Glaubt jemand, es wäre leicht für einen Menschen, der bei der Stasi war, seinen Kindern und Enkelkindern zu gestehen, dass er sein Leben auf einer falschen Position verbracht hat? Welcher liebe Opa erzählt denn gerne seinem Enkel: "Du, ich bin zwar heute der liebe Opa. Aber früher hab ich Menschen einsperren lassen, weil sie anderer Meinung waren." Soll ein 70-Jähriger darüber sprechen? Ja, er soll. Und wir sollten ermöglichen, dass er das tun kann.

Offen reden, Schuld eingestehen, das ist die Voraussetzung für Vergebung. Verzeihen kann man den Menschen, die einem nahe sind, schneller. Deshalb sollte Aufarbeitung in den Familien beginnen. Meine eigene, längst erwachsene Tochter hat mir eine entscheidende Frage gestellt. Diese Frage betrifft eine wichtige Entscheidung meines Lebens.

1983 wurde ihre Mutter, meine damalige Freundin, aus politischer Haft entlassen. Sie reiste aus der DDR aus, gemeinsam mit unserer Tochter. Ich aber, ihr Vater, wollte den "Kämpfer" spielen, die Verhältnisse verändern. Ich entschied mich gegen die Ausreise. (Anm. der Red.: Jahn wurde dann gegen seinen Willen nach Westdeutschland abgeschoben) 20 Jahre später fragte mich meine Tochter: "Dass du damals in der DDR geblieben bist – war das eine Entscheidung gegen mich?" Seither stelle ich mir die Frage: Habe ich damals richtig gehandelt? Reden wir darüber!

Vor Kurzem hat mich eine Schülerin, vielleicht 16 Jahre alt, gefragt: "Herr Jahn, mein Opa hängte immer zum Feiertag die DDR-Fahne aus dem Fenster. Er machte das, damit meine Mutter studieren durfte. War das moralisch vertretbar?"

Diese Frage hat mich beeindruckt! Ein Mädchen, das hinterfragt und gleichzeitig Verständnis aufbringt für die Zwänge in der DDR. Wie viele Bürger waren staatstreu, nur ihren Kindern zuliebe! Auch das kenne ich aus meiner eigenen Familie. Mein Vater versuchte sein Leben lang, mich unpolitisch zu halten. Warum? Weil er das Beste für mich wollte. Für mich wollte er angepasst leben. Er hatte die Nazizeit überstanden, war mit 17 in den Krieg geschickt worden, er hatte im Krieg ein Bein verloren. Er wollte keine Politik mehr.

Die Jüngeren haben eine große Chance, sie können an der Vergangenheit ihre Sinne schärfen für die Gegenwart. Es ist wichtig, auch in dieser, unserer heutigen Gesellschaft, die Dinge zu hinterfragen. Das kann man lernen. Man kann lernen, nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht. Nicht nur das Sport-System der DDR kritisch zu sehen, sondern auch das heutige. Wer sich mit der Datensammelwut der Stasi beschäftigt, kann vielleicht qualifizierter die Datensammelwut von Facebook kritisieren – ohne gleichzusetzen.

Vor 1968 wurde der Punkt verpasst, miteinander ins Gespräch zu kommen. Heute gibt es noch eine Chance dazu. Der Osten kann noch eine Form der Auseinandersetzung finden, die den Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft gerecht wird. Es geht ums Zuhören, um den Meinungsstreit, um ein Bekenntnis zur Verantwortung – der Verantwortung jedes Einzelnen für sein Handeln.

Notiert von Martin Machowecz