Pro/ContraBrauchen wir noch mehr Studenten?

Rund die Hälfte der Schulabgänger nimmt inzwischen ein Studium auf. Noch immer zu wenige, kritisiert die OECD, die Denkfabrik der Industrieländer, die auch die Pisa-Studie initiiert hat. Wir haben zwei Bildungsfachleute um ihre Meinung gebeten. von Walter Müller und Heinz-Elmar Tenorth

Pro: Hoch qualifizierte Experten und Dienstleister schaffen Arbeitsplätze

Ja, aus Gründen der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit und der sozialen Gerechtigkeit. Das Land benötigt nicht nur mehr Studenten, sondern vor allem mehr erfolgreiche Hochschulabsolventen. Was den Anteil der Absolventen an der Bevölkerung angeht, ist Deutschland hinter andere Länder zurückgefallen. Bei den heute 55- bis 64-Jährigen ist hierzulande die Quote der Hochschulabsolventen nur um einen Prozentpunkt niedriger als im Durchschnitt aller OECD-Länder (15 Prozent gegenüber 16 Prozent). Bei den 25- bis 34-Jährigen ist diese Differenz auf 9 Prozentpunkte (19 Prozent versus 28 Prozent) angestiegen.

Dem geringen Akademikeranteil stehen wachsende Anforderungen an die Arbeitskräfte entgegen, nicht zuletzt als Folge von Computerisierung, Robotisierung und Globalisierung. Sie ergeben sich aus dem raschen wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel. Arbeitsplätze entstehen vor allem in wissensintensiven Branchen wie etwa der Medizintechnik oder der Softwareentwicklung. Zugleich verlangt die technisierte und verwissenschaftlichte Arbeitswelt fast überall, auch in der Industrie, zunehmend mehr abstrakte, vor allem in der Allgemeinbildung vermittelte Fähigkeiten. Auch eine größere Anpassungsfähigkeit und lebenslanges Lernen sind gefordert. Das zeigen unzählige Studien.

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Einem Teil dieses Wandels kann man möglicherweise durch die verstärkte Förderung der Allgemeinbildung in Verbindung mit der Berufsbildung gerecht werden.

Niemand kann den darüber hinaus bestehenden wachsenden Bedarf an Hochschulabsolventen exakt vorausberechnen. Aber keiner der soliden Versuche, ihn zu ermitteln, kommt zu dem Ergebnis, dass zu viele junge Menschen an Hochschulen ausgebildet werden. Hoch qualifizierte Experten und Dienstleister schaffen in den entwickelten Wirtschaften die Arbeitsplätze von heute und morgen. Der Wettbewerbsvorteil von Produkten und damit die Arbeitsplätze sind nur zu halten, wenn sie auch technologisch voraus sind. Auf verschiedenen Gebieten, die eine Hochschulbildung erfordern, besteht heute schon ein Mangel an Fachkräften, weitere sind für die Zukunft erkennbar. Zum Beispiel fehlen Ingenieure, Informatiker, Ärzte und bestimmte Naturwissenschaftler.

In manchen Berufssegmenten sind die Anforderungen außerdem derart angestiegen, dass mit guten Gründen gefordert wird, die Ausbildung dafür weiter anzuheben. Dazu gehört beispielsweise das Fachpersonal in der frühkindlichen Erziehung und im Gesundheitswesen. In anderen Ländern wird das Fachpersonal teilweise schon lange mit Erfolg nach einem Sekundarabschluss mit Studienberechtigung auf der Hochschulstufe ausgebildet.

Auch der Arbeitsmarkt sendet Signale, die den Bedarf und die individuellen wie gesellschaftlichen Erträge der Hochschulbildung zeigen. Zum einen rufen Unternehmen schon nach Rekrutierung von hoch qualifiziertem Personal aus dem Ausland. Zum andern finden sich Hochschulabsolventen in praktisch jeder denkbaren Hinsicht in einer besseren Lage als Angehörige anderer Qualifikationsgruppen: Sie sind häufiger und länger erwerbstätig, häufiger in Vollzeit und wesentlich seltener arbeitslos. In aller Regel sind Hochschulabsolventen auch recht flexibel, bei einem Überangebot in ihrem Studienfach dennoch eine dem Niveau ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit zu finden.

Obwohl der Anteil der Akademiker in den letzten Jahren gewachsen ist, ist der Einkommensvorsprung von Absolventen der Hochschulen gegenüber denen der Berufsausbildung sogar deutlich angestiegen. Überdurchschnittlich wachsende Löhne sind ein klarer Hinweis für eine starke Nachfrage. Arbeitgeber überweisen Monat für Monat einem Universitätsabsolventen im Mittel etwa 1000 Euro mehr als selbst jemandem, der Berufsausbildung und Hochschulberechtigung erworben hat. Sie würden das kaum tun, wenn sie nicht einen Gewinn davon hätten.

Hochschulbildung ist aber auch für den Staat und die Gesellschaft, die sie bezahlen, ein gutes Geschäft. Eine OECD-Bilanz von Ausbildungskosten, Einkünften durch höhere Steuern und andere Abgaben sowie von eingesparten Sozialkosten kommt zu dem Ergebnis: Jeder Hochschulabsolvent bringt im Laufe seines Lebens dem Staat im Durchschnitt 100000 Euro mehr ein als nur beruflich qualifizierte Mitbürger.

Walter Müller

Der Soziologe hat bis zu seiner Emeritierung 2006 an der Uni Mannheim gelehrt. Müller ist Experte für den Vergleich von Bildungssystemen.

Ökonomische Effizienz- und Verwertungsbetrachtungen allein greifen aber zu kurz. Seit der Soziologe Ralf Dahrendorf 1965 seinen Aufruf Bildung ist Bürgerrecht formulierte, ist die Welt noch um ein Vielfaches komplexer und undurchsichtiger geworden. Damit Bürger in einer solchen Welt selbstbestimmt bestehen, ihre Rechte wahrnehmen und im demokratischen Prozess kompetent mitbestimmen können, kann es kaum je zu viel Bildung geben. Und nach wie vor gibt es massiv ungleiche Chancen. Viele begabte Kinder können weiterhin ihr Potenzial für höhere Bildung nicht ausschöpfen.

All dies spricht für höhere Studierquoten. 

Leserkommentare
    • DonataB
    • 04. Februar 2013 15:17 Uhr

    Ich bin Professorin an einer koreanischen Uni. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, daß das Studium auch in Fächern wie Volkswirtschaftslehre mit deutschen Standards eher wenig vergleichbar ist. Daneben kann man an koreanischen zweijährigen Unis auch Fächer wie Hundefriseur oder Töpfern studieren. Die koreanische Regierung versucht relativ verzweifelt, von der deutschen Berufsbildung zu lernen und beispielsweise Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche nach dem High-School-Abschluß zu schaffen.

    Man sollte außerdem auch wissen, daß Andreas Schleicher, Abteilungsleiter bei der OECD und für die meisten Vergleichsstudien verantwortlich, selbst Deutscher ist und offensichtlich mit dem deutschen Bildungssystem größere Schwierigkeiten als Schüler hatte. Den Groll scheint er nun bei jeder Studie auszulassen. Das soll nun nicht heißen, daß das deutsche Bildungssystem keine Probleme hätte, aber man sollte die Dinge doch etwas in Perspektive setzen und sehen.

    7 Leserempfehlungen
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    • zamm
    • 04. Februar 2013 15:45 Uhr

    …was nicht unbedingt Hochschulabschluss heissen muss! Ich gebe Ihnen völlig recht: Die sehr abweichenden Zahlen unter den Ländern sind nicht aussagekräftig, da was man unter "Hochschule" versteht zu stark variiert.
    Komisch, dass es Ländern mit besonders tiefe Quoten beim Hochschulabschluss (Deutschland, Schweiz) nicht so schlecht geht… und dass diese Länder eher auf einem starken Dualsystem basieren!
    Spanien will jetzt offenbar auch dieses System einführen - ich kann mir kaum Vorstellen, was Herr Schleicher davon hält.

    Das wirft natürlich einen neuen Blick auf das Ganze, die Frage ist ob Kanada und Japan ähnlich gestrickt sind.
    Mein Hauptkritikpunkt ist auch eher das Bildung in Deutschland teilweise noch als Exklusivrecht eingestuft wird, vor allem von gewissen Interessengruppen. Bildung sollte aber jedem Zuteil werden und zwar immer und überall, ein Menschenrecht sozusagen. Ich denke das Internet ist hier ein unglaublich toller Katalysator. Denn ein Problem der Zukunft wird sein das einfache Arbeit noch weiter automatisiert wird, also insgesamt weniger Arbeitskraft benötigt wird.

    • Zora01
    • 04. Februar 2013 15:29 Uhr

    so weiter geht, kann man in wenigen Jahrzehnten ohne Uni-Abschluss nicht mal mehr Einzelhandelskauffrau oder Arzthelferin werden. Und eine Bahnhofstoilette darf niemand mehr ohne Dipl.-Ing. für Hydrotechnik beaufsichtigen.

    Im wesentlichen steigen nicht die Ansprüche der Arbeit, sondern noch viel mehr das Streben nach auszeichnungen.

    Kindergartenkinder z.B. sind heute genausowenig auf studierte Pädagogen angewiesen, wie früher. Ich kenne sehr gute Erzieherinnen, deren Qualifikation auf Mittlerer Reife und Ausbildung beruht, und wüsste rein gar nichts, was eine studierte Pädagogin besser machen könnte.

    3 Leserempfehlungen
    • kamau
    • 04. Februar 2013 15:30 Uhr

    Früher, noch vor zehn Jahren, haben in unserer Firma gelernte Büro- Industrie- oder Bankkauffrauen/Männer (und ähnliche Büroberufler/innen) die diversen Materialien für die Firma bestellt. Der Chef und die Vertretung waren natürlich Studierte. Heute gibt es im Einkauf (ca. 25 Personen) nur noch Leute mit Masterabschlüssen und höher. Kann mir einer erklären, weshalb man zum Bestellen von Papier oder Kugelschreibern ein Studium braucht? Verbessert hat sich dadurch an den Arbeitsabläufen rein garnichts, bürokratisiert hat sich dadurch aber ALLES! Eine befreundete gelernte Erzieherin, die die KIGA Leitung vor Jahren aufgrund ihrer Berufserfahrung und beruflichen Qualifikation bekam, hätte heute erhebliche Schwierigkeiten neben Bachelor- und Masterabschlüssen zu bestehen.
    Weshalb zählt Berufserfahrungen und berufliche Qualifikation so wenig in Deutschland? Haben wir in Zukunft nur noch Kleppner, Schreiner, Krankenpfleger und Gärtner/Innen mit Bacheler-Masterabschluß? Und wollen dann alle Manager werden? Wer macht in einer total akademisierten Welt die Arbeit? Kann mir das bitte mal jemand erklären?

    11 Leserempfehlungen
    • Supi
    • 04. Februar 2013 15:37 Uhr

    wenn in solchen Artikeln alle Zahlen genannt würden.

    "Die Hälfte der Schulabgänger studiert heute"

    Welche Studiengänge sind gemeint? Hochschule, FH, BA, Bachelor???
    Und gab es früher nennenswerte FH-Abschlüsse?
    Und wieviel % haben Abitur? Heute 40 %, früher 10 %???

    • zamm
    • 04. Februar 2013 15:45 Uhr

    …was nicht unbedingt Hochschulabschluss heissen muss! Ich gebe Ihnen völlig recht: Die sehr abweichenden Zahlen unter den Ländern sind nicht aussagekräftig, da was man unter "Hochschule" versteht zu stark variiert.
    Komisch, dass es Ländern mit besonders tiefe Quoten beim Hochschulabschluss (Deutschland, Schweiz) nicht so schlecht geht… und dass diese Länder eher auf einem starken Dualsystem basieren!
    Spanien will jetzt offenbar auch dieses System einführen - ich kann mir kaum Vorstellen, was Herr Schleicher davon hält.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Studium Hundefriseur"
  1. Wenn man Länder statistisch vergleichen will muss man zuerst sicherstellen ob die Daten überhaupt vergleichbar sind.

    Da das deutsche Bildungssystem sich noch vor der Bologna-Reform erheblich auf universitärer Ebene von anderen Länder unterschied und es weiterhin auf Schulebene und Berufsschulebene dies tut sind diese Daten womöglich einfach nicht vergleichbar.

    Was mich wundert ist eigentlich viel mehr die Vorgehensweise des OECD. Denn diese große Organisation muss doch eigentlich in ihren Studien für die Vergleichbarkeit der Daten sorgen...

    Oder wollen diese Studien etwas ganz anderers vermitteln?!

    Wollen sie eigentlich sagen, daß eben nach der Angleichung des deutschen Hochschulsystems ebenfalls die berufliche Bildung angeglichen werden soll und eben auch letzendlich das Schulsystem und das Kindergartensystem etc?

    Denn wenn Krankenschwestern studieren müssen um arbeiten zu können, dann gibt es automatisch mehr Studenten. Ganz einfach.

    Allerdings zeigt sich in England die Krux der Akademisierung von Professionen: der Krankenpfleger möchte aufgrund seines akademischen Hintergrunds lieber die Pflege managen als selbst ausführen.

    In vielen Berufen ist es gut wenn Hand und Kopf eine Einheit bilden, das hat eben mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis zu tun.

    Die Gesellschaft sollte ehrlich sein: oft lohnt sich ein langes Studium nicht, wenn man im nachhinein Arbeiten ausführen muss, die auch von jemanden mit mittleren Abschluss geleistet werden können.

    3 Leserempfehlungen
  2. Irgendwer muss doch schließlich auch noch die Arbeit machen ;-)

    Nur mit leitenden Angestellten in Top-Positionen bei Dienstleistern und Akademikern in Instituten wird's wohl kaum gehen!

  3. Herrn Tenorth weitestgehend zu. Ich sehe keinen Vorteil darin mehr Studiengänge zu schaffen, nur weil das Ausland da voran pflügt. Die Probleme wurden angesprochen. Niemand garantiert einem einen Job, trotz Studium und die finanziellen Anreize sind längst nicht so, wie immer behauptet. Wegen der Finanz lohnt sich ein Studium heute kaum noch. Mann sollte es schon aus mehreren Gründen tun. Ganz deutlich sieht man es ja bei den Geisteswissenschaftlern: Generation Praktikum lässt grüßen. Nee, da sollte man lieber darauf achten, dass man generell gut ausgebildete und an der Praxis orientierte Berufe hat, denn nur Akademiker verkraftet kein Land. Wer bedient dann die CNC Maschine, wer schweißt, .... ?
    Ich habe oft genug mehr Respekt vor einem gut ausgebildeten Fachmann, oder Techniker, denn Akademiker hinken trotz ihres Abschlusses da manchmal hinterher und outen sich eher als fachliche Pflaumen und Heißluftgebläse, trotz eigentlich höheren Abschlusses. Die Qualität leidet oft genug, bei Inflation und das sollte man bei der Hochschulausbildung tunlichst so lassen. Universitäre Ausbildung hat für mich in Dt. einen hohen Stellenwert, den sollte man nicht aufweichen, was leider aber teilweise passiert. Und man muss nicht jeden Scheiß mitmachen und allem hinterher rennen. Manchmal tut man gut daran Dinge so zu lassen, wie sind. Dt. täte sich eher einen Gefallen, wenn es in der Bildung die Ansprüche mal überprüft, denn auf Dauer gewinnt nur Qualität. Muss ja auch nicht jeder studieren.

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  • Schlagworte Student | OECD | Hochschule | Bildungschancen
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