Stasi-AktenHandelte ich richtig?

Warum wir ein ostdeutsches 1968 unbedingt verhindern müssen: Ein Plädoyer des Stasi-Unterlagen-Beauftragten Roland Jahn. von 

Achtundsechzig, das war ein wichtiger Konflikt für die Bundesrepublik. Aber es war auch ein Konflikt mit Brutalität und Gewalt. Das können wir heute nicht gebrauchen. Im Gegenteil: Ein ostdeutsches 1968 müssen wir mit aller Kraft verhindern.

Die Eltern und Großeltern wollen oft nicht reden über ihre Leben in der DDR – gerade weil sie im Rückblick vielleicht nicht zufrieden sind mit sich. Sie glauben, dem schlechten Gewissen zu entkommen, indem sie schweigen. Eine ganze Elterngeneration ist: sprachlos. Es gibt zu viele, die sich gar nicht bewusst machen wollen, welche Verantwortung sie dafür tragen, dass die DDR so lange existieren konnte. Manche merkten viel zu lange nicht, wie sie zur Stütze des Systems geworden waren; auch ohne es zu wollen. Zu erkennen, dass man Mitschuld trägt, ist ein schwieriger Prozess. Gerade für den normalen Bürger – für den, der die DDR vielleicht sogar kritisch sah, der Westfernsehen guckte, der manchmal die Faust in der Tasche ballte. Der aber trotzdem Mitläufer war.

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Damals, im Westen, mündeten die Studentenproteste in Brutalität. Ich will keine Brutalität. Ich will eine Kultur, in der die Alten sich trauen, zu erzählen. Ein Klima, in dem sie es gerne tun. Ich will, dass die Jungen danach fragen, was in der DDR war – ohne Tabus. Nur die offene Auseinandersetzung kann einen unversöhnlichen Zusammenprall der Generationen verhindern. Kann verhindern, dass die Emotionen größer und größer werden. Kann verhindern, dass die Sprachlosigkeit in einen unauflösbaren Konflikt mündet.

Achtundsechzig, dieser Begriff, ist nicht ganz stimmig für unsere jetzige Debatte – damals ging es um die Schuld am Holocaust, diesem einmaligen Schrecken. Heute geht es um Verantwortung in der DDR. Aber es gibt in den neuen Ländern ebendiese Sprachlosigkeit, die wir nicht hinnehmen sollten.

Ein Beispiel: Wer zur Wahl gegangen ist, hat die DDR legitimiert. Schon mit solchen "Taten" fing es an. Darüber zu reden, was das geheißen hat, wie man sich dabei gefühlt hat, ist wichtig!

Ich selbst saß zur DDR-Zeit im Gefängnis, 1982 war das. Erst dann hörte meine Mutter auf, wählen zu gehen. Viele Jahre später habe ich zu meiner eigenen Schwester, zu meinen eigenen Eltern gesagt: Damit, dass ihr zur Wahl gegangen seid, habt auch ihr die Bausteine für meine Gefängnismauer geliefert.

Aber wir haben zu wenig darüber geredet. Ich habe auch viel zu spät mit meiner Mutter über die Nazizeit gesprochen. Erst kurz vor ihrem Tod begannen wir damit – aber es war zu spät für eine echte Auseinandersetzung. Deshalb bin ich so froh, wenn die Jüngeren es besser machen. Wer reden will, dem nützt es aber nichts, auf seine Eltern einzudreschen. Ihnen sofort Schuld zuzuweisen. Nein, als Erstes geht es ums Zuhören.

Glaubt jemand, es wäre leicht für einen Menschen, der bei der Stasi war, seinen Kindern und Enkelkindern zu gestehen, dass er sein Leben auf einer falschen Position verbracht hat? Welcher liebe Opa erzählt denn gerne seinem Enkel: "Du, ich bin zwar heute der liebe Opa. Aber früher hab ich Menschen einsperren lassen, weil sie anderer Meinung waren." Soll ein 70-Jähriger darüber sprechen? Ja, er soll. Und wir sollten ermöglichen, dass er das tun kann.

Offen reden, Schuld eingestehen, das ist die Voraussetzung für Vergebung. Verzeihen kann man den Menschen, die einem nahe sind, schneller. Deshalb sollte Aufarbeitung in den Familien beginnen. Meine eigene, längst erwachsene Tochter hat mir eine entscheidende Frage gestellt. Diese Frage betrifft eine wichtige Entscheidung meines Lebens.

1983 wurde ihre Mutter, meine damalige Freundin, aus politischer Haft entlassen. Sie reiste aus der DDR aus, gemeinsam mit unserer Tochter. Ich aber, ihr Vater, wollte den "Kämpfer" spielen, die Verhältnisse verändern. Ich entschied mich gegen die Ausreise. (Anm. der Red.: Jahn wurde dann gegen seinen Willen nach Westdeutschland abgeschoben) 20 Jahre später fragte mich meine Tochter: "Dass du damals in der DDR geblieben bist – war das eine Entscheidung gegen mich?" Seither stelle ich mir die Frage: Habe ich damals richtig gehandelt? Reden wir darüber!

Roland Jahn

Roland Jahn, 1953 in Jena geboren, geht Ende der 70er in die Opposition. 1982 verschickt er Fotos von sich – im Gesicht zur Hälfte als Hitler, zur Hälfte als Stalin geschminkt. Er wird kurz darauf verhaftet, 1983 vom SED-Staat ausgebürgert.

Im Westen etabliert Jahn sich als Journalist, wird 2011 Nach-Nachfolger Joachim Gaucks als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde.

Vor Kurzem hat mich eine Schülerin, vielleicht 16 Jahre alt, gefragt: "Herr Jahn, mein Opa hängte immer zum Feiertag die DDR-Fahne aus dem Fenster. Er machte das, damit meine Mutter studieren durfte. War das moralisch vertretbar?"

Diese Frage hat mich beeindruckt! Ein Mädchen, das hinterfragt und gleichzeitig Verständnis aufbringt für die Zwänge in der DDR. Wie viele Bürger waren staatstreu, nur ihren Kindern zuliebe! Auch das kenne ich aus meiner eigenen Familie. Mein Vater versuchte sein Leben lang, mich unpolitisch zu halten. Warum? Weil er das Beste für mich wollte. Für mich wollte er angepasst leben. Er hatte die Nazizeit überstanden, war mit 17 in den Krieg geschickt worden, er hatte im Krieg ein Bein verloren. Er wollte keine Politik mehr.

Die Jüngeren haben eine große Chance, sie können an der Vergangenheit ihre Sinne schärfen für die Gegenwart. Es ist wichtig, auch in dieser, unserer heutigen Gesellschaft, die Dinge zu hinterfragen. Das kann man lernen. Man kann lernen, nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht. Nicht nur das Sport-System der DDR kritisch zu sehen, sondern auch das heutige. Wer sich mit der Datensammelwut der Stasi beschäftigt, kann vielleicht qualifizierter die Datensammelwut von Facebook kritisieren – ohne gleichzusetzen.

Vor 1968 wurde der Punkt verpasst, miteinander ins Gespräch zu kommen. Heute gibt es noch eine Chance dazu. Der Osten kann noch eine Form der Auseinandersetzung finden, die den Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft gerecht wird. Es geht ums Zuhören, um den Meinungsstreit, um ein Bekenntnis zur Verantwortung – der Verantwortung jedes Einzelnen für sein Handeln.

Notiert von Martin Machowecz

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Leserkommentare
  1. in anderen, besseren Zeiten war die Motivation der meisten Eltern. Die meisten Lebensläufe geben dabei den angepassten Eltern absolut Recht!

    Für die Kinder der unangepassten Eltern wurden die Weichen meist zum Nachteil gestellt, indem eine dem intelektuellen Vermögen entsprechende Ausbildung von den Mächtigen prinzipiell unterbunden wurde - mit Folgen die bis heute anhalten. Viele haben nach 1989 eben trotz Freiheit und allen Möglichkeiten nicht mehr "die Kurve gekriegt", waren zu alt oder passten wegen des Werdegangs nicht zu westdeutschen Personalauswahlskriterien. Die Weichenstellung in entscheidenden Jahren wirkt letztlich das ganze Leben. Faktisch büßen Kinder für Handlungen ihrer ELtern.

    Und welche ELtern wollten zB. ihr ungeborenes Kind erst im vorgrückten Kindergartenalter kennenlernen, dann im Westen?
    All diese Fragen müssten sich Moralapostel, die die Verhältnisse glauben aus der Entfernung beurteilen zu können, einmal für sich selbst stellen.

    Auch der von zum Teil irrationalen Abstiegsängsten getriebene Förder- und Ermöglichungswahn heutiger Eltern zur Performanceopitmierung des eigenen NAchwuchses bietet dabei ausreichend Kontrast Besserwissern auf die Sprünge zu helfen...

    14 Leserempfehlungen
  2. Ein "ostdeutsches 1968" steht, gelinde gesagt, nicht an. Ich frage mich, wie Roland Jahn zu dieser Wahrnehmung der Realität der Bundesrepublik des Jahres 2013 kommt? Es ist wohl eher ein Herbeireden - aber bitte nicht "mit Brutalität und Gewalt. Das können wir heute nicht gebrauchen". Ich habe noch nichts davon gehört, dass sich aus der radikalisierten Anti-SED-APO gerade gewaltbereite Gruppen bilden, die in verrauchten Hinterzimmern Molotowcocktails abfüllen und die Entführung der ehemaligen FDJ-Sekretärin Angela Merkel planen.

    Das "ostdeutsche 1968" hat in den sechziger und siebziger Jahren stattgefunden, mit nicht wenigen Gemeinsamkeiten zum Aufbegehren der Jugend im Westen. Das ist nun über 40 Jahre her. Es kommt nicht noch einmal.

    "Offen reden, Schuld eingestehen, das ist die Voraussetzung für Vergebung". Wer vergibt Wem? Wer hat an Was Schuld? Der, der seinen "Wehrdienst" bei der Bereitschaftspolizei geleistet hat und danach (erst?) gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt im System? Der verzeiht derjenigen, die zur Wahl gegangen ist? Der, der vielleicht 1976 aus der SED ausgetreten ist, demjenigen, der es erst 1989 begriffen hat? Funktioniert das wirklich so?
    Auch R.Jahns kritischer Blick auf das Heute, beschränkt sich hier zum wiederholten Male auf "Facebook". Das macht das von ihm sonst Gesagte auch nicht unbedingt glaubwürdiger. Diese Art und Weise der Auseinandersetzung mit der DDR, kann meines Erachtens auch kontraproduktiv wirken. Und das ist eigentlich Schade.

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  3. http://adamlauks.wordpress.com/2012/12/16/gauck-und-gauckbehorde-im-ermi...

    Wen Sie diesen Beitrag gelesen haben werden Sie begreifen das Herr Jahn, entweder ein Träumer ist oder uns was vormacht. Sein Aktionismus im Bezug auf die Altlasten seines Vorgängers ... die immer noch als Hauptamtlichen in der Behörde tätig sind, eine Dauerohrfeige an alle Opfer der STASI oder des SED Regimes. Am dritten Tag seiner Tätigkeit in Hohenscchönhausen versprach er uns, es waren viele Opfer dabei anwesend, die "rauszuschmeissen". Dafür gab es von Herrn Scholz(Workuta) " Willkommen im Club !!! " Er gab an manche bereits verjährte Ermittlungsverfahren wieder eröffnen zu können !? Gegen das erste hatte ich gewetten:" Sie werden keinen von denen rausschmeissen Her Jahn,wetten !!? "
    Wenn das was sich die Gauck Behörde im Fall Folteropfer der STASI Adam Lauks 1994 rausgenommen hatte -ich sage dazu Unterdrückung oder Unterschlagung von Beweisen für Schwere Körperverletzung, geleistet hatte generalisiert wird, und mein Fall ist nicht der einzige, ist die Wut bei einigen berechtigt. Die Opfer die auch Dank der Behörde Opfer geblieben sind, sind auch weiterhin im Visier und unter Kontrolle der ehemaligen Hauptamtlichen und IMs dass man von Fortdauer der Zersetzung sprechen kann.Opferverbände kolosal erfolglos und unterwander

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  7. Roland Jahn hat die Behörde mit großen Worten übernommen.Er wollte die Behörde reinigen und die Aufarbeitung vorantreiben.Was ist davon übrig geblieben? Fast alle Stasi-Mitarbeiter arbeiten dort noch und ansonsten sind die Töne sehr viel leiser geworden. Aufarbeitung setzt voraus, sich zu seinen Taten zu bekommen und das erst einmal in der Familie aber das ist nicht ausreichend.Menschen, die das System nicht nur durch die Wahl und das Schweigen unterstützt haben,müssen auch öffentlich zu ihren Taten stehen, das sind sie den Opfern schuldig aber das bedeutet eben, das die Täter auch bereit sind, ihre Taten sich selbst, ihren Familien und dann ihren Opfern einzugestehen. Nur so ist eine Aufarbeitung möglich. Solange Täter gegen Opfer klagen, um ihre Täterschaft geheimzuhalten, solange Opfer von den Tätern diffamiert werden, solange ist keine Aufarbeitung möglich. Jahn war angetreten, die Aufarbeitung voranzutreiben, aus meiner Sicht hat er versagt denn die Täter können auch weiter unbehelligt und oft in hohen Positionen leben, während die Opfer ohne Hilfe, ohne Opferausgleich und oft in Armut leben müssen.

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  8. Der einstige DDR-Widerständler Roland Jahn ist heute -meiner Meinung nach- genauso mutig wie damals. Wer seine Biografie liest, merkt u.a. auf: "Als freier Journalist produzierte er beim ARD-Magazin ... des Senders Freies Berlin mit Peter Wensierski zahlreiche Beiträge zu Opposition, Menschenrechtsverletzungen und Alltag im SED-Staat der 80er Jahre..." ! Wir wollen doch nicht vergessen, dass er es unheimlich schwer hat, die gravierenden politischen Fehler seiner Amtsvorgänger zu beseitigen. Wer jenen Peter Wensierski kennenlernen durfte, vertraut auch seinem damaligen Kollegen Jahn! Die heutige politische Lage bei der SED-und MfS-Aufarbeitung ist dadurch erschwert, dass nach dem Beitritt einer Diktatur nicht unterschieden wurde zwischen Schuldigen und Unschuldigen oder SED-/MfS-Mitläufern. Es fehlten im "Vereinigungswirrwar" die Köpfe in der Legislative, die in "Nürnberger Gesetzen" forschten, wie man eine Diktatur -auch strafrechtlich- sicher bewältigt. Heute gibt es Klagewellen der einstigen Schuldigen und Systemträger, schon nur bei Namensnennung. Dazu kommt, dass allen SED-und Stasi-Mitarbeitern hohe Renten zugesprochen wurden, wobei im gleichen Atemzug die zugesicherten Altersbezüge der Opfer, Verfolgte, Häftlinge, Freigekaufte nach FRG-Gesetz gekappt wurden: bis heute wissen die Betroffenen (300.000) nicht, wer hier eigenmächtig in der Regierung handelte.
    Vertrauen wir weiterhin R. Jahn in seinem schweren Amt... Wir haben keinen Besseren derzeit.

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    • Sikasuu
    • 27. Januar 2013 20:07 Uhr

    Ein ostdeutsches 1968 ist bitter nötig.
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    Alle waren doch dagegen und die da oben waren die Schlimmen!" hatten wir schon mal. Hat > 20 Jahre gedauert bis die Fragen hart und gerecht kamen. Ob die Antworten darauf ausgereicht haben????
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    Ich hoffe, das die Jungen Leute in den "5 Neuen" auch eimal etwas vom Geldverdienen wegsehen und Anfangen wirklich Fragen zu stellen.
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    Das kann nur intern vearbeitet werden.
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    Von denen die sagen "Aber er hat doch die Autobahnen gebaut...!" gibt es leider, in den alten und neune Bundesländer schon zu viele!
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    Wenn ich mir machne Kommentarstrecken zu Temen Islam, etc. hier und auch in anderen Medien ansehe, bin ich erschrocken, wie wenig viele Leute gelernt haben und wie dünn der demokaratische, rechtsstaatliche "Lack" bei vielen ist!
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    Hoffnungsvolle Gruesse
    Sikasuu

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