StilkolumneGroßes Geklimper

Perlen, Kamelienblüten und Pailletten: Sie werden zurzeit mannigfach auf Kleidern befestigt. Unseren Stilkritiker Tillmann Prüfer erinnert der Prunk an den französischen Sonnenkönig. von 

Daran hat man ganz schön schwer zu tragen: Kleid mit Applikationen von Dolce&Gabbana, 3950 Euro

Daran hat man ganz schön schwer zu tragen: Kleid mit Applikationen von Dolce&Gabbana, 3950 Euro  |  © Peter Langer

Es wird in der Mode zurzeit ziemlich viel aufgenäht. Besonders bei den Abendkleidern finden sich so viele Perlen, Kamelienblüten und Pailletten wie selten. Solche Applikationen galten lange als ein bisschen damenhaft und ältlich – nun sind sie überall zu sehen. Dolce & Gabbana bestickt aufwendig Kleider, Gucci ebenso, und bei Alexander McQueen hat die Designerin Sarah Burton so viele kleine Bienchen auf die Modelle nähen lassen, dass einem ganz krabbelig werden kann.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Es gibt natürlich ein Motiv dafür, warum in der Mode so viel gestickt wird. Heute ist es sehr leicht, ein Kleid zu kopieren. Ein bestimmter Schnitt, den ein Designer einführt, hängt bald auch in den Läden der Konkurrenz – und das oft zu einem Bruchteil des Preises. Also muss man der Kleidung Eigenschaften verleihen, die sie einzigartig machen und der Kundin eine Rechtfertigung geben, dafür viel Geld zu bezahlen. Stickereien und aufgenähte Elemente sind nur durch Handarbeit zu fertigen – und damit ein Detail, das Exklusivität ausstrahlt.

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Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Art, sich zu kleiden, sehr an den Barock mit seinen reich bestickten höfischen Gewändern erinnert. Es war die Zeit Ludwigs XIV. – des Sonnenkönigs, der ja gleichzeitig auch ein Sonnenuntergangskönig war, denn damals geriet die alte gesellschaftliche Ordnung ins Wanken: Das Bürgertum erstarkte, und die Macht der Kirche wurde infrage gestellt. Die Antwort auf diese Bewegungen war der Prunk. Der König machte sein Leben zu einer öffentlichen Zeremonie, um den auseinanderstrebenden Adel bei sich am Hofe zusammenzuhalten und zu kontrollieren. Der Monarch musste heller als alle anderen erstrahlen. Auch die Kirche staffierte damals ihre Gotteshäuser besonders aufwendig aus, um die Autorität des Allmächtigen zu betonen. Prunk ist also kein Zeichen von Macht, sondern Ausdruck der Angst vor ihrem Verlust. Somit spricht auch aus den protzigen Roben etwas Ängstliches. Sie sind eine Demonstration des Elitären, das sich gegen eine neue Zeit panzern will. Hoffentlich kommt diese Zeit bald. Denn an den Kleidern mit all dem Geklimper hat man schwer zu tragen.

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Leserkommentare
    • Mari o
    • 24. Januar 2013 10:41 Uhr

    Ein weites Feld:ein paar Beispiele aus der Geschichte:
    In den 50ern wehrte man sich mit dem sogenannten Gelsenkirchner
    Barock gegen Bauhaus usw.usf.Bei den Soffjets mit dem Zuckerbäckerstil gegen den Suprematismus.
    Dann gabs schon mal den protestantischen Bildersturm, leere Wände .Als Ersatz prunkvolle Musik(Bach usw)
    In Venedig wurde gegen zuviel Prunk schwarz befohlen.
    Reduktion stärkt,so Beckett.im Gegensatz zu Joyce.
    usw.usf.usw.usf.Gefällt mir

  1. Ich fühle mich eher an die Zeiten von Ludwig XVI erinnert.

    Die Bessergestellten beklagen ihr Leid.

    Währenddessen brodelt es an allen Ecken und Enden. Weil das Brodeln unschöln ist, ist man froh darüber, sich gegenseitig dessen moralische Falschheit bestätigen zu können.

    Ach ja, richtig, es geht um Mode...

    KLAR DOCH!

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    • Mari o
    • 29. Januar 2013 0:32 Uhr

    Reform-Oper gegen RokokoTralala.Man hatte in Versailles schon ein mulmiges Gefühl und wünschte sich irgendwie klarere Linien.
    ganz ähnlich heutzutage.Manche der obernen Mittelschicht machen
    kokett den Versuch bessere Menschen zu werden.ZEITmagazin13/05
    und dann bricht plötzlich der ganze Laden zusammen.
    Man konnte es sich damals,und wir können es uns heute einfach nicht vorstellen.

    • Mari o
    • 29. Januar 2013 0:32 Uhr

    Reform-Oper gegen RokokoTralala.Man hatte in Versailles schon ein mulmiges Gefühl und wünschte sich irgendwie klarere Linien.
    ganz ähnlich heutzutage.Manche der obernen Mittelschicht machen
    kokett den Versuch bessere Menschen zu werden.ZEITmagazin13/05
    und dann bricht plötzlich der ganze Laden zusammen.
    Man konnte es sich damals,und wir können es uns heute einfach nicht vorstellen.

    Antwort auf "Ludwig XIV?"
  2. ... wer sich heute noch an die Zeiten Louis quatorces erinnert ...

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Adel | Alexander McQueen | Barock | Demonstration | Geld | Gucci
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