DIE ZEIT: Frau Unseld-Berkéwicz, beginnen wir angesichts der Ereignisse um Ihren Verlag mit einer schlichten Frage: Wie geht es Ihnen?

Ulla Unseld-Berkéwicz : Ich habe gestern ein neues Manuskript von Peter Handke gelesen und heute morgen eines von Ann Cotten. Also geht’s mir gut. Aber natürlich ist die derzeitige Situation sehr belastend.

ZEIT: Im Dezember unterlagen Sie beim Landgericht Berlin gegen den Minderheitsgesellschafter Hans Barlach und wurden als Geschäftsführerin abberufen, da der Einsatz finanzieller Mittel nicht korrekt mit diesem abgestimmt war – Sie haben Räume Ihrer Privatvilla in Berlin-Nikolassee rechtswidrig an Ihren eigenen Verlag für Veranstaltungen und Übernachtungen vermietet. Jetzt planen Sie, in Berufung zu gehen, ist das richtig?

Unseld-Berkéwicz: Die Familienstiftung hat bereits Berufung gegen das Urteil eingelegt. Der Verlag benötigt Räumlichkeiten für repräsentative Zwecke. Die festgestellte Überschreitung der Zustimmungsgrenze, wie sie das Gericht sieht, hätte in dieser Form nicht gegriffen, wenn beispielsweise berücksichtigt worden wäre, dass sich die Kosten auf Suhrkamp und Insel verteilen. Und überhaupt konnte es zu dieser Überschreitung nur kommen, weil wir von der Kaltmiete ausgegangen sind – und nicht, wie das Gericht, von einer Summe aus Kaltmiete und Nebenkosten. Hinzu kam, dass das Gericht die Kosten für verschiedene Möbelstücke, die im Laufe der Zeit vom Verlag angeschafft wurden, zu einer Investition zusammengefasst hat und auch darin die Überschreitung einer Zustimmungsgrenze sah.

ZEIT: Sie haben also Kalt- und Warmmiete verwechselt?

Unseld-Berkéwicz: Aber nein. Wir haben die Kaltmiete für wesentlich gehalten, weil es dabei keine jährlichen Schwankungen gibt. Und der Gesamtbetrag der Überschreitung liegt einschließlich der Nebenkosten bei 4.200 Euro pro Jahr – ich muss das bitte noch einmal sagen: 4.200 Euro pro Jahr über dem Schwellenwert des Gesellschaftsvertrags. Und der Verlag hatte ja auch vorher über Jahre einen Mietvertrag für repräsentative Räumlichkeiten in der Fasanenstraße, der durch den neuen Vertrag ersetzt wurde. So oder so würden Kosten für die Anmietung von Räumen entstehen, für Buchpräsentationen, Lesungen und Autorentreffen. Und die Räumlichkeiten in meinem Haus bieten im Gegensatz zur Fasanenstraße auch Übernachtungsmöglichkeiten für Autoren und Gäste des Verlags, und insgesamt werden hier die Verhältnisse geschaffen, wie sie auch in Frankfurt in der Suhrkamp-Villa vorhanden waren und wie sie seit 40 Jahren Suhrkamp-Tradition im Hause des Verlegers sind.

ZEIT: Haben Sie als Eigentümerin des Hauses nicht eine unzulässige Vermischung von Privatem und Geschäftlichem betrieben?

Unseld-Berkéwicz: Das habe ich nicht. Und dieser Aspekt spielt in der gerichtlichen Auseinandersetzung und in der rechtlichen Argumentation auch keine Rolle. Das Landgericht Berlin geht in seinen Entscheidungsgründen hierauf mit keinem Wort ein, anders als dies Herr Barlach öffentlich behauptet. Richtig ist, dass ich zusammen mit meinem Bruder Eigentümer der Berliner Immobilie bin und wir dort in eigenen abgetrennten Bereichen auch privat wohnen.

ZEIT: Ist der Verlag nach diesem Urteil führungslos?

Unseld-Berkéwicz: Der Verlag ist nicht führungslos und wird es auch nie sein. Zum einen ist das Urteil des Landgerichts Berlin nicht rechtskräftig und entfaltet daher noch keine Wirkung. Zum anderen werde ich mit der Mehrheit der Familienstiftung zu jedem Zeitpunkt dafür sorgen, dass eine Geschäftsführung vorhanden ist.

ZEIT: Hans Barlach fordert, dass Sie sich aus der Geschäftsführung zurückziehen, um noch einen Kompromiss zu ermöglichen, womit sich die derzeitigen Rechtsstreitigkeiten erübrigen würden. Ist ein solcher Schritt für Sie denkbar?

Unseld-Berkéwicz: Die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung ist Mehrheitsgesellschafterin der Verlagsgruppe. Ich selber bin – und jetzt kommt ein juristischer Terminus – die »geborene Mitstifterin« und kann die Geschäftsführung berufen. Ich werde mich in dem Moment aus dem operativen Geschäft des Verlags zurückziehen, in dem es für den Verlag richtig ist, so wie ich in dem Moment eingestiegen bin, als es richtig und notwendig war.

ZEIT: Das heißt, Sie schließen einen Rücktritt nicht aus?

Unseld-Berkéwicz: Hans Barlachs Forderungen gehen doch weit über meinen Rücktritt hinaus. Sie folgen dem Ziel, maximale Ausschüttungen zu erhalten, und offenbar beabsichtigt er, wie der Focus ihn zitiert, den Verlag zu übernehmen. Diese Ziele werden mit allen Mitteln verfolgt, zum Beispiel auch mit Klagen gegen die Geschäftsführung persönlich, mit Klagen auf Ausschüttungen in Millionenhöhe, mit der Vorstellung, man solle doch Bankkredite aufnehmen, um Ausschüttungen an ihn vorzunehmen, und mit seit Jahren immer wiederkehrenden Versuchen, mehr Mitspracherechte zu erwirken. Sie können sicher sein, dass dies – mit oder ohne mich in der Geschäftsführung – immer die Logik seines Handelns bleiben wird. Jetzt zum Beispiel betreibt er die juristische Auflösung des Verlags, damit die Medienholding dann, so stellen es sich ihre Juristen offenbar vor, den Suhrkamp Verlag insgesamt kaufen kann.