen zu nachvollziehen zu können, wie solch ein SS-Mann getickt haben mag (verstehen ist für mich das falsche Wort), sei einem das Buch:

"Der Tod ist mein Beruf" von Robert Merle

ans Herz gelegt.

Kranke Menschen gab und gibt es immer, "Das weiße Band" stellt für mich sehr gut dar, wie eine ganze Generation erkranken konnte - in den dort dargestellten Jahren wurden die Weichen gelegt...

Diese Frage bewegt mich auch immer wieder intensiv

Ich befasse mich seit Jahren damit und komme nur zur Lösung, dass das irgendwie mit dem Erbe unserer urzeitlichen tierischen Vergangenheit zu tun hat.

Es braucht offenbar gar nicht so viel, dieses Erbe offenzulegen.

Auch bei vielen anderen Gelegenheiten sind solche Ausbrüche zu bemerken. Die Nazizeit war wegen ihres Ausmaßes und der Systematik mit der getötet wurde einzigartig.

Ansonsten sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Geschichte zahllos und leider auch gegenwärtig noch. Wir haben aus gegebenen Anlässen den Internationalen Strafgerichtshof, das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien und das Internationale Strafgericht für Ruanda (ICTR)eingerichtet.

Es ist bedauerlich, dass sich nicht alle Nationen bereit fanden, sich diesen internationen Gerichten zu unterwerfen.