Pro/Contra: Brauchen wir noch mehr Studenten?
Rund die Hälfte der Schulabgänger nimmt inzwischen ein Studium auf. Noch immer zu wenige, kritisiert die OECD, die Denkfabrik der Industrieländer, die auch die Pisa-Studie initiiert hat. Wir haben zwei Bildungsfachleute um ihre Meinung gebeten.
Pro: Hoch qualifizierte Experten und Dienstleister schaffen Arbeitsplätze
Ja, aus Gründen der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit und der sozialen Gerechtigkeit. Das Land benötigt nicht nur mehr Studenten, sondern vor allem mehr erfolgreiche Hochschulabsolventen. Was den Anteil der Absolventen an der Bevölkerung angeht, ist Deutschland hinter andere Länder zurückgefallen. Bei den heute 55- bis 64-Jährigen ist hierzulande die Quote der Hochschulabsolventen nur um einen Prozentpunkt niedriger als im Durchschnitt aller OECD-Länder (15 Prozent gegenüber 16 Prozent). Bei den 25- bis 34-Jährigen ist diese Differenz auf 9 Prozentpunkte (19 Prozent versus 28 Prozent) angestiegen.
Dem geringen Akademikeranteil stehen wachsende Anforderungen an die Arbeitskräfte entgegen, nicht zuletzt als Folge von Computerisierung, Robotisierung und Globalisierung. Sie ergeben sich aus dem raschen wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel. Arbeitsplätze entstehen vor allem in wissensintensiven Branchen wie etwa der Medizintechnik oder der Softwareentwicklung. Zugleich verlangt die technisierte und verwissenschaftlichte Arbeitswelt fast überall, auch in der Industrie, zunehmend mehr abstrakte, vor allem in der Allgemeinbildung vermittelte Fähigkeiten. Auch eine größere Anpassungsfähigkeit und lebenslanges Lernen sind gefordert. Das zeigen unzählige Studien.
Einem Teil dieses Wandels kann man möglicherweise durch die verstärkte Förderung der Allgemeinbildung in Verbindung mit der Berufsbildung gerecht werden.
Niemand kann den darüber hinaus bestehenden wachsenden Bedarf an Hochschulabsolventen exakt vorausberechnen. Aber keiner der soliden Versuche, ihn zu ermitteln, kommt zu dem Ergebnis, dass zu viele junge Menschen an Hochschulen ausgebildet werden. Hoch qualifizierte Experten und Dienstleister schaffen in den entwickelten Wirtschaften die Arbeitsplätze von heute und morgen. Der Wettbewerbsvorteil von Produkten und damit die Arbeitsplätze sind nur zu halten, wenn sie auch technologisch voraus sind. Auf verschiedenen Gebieten, die eine Hochschulbildung erfordern, besteht heute schon ein Mangel an Fachkräften, weitere sind für die Zukunft erkennbar. Zum Beispiel fehlen Ingenieure, Informatiker, Ärzte und bestimmte Naturwissenschaftler.
In manchen Berufssegmenten sind die Anforderungen außerdem derart angestiegen, dass mit guten Gründen gefordert wird, die Ausbildung dafür weiter anzuheben. Dazu gehört beispielsweise das Fachpersonal in der frühkindlichen Erziehung und im Gesundheitswesen. In anderen Ländern wird das Fachpersonal teilweise schon lange mit Erfolg nach einem Sekundarabschluss mit Studienberechtigung auf der Hochschulstufe ausgebildet.
Auch der Arbeitsmarkt sendet Signale, die den Bedarf und die individuellen wie gesellschaftlichen Erträge der Hochschulbildung zeigen. Zum einen rufen Unternehmen schon nach Rekrutierung von hoch qualifiziertem Personal aus dem Ausland. Zum andern finden sich Hochschulabsolventen in praktisch jeder denkbaren Hinsicht in einer besseren Lage als Angehörige anderer Qualifikationsgruppen: Sie sind häufiger und länger erwerbstätig, häufiger in Vollzeit und wesentlich seltener arbeitslos. In aller Regel sind Hochschulabsolventen auch recht flexibel, bei einem Überangebot in ihrem Studienfach dennoch eine dem Niveau ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit zu finden.
Obwohl der Anteil der Akademiker in den letzten Jahren gewachsen ist, ist der Einkommensvorsprung von Absolventen der Hochschulen gegenüber denen der Berufsausbildung sogar deutlich angestiegen. Überdurchschnittlich wachsende Löhne sind ein klarer Hinweis für eine starke Nachfrage. Arbeitgeber überweisen Monat für Monat einem Universitätsabsolventen im Mittel etwa 1000 Euro mehr als selbst jemandem, der Berufsausbildung und Hochschulberechtigung erworben hat. Sie würden das kaum tun, wenn sie nicht einen Gewinn davon hätten.
Hochschulbildung ist aber auch für den Staat und die Gesellschaft, die sie bezahlen, ein gutes Geschäft. Eine OECD-Bilanz von Ausbildungskosten, Einkünften durch höhere Steuern und andere Abgaben sowie von eingesparten Sozialkosten kommt zu dem Ergebnis: Jeder Hochschulabsolvent bringt im Laufe seines Lebens dem Staat im Durchschnitt 100000 Euro mehr ein als nur beruflich qualifizierte Mitbürger.
Der Soziologe hat bis zu seiner Emeritierung 2006 an der Uni Mannheim gelehrt. Müller ist Experte für den Vergleich von Bildungssystemen.
Ökonomische Effizienz- und Verwertungsbetrachtungen allein greifen aber zu kurz. Seit der Soziologe Ralf Dahrendorf 1965 seinen Aufruf Bildung ist Bürgerrecht formulierte, ist die Welt noch um ein Vielfaches komplexer und undurchsichtiger geworden. Damit Bürger in einer solchen Welt selbstbestimmt bestehen, ihre Rechte wahrnehmen und im demokratischen Prozess kompetent mitbestimmen können, kann es kaum je zu viel Bildung geben. Und nach wie vor gibt es massiv ungleiche Chancen. Viele begabte Kinder können weiterhin ihr Potenzial für höhere Bildung nicht ausschöpfen.
All dies spricht für höhere Studierquoten.







Nehmen wir mal an, dass nun 75% eines Jahrganges in der jetzigen Verteilung der Fächer studieren, was ändert sich dann? Richtig wäre, wir hätten mehr Naturwissenschaftler, löst die Probleme? Teils. Andere Länder nehmen Hochschulen als Ausbildungsersatz. Ein Politologe der später im Vertrieb arbeitet, hat bestimmt ein gutes Wissen in Politologie, nur mit dem Job hat es nur teilweise etwas zu tun. Hochschulen können eine sinnvolle Ausbildung leisten, müssen sie aber nicht. Wer studiert hat, kann deutlich wengier geeignet für eine Führungsposition sein als jemand mit Berufsausbildung. Wir müssen aus diesem Kastendenken weg und verschiedene Zugänge schaffen und die Studiengänge stärker an die Berufe koppeln. Ausbildungen mit parallem Studium sind hier gute Ansätze. Das Lebeneinkommen muss gleich sein, nicht die Monatslöhne. Ausbildungsberufe sollte man nicht als minderqualifizierter Ansehen. Ein Techniker kann auf jedenfalls besser kalkulieren als mancher BWLer. Fazit: Wir müssen durchlässigkeit von Berufen und Positionen erhöhen und lernen, dass Fähigkeiten in einem Feld nur unzureichend durch einen Abschnluss nachgewiesen werden. Ob jemand etwas kann, sieht man erst, wenn er arbeitet. Und da wir den genauen Bedarf nicht vorhersehen können, bringt es auch nichts Studiengangsverteilungen zu ändern. Die Lösung ist. Durchlässigkeit und Flexibilität. "Und danke an die Industriearbeiter die uns aus der Finanzkrise geholfen haben und danke liebe studierte Bänker für diese"(Sarkasmus)
Wie schon von anderen geschrieben, lässt sich der Absolventen- und Studierendenanteil in Deutschland nur schwer mit anderen Ländern vergleichen. Würde man fairerweise die Berufsausbildungen in die Statistik hinzunehmen - wo in anderen Ländern ein kleines Studium eine vergleichbare Ausbildung darstellt - sähe die Lage doch anders aus.
Mir scheint es eher so, dass die meisten Absolventen für ihre Positionen überqualifiziert sind. Wo früher ein Angelernter oder jemand mit einer soliden kaufmännischen Berufsausbildung ins Unternehmen einsteigen konnte, muss es heute für manche Stellen ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler sein, dem seine Bildungs- und Forschungsanstrengungen im Unternehmensalltag wirklich nur minimal nutzen.
Für die Unternehmen mag es ja komfortabel sein, unter Überqualifizierten wählen zu können. Für das Individuum ist das nur eine endlose Tretmühle, wenn irgendwann ein Top-Studium, Promotion und drei Auslandspraktika nicht mehr ausreichen, um im Kampf um eine befristete halbe Stelle den kürzeren zu ziehen, weil andere noch mehr im Lebenslauf stehen haben ...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren